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Rezept reicht nicht für häusliche Grundpflege

Familie Braun braucht einen Pflegedienst - doch keiner kommt

Schwerte Bei Familie Braun in Schwerte sind derzeit nur der Saugroboter und die Haustiere fit. Alle drei Mitglieder des Haushaltes sind durch Krankheit und Verletzungen nicht in der Lage, sich und den Haushalt zu versorgen. Ein Pflegedienst ist verordnet - aber es kommt keiner.

Familie Braun braucht einen Pflegedienst - doch keiner kommt

Sabine Braun mit ihrem Rezept für häusliche Krankenpflege, das ihr bisher nichts genutzt hat. Foto: Bernd Paulitschke

Als Sabine Braun vor einigen Tagen nach einer schweren Rücken-Operation aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte sie eine Verordnung für häusliche Grundpflege in der Tasche, genehmigt von ihrer Krankenkasse. Sie konnte nämlich nachweisen, dass derzeit keine andere im Haushalt lebende Person ihre Versorgung und den Haushalt übernehmen kann. Dabei lebt die 53-Jährige gar nicht allein, aber ihr Mann laboriert seit mehreren Monaten an den Folgen einer Schulter-Operation, und die 20-jährige Tochter hat sich vor einigen Wochen bei einem unglücklichen Sturz vom Trampolin zwei Wirbel gebrochen.

„Die genehmigte Verordnung hat mir allerdings nichts genutzt“, klagt Sabine Braun, die zurzeit nur liegen darf oder stehen in einem festen Korsett vom Brustkorb bis zur Leiste. Sitzen, bücken – Fehlanzeige. Nach ihrem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt ist es Sabine Braun nicht gelungen, einen ambulanten Pflegedienst zu verpflichten. „Caritas, Diakonie, Private: Die haben alle abgewinkt und konnten mir gar keine Hoffnung machen“, berichtet sie enttäuscht. Als Notlösung springen nun Freunde der Familie ein und helfen, wo Unterstützung nötig ist.

Aber woran liegt es, dass keine professionellen Kräfte die Pflege übernehmen? Sabine Braun glaubt, den Grund für die Ablehnung zu kennen: „Man hat mir relativ unverblümt gesagt, dass sich dieser Einsatz nicht lohne, weil der von der Krankenkasse gezahlte Betrag nicht einmal die Kosten decke. Dafür will niemand rauskommen.“ Dabei steht ihr sieben Mal in der Woche häusliche Grundpflege zu.

Pflegedienste verweisen auf Personalmangel

Sowohl Johannes Neuser von der Caritas-Sozialstation als auch Fabian Tigges, Pressereferent der Diakonie Mark-Ruhr, bestreiten, gegenüber Silvia Braun die geringe Entlohnung für die häusliche Grundpflege als Grund für ihre Ablehnung genannt zu haben. Vielmehr mache die bekannte Personalnot es derzeit unmöglich, neue Patienten anzunehmen. Neuser: „Wir sind am Limit, zumal bei uns eine Pflegekraft auch noch kurzfristig ausgefallen ist, weil sie ein Baby erwartet.“ Personalmangel sei auch bei der Diakonie der Grund für die Absage gewesen, erklärt Fabian Tigges. „Gerade in der vorvorigen Woche war die Lage sehr angespannt.“

In der Tat allerdings, das bestätigten die Vertreter beider Verbände, werde die Leistung nicht gut bezahlt. Neuser: „Pflegedienste bekommen von den Krankenkassen für die häusliche Grundpflege deutlich weniger als von der Pflegekasse für die gleiche Leistung. Das ist nicht gerecht.“ Die Caritas nehme dennoch Patienten wie Sabine Braun an. Neuser: „Das gehört einfach zu unserem Selbstverständnis. Auch wenn es nicht gut bezahlt wird.“ Das bestätigt auch Fabian Tigges für die Diakonie. Er ist mit Johannes Neuser einig: „Das ist ein Fehler im System.“

Schwerterin beschwerte sich beim Gesundheitsministerium

Nachdem Sabine Braun mit ihrer Krankenkasse telefoniert hat, die den Schwarzen Peter wiederum den Pflegediensten zugeschoben hat, sieht sie das Problem ähnlich. Sie hat inzwischen einen Beschwerdebrief ans Gesundheitsministerium geschrieben. „Ich werde davon nichts mehr haben“ sagt sie, „aber vielleicht Patienten nach mir.“

Sabine Braun wartet jetzt auf die Genehmigung ihres Antrags auf hauswirtschaftliche Unterstützung. Bis zu sechs Stunden pro Wochen stehen ihr zu, weil gerade außer dem Saugroboter alle Familienmitglieder gehandicapt sind und keine Hausarbeit erledigen können. „Hoffentlich finde ich dafür wenigstens jemanden“, sorgt sich die Hausfrau Sabine Braun.

Am 5. Juli startet die Reha, dann will sie ihren „Schildkrötenpanzer“ los sein – und mobilisiert in ihr Haus zurückkehren.

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