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Zug um Zug

LÜNEN Kleine Jungen beneiden ihn, große häufig auch. Jurij Fras ist Lokführer und täglich auf der Schiene. Doch wer meint, diesen Beruf mit der heimischen Modelleisenbahn-Schwärmerei vergleichen zu können, ist gedanklich auf dem falschen Gleis.

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Lokführer Jurij Fras: Vor jeder Abfahrt muss er aus seinem Fenster kontrollieren, ob der Zug Abfahrt bereit ist.

Der Weg ist ganz schön lang, wenn man vor der Rückfahrt im hinteren Führerstand etwas vergessen hat.

Hochkonzentriert, unterschiedliche Signale, wichtige Anzeigen und die Lämpchen des Führerhauses ständig im Blick, lotst der 25-Jährige Profi mit ruhiger Hand die Westmünsterlandbahn der Prignitzer Eisenbahn von Lünen nach Dortmund.

Er mag diese Strecke - unter Brücken her, durch Kurven, bis zum verwirrend wirkenden Gleisnetz des Dortmunder Hauptbahnhofs. Zwischendurch drei Stops in Preußen, Dortmund-Derne und Kirchderne. 14 Kilometer in 17 Minuten. Jurij Fras ist permanent beschäftigt.

Psychische Anspannung

Wir steigen um 9.45 Uhr in Lünen zu. Da hat der 25-Jährige schon vier Stunden seiner Schicht mit Zugvorbereitung hinter sich. Lokführer - das ist ein einsamer Beruf. Jurij Fras ist allein mit sich und der Bio-Diesel schluckenden Technik des Verbrennungstriebwagens VT 643.14. Er bewegt zwei Waggons mit über 300 Sitzplätzen, trägt Verantwortung für die Fahrgäste und eine Menge Kapital. "Es ist immer auch eine psychische Anspannung", sagt er.

Der Lokführer agiert zwischen Wachsamkeitstaste, Sicherheitsfahrschaltung und Signalen. Wenn er dieses einmal nicht bestätigt, bleibt der Zug automatisch stehen. "Da kann eigentlich nichts schiefgehen", kommentiert er die vielen Sicherheitsvorkehrungen. Fahrgäste merken den möglichen Lapsus an der ruckartigen Bremsung. "Passiert allen Lokführern irgendwann mal." Ein kurze Durchsage zur Erklärung, dann ist alles wieder im Lot.

Wir starten am Bahnhof, vorbei an Vor- und Lichtsignalen, Geschwindigkeits- und Gleiswechselanzeigen. Gleisarbeiter in orangen Westen sind auf der Strecke tätig. Fras gibt ein Achtungssignal, beim Pfeifen wissen sie, dass der Zug kommt. "Ich sehe lieber Menschen in Orange als andere", spielt Fras auf den Alptraum eines jeden Lokführers an, dass plötzlich Personen auf den Gleisen auftauchen könnten. Ihm ist das bislang noch nicht passiert. Dass sich mal ein Reh nicht an die Verkehrsregeln hält, kommt allerdings öfter vor. Der Gegenzug ist in Sichtweite. Jurij Fras winkt. Erster Halt Preußen. Alles läuft rund, die Bahn ist pünktlich. Sie kann 120 Kilometer pro Stunde, ist aber meist mit 100 unterwegs. Weit vor dem Ziel schon wird die Geschwindigkeit in 20er Schritten reduziert.

Wieder Abfahrt: Ein Blick aus dem Fenster, ob alle Fahrgäste an Bord sind, dann geht`s weiter.

Bald kommt der Hauptbahnhof in Sicht. Fras schaltet den Funkkanal von digital auf analog und informiert den Fahrdienstleiter. Pünktlich um 10.07 Uhr rollt er am Ziel auf Gleis 21 ein. Die erste Pause für Jurij Fras bis zur Rückfahrt. Kollege Marcus Brümmer fährt nach der Schlüsselübergabe den Zug aus dem Weg.

"Andere Länder, andere Sitten"

Bis zur Weiterfahrt. In Gegenrichtung geht´s um 10.52 Uhr ab Dortmund mit Ankunft 13.50 Uhr in Enschede. An der Grenze muss sich der Lokführer auf  "andere Länder, andere Sitten" einstellen. Vom Gegenzug erhält er eine Pistole, mit der in den Niederlanden die Signale freigeschossen werden. "Ein anderes System halt", sagt er.

Später lenkt Fras den Zug wieder zurück nach Coesfeld. Um 14 Uhr ist Feierabend. Dann hat er eine Schicht hinter sich, die für den Mann am Steuerpult eine ganz normale war, die den kleinen und großen Jungen aber sicherlich Respekt einflößen würde: Ein anspruchsvoller Traumjob.

 

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Lokführer Jurij Fras: Vor jeder Abfahrt muss er aus seinem Fenster kontrollieren, ob der Zug Abfahrt bereit ist.

Der Weg ist ganz schön lang, wenn man vor der Rückfahrt im hinteren Führerstand etwas vergessen hat.

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