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Auf den Schwerter Kegelbahnen fehlt der Nachwuchs

10 Cent kostet ein Wurf in die Gosse

Schwerte Kegelklubs fehlt der Nachwuchs. Warum ist das Hobby bei Jüngeren out? Und für andere unverzichtbar? Ein Besuch auf der Kegelbahn in der Schwerter Gaststätte Kutscherstube.

10 Cent kostet ein Wurf in die Gosse

Seit 35 Jahren gibt es den Kegelclub „Teenager Spätlese“ schon: Gertrud (v.l.), Angelika, Heidrun, Ulla, Silvia und Hildegard treffen sich einmal im Monat in der Kutscherstube. Foto: Bernd Paulitschke

Bevor die erste Kugel rollt, greift Silvia zum Telefon: „Grüß dich Hassan, zwei Hövels, ein Cappucchino, eine Apfelschorle, zwei kleine Wasser, ein großes Wasser. Danke!“ Auf der Kegelbahn gehört eine vernünftige Getränkeversorgung dazu. Auch wenn die Bestellung heute etwas anders ausfällt, als 1983 – damals hat Silvia (70) den Kegelklub „Teenager Spätlese“ gegründet. Über eine Zeitungsannonce hatte sie Mitkeglerinnen gesucht: Elf Frauen kamen so zusammen.

Neben ihr ist in der Kutscherstube noch Gründungsmitglied Gertrud (70) dabei. Nach und nach sind Hildegard (68), Heidrun (59), Angelika (71) und Ulla (68) dazugekommen, andere Frauen zogen sich zurück. Doch eins ist konstant geblieben: Alle vier Wochen stehen montags in der Kutscherstube Sechs-Tage-Rennen und Fredenbaum auf dem Programm. Aber das Hobby Kegeln ist auf dem absteigenden Ast – das wissen auch die sechs Frauen. „Früher war die zweite Kegelbahn nebenan auch immer besetzt, aber das ist schon lange nicht mehr so“, sagt Gertrud. „Was meinen Sie, wie oft wir früher von der Bahn geflogen sind, weil wir nicht genug verzehrt haben?“ Fragte damals ein Männerklub an, ob eine Bahn frei sei, musste der Frauenklub weichen.

Die Altersklasse liegt bei 55 aufwärts

Diese Auswahl haben Wirte schon lange nicht mehr, das bestätigt auch Christian Fromme, der die Kutscherstube führt. Zwar sind seine beiden Kegelbahnen am Wochenende noch komplett ausgebucht, auch montags und donnerstags läuft es noch gut. Es kommen noch immer regelmäßig 45 bis 50 Klubs. „Wir haben auch davon profitiert, dass andere Kegelbahnen geschlossen wurden“, so Fromme. Aber die Altersklasse liegt zum Großteil bei 55 Jahren aufwärts. Der Nachwuchs bleibt aus. „Leute, die sich nicht damit befassen, halten es vielleicht für langweilig. In den Köpfen steckt: Das ist ein Sport für alte Leute“, spekuliert der 40-Jährige, der selbst sehr gerne kegelt.

Diese Erfahrung hat auch Ante Jovic, Geschäftsleiter im Ostentor, gemacht. „Seit etwa sechs Jahren wird es immer weniger. Hier sterben die Kegelklubs langsam aus. Die jüngeren Leute kegeln einfach nicht. Ende der 80er-Jahre waren die Bahnen komplett ausgebucht. Jetzt haben wir noch 25 bis 30 Klubs, die regelmäßig kommen“, so Jovic. Der Nachwuchs fehlt auch bei Pferdekämper, sagt Wirtin Milica „Cica“ Mihelj. Irgendwann werde sich der Betrieb der Kegelbahn nicht mehr rechnen. „Die jungen Leute kommen wenn nur unregelmäßig“, sagt sie. Aber auf ihre Stamm-Kegelklubs, da sei Verlass. „Das sind alles nette Leute, tolle Klubs!“

2014 fand die letzte Stadtmeisterschaft statt

Nett geht es auch bei der „Teenager Spätlese“ zu: „Jetzt rechts vom Vorderholz mit Schmackes“, gibt Silvia einen Tipp, als Heidrun mit der Kugel die Pins anvisiert. Doch es hilft nichts: Die Kugel landet in der Gosse – und das kostet: 10 Cent wandern für jede Gosse in die Kegelkasse. Die Einnahmen werden sorgfältig in einem kleinen Heft eingetragen. Ebenso wie die Ergebnisse vom Fredenbaum: Wer seinen Vorjahresschnitt nicht schafft, muss ebenfalls zahlen. Sportlicher Ehrgeiz ist durchaus vorhanden. „Silvia war schon mehrfach Stadtmeisterin“, erzählt Angelika. Und auch als Mannschaft holte der Klub mehrfach den Sieg bei den Stadtmeisterschaften im Gesellschaftskegeln. „Auf die Veranstaltung haben wir uns jedes Jahr gefreut“, sagt Silvia.

10 Cent kostet ein Wurf in die Gosse

Weitere Titel werden aber nicht mehr hinzukommen: 2014 fanden die 53. und letzten Stadtmeisterschaften statt. „Die Beteiligung ließ immer mehr nach. In der Hochzeit waren es 50 Klubs, da wurde über 14 Tage von mittags bis spätabends gekegelt“, sagt Heiner Kockelke, Vorsitzender des ausrichtenden Stadtsportverbands. In den 90er-Jahren habe der Trend eingesetzt, dass es weniger Mannschaften wurden, erinnert sich Heinz-Friedrich „Fidi“ Schütte, der mit seinem Klub „Einer kippt immer“ mit 16 Jahren erstmals bei der Stadtmeisterschaft dabei war. „Das war eine lange Tradition und sehr bitter, als wir entscheiden mussten, die Meisterschaften nicht mehr zu organisieren“, so Kockelke. Aber mit immer weniger Teilnehmern habe es einfach keinen Sinn mehr gemacht, auch vom finanziellen Aufwand.

Erinnerungen an feuchtfröhliche Kegeltouren

„Gut Holz, Gut Holz, Gut Holz!“, rufen die sechs Damen von der „Teenager Spätlese“ in der Kutscherstube: Heidrun hat eine Geburtstagsrunde ausgegeben, Hassan bringt Pinnchen mit Hochprozentigem. Denn es ist nicht der sportliche Wettbewerb, der die Truppe zusammenhält: Sie lachen viel gemeinsam. Die besten Sprüche werden sogar im Kegelbuch notiert. „Ich esse heute keine Knobi-Creme, muss morgen zum Zahnarzt“, steht da – und die Antwort, die für reichlich Gegröhle sorgte: „Wenn dein Zahnarzt keinen Knoblauch abkann, hätte er Gynäkologe werden sollen.“

Höhepunkte des Klublebens sind natürlich die Kegeltouren – nach Travemünde, Sylt, Oslo, Dresden, Brüssel, Straßburg. „Weißte noch, da war ich mit Birgit auf dem Hotelflur unterwegs und wir haben das Zimmer nicht wiedergefunden und sind da im Nachthemd rumgetapst“, sagt Gertrud und lacht. „Wir haben schon manche Nacht durchgetrunken, bis morgens um sechs, umgezogen und dann zum Frühstück“, erinnert sich Angelika, ergänzt aber auch: „Heute geht es schon ruhiger zu.“

Möglich waren diese Touren nur, weil man sich konstant jeden Monat trifft und in die Kasse einzahlt. Auf diese Konstanz scheinen nur noch wenige Jüngere Lust zu haben. Cliquen unterhalb der 40 Jahre würden zwar auch mal kegeln, aber eben nur alle paar Monate einmal, schildern die Wirte. Da sei Kegeln dann ein einmaliges Event

Kegelbahn Haus Kreinberg wird zum Freizeit-Event

Zu dieser Entwicklung passt vielleicht, dass die Kegelbahn im Haus Kreinberg, das Gastronom Carlos Couto momentan umbaut, erhalten bleibt. Allerdings anders, als man es sonst kennt. „Es wird weiterhin eine Kegelbahn geben – allerdings eingebettet in das Gesamtkonzept“, sagt Architekt Andreas Georg Hanke. Carlos, der Pirat – das ist das Thema der neuen Gastronomie mit einem Segelschiff im großen Saal. Und dabei werde die Kegelbahn wie ein Verlies in einer Kellergrotte gestaltet. „Die klassische Kegelbahn hat eher angestaubten Charakter, wir setzen auf eine Kegelbahn mit Unterhaltungscharakter: Bei uns werden die ,Gefangenen‘ nicht angekettet, sondern sie dürfen im Verlies kegeln“, so Hanke.

Kegeln als Event? Das ist für Silvia, Gertrud, Hildegard, Heidrun, Angelika und Ula nicht nötig: „Die Geselligkeit“, antworten gleich drei der Damen gleichzeitig auf die Frage, warum sie kegeln. In 35 Jahren hat man viel gemeinsam erlebt, ist eine verschworene Gemeinschaft geworden: Man hat die Geburten von Enkelkindern und Silberhochzeiten gefeiert. „Und Scheidungen“, sagt eine der Keglerinnen mit einem Lachen.

Das Hobby Kegeln mag vielleicht nicht mehr „in“ sein – die Freundschaft ist es ganz sicher noch.

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