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Warum das Geschäft für einen kleinen Zirkus schwierig ist

Kleiner Familien-Zirkus gastiert in Schwerte

Wenn die Wagners unterwegs sind, dann immer als Großfamilie. Seit acht Generationen sind sie im Zirkusgeschäft tätig - jetzt gastieren sie in Schwerte-Geisecke. Doch das wird immer schwieriger, nicht nur wegen der Ansprüche des Publikums.

Geisecke

von Heiko Mühlbauer

, 19.04.2018
Warum das Geschäft für einen kleinen Zirkus schwierig ist

Der 21 Jahre alte Melano Wagner ist gemeinsam mit seinem Vater der Chef des Familienzirkus, der bereits in der achten Generation besteht. © Heiko Mühlbauer

Die Szene erinnert ein wenig, als hätte ein Filmregisseur der 50er-Jahre einen Streifen über das fahrende Volk inszeniert. Die Männer in Unterhemden, Frauen, Hunde und eine lässige Ruhe herrscht auf dem improvisierten Kirmesplatz am Buschkampweg in Schwerte-Geisecke. Vier Tage gastiert dort seit Donnerstag der Classic Circus Ideal, wie das Unternehmen mittlerweile heißt. Ein klassischer Familienzirkus. Die zehn Familienmitglieder sind Artisten, Tierpfleger, bauen das Zelt auf, arbeiten an der Kasse und als Platzanweiser. „Eigentlich kann hier jeder alles“, erklärt Melano Wagner. Zusammen mit seinem Vater Toni leitet der 21-Jährige bereits das Familiengeschäft.

Es ist ein schwieriges Geschäft, das die aus dem Saarland stammende Familie bereits seit 1865 betreibt. Damals, so erzählt Vater Toni, habe sein Urururgroßvater einen Elefanten gekauft, den er vor seinen Pflug gespannt habe. Damit habe er dann vor den Augen der neugierigen Nachbarn nicht nur seinen Acker gepflügt, sondern auch einen Handstand auf dem Pflug gemacht. „Da war der Zirkus Wagner geboren“, sagt er. Ob die Geschichte so verbürgt ist, sei dahin gestellt.

90-Minuten-Programm in der Manege

Schließlich geht es beim Zirkus um die Illusion. Und die präsentiert Sohn Melano, wenn er für das Pressefoto in wenigen Minuten zu Latino de Sanchez, dem feurigen Artisten aus Südamerika, wird. Ohne so einen Künstlernamen geht nichts. Melano trug T-Shirt und Jogginghose, Latino trägt jetzt eine königsblaue, mit großen Tressen besetzte Jacke, Lackschuhe und eine Smoking-Hose.

90 Minuten Programm stellen die Mitglieder des Zirkus jeden Abend auf die Beine. Mal ist das Zelt voll, mal lohnt es kaum. Alle wirken in mehreren Rollen mit. Melanos Lieblingsnummer ist die Rola-Rola-Akrobatik. Auf einem rollenden Brett balanciert er über der Manege. „Das habe ich mal in einem Großzirkus gehen, da wusste ich, das machst du auch mal“, erzählt er. Überhaupt macht hier jeder zunächst mal, was ihm liegt.

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Und wer einmal eine Nummer drauf habe, würde auch nicht mehr üben, wie man das gerne bei Zirkusfilmen sieht. „Wir machen uns höchstens vor der Vorstellung warm“, sagt er. Dazu ist beim Circus Ideal auch viel zu viel zu tun. Popcorn verkaufen, beleuchten, Karten verkaufen, sich in der Pause um die Tiershow und vor der Vorstellung um die Hüpfburg kümmern.

Auch die Kinder wollen in die Zirkus-Manege

Hier am Buschkampweg haben die Wagners nur eine kleine Hüpfburg aufgebaut. Doch Vater Tony zeigt das Innere eines 40-Tonners, den sie mitgebracht haben. Darin lagern Hüpfburgen in verschiedenen Größen. „In den Sommerferien bauen wir immer auf einem großen Platz mit vielen Hüpfburgen und kleinen Karussells auf“, erzählt er. Das helfe über die Sommerferien. Die klassische Winterpause können sich die kleinen Unternehmen der Branche nicht mehr leisten. Die Wagners haben zwar in diesem Winter pausiert, aber eher notgedrungen, weil so einiges repariert werden musste.

Doch die Pausen sind nicht billig. Die Familien müssen leben, die Tiere brauchen Futter und Auslauf und einen Stellplatz braucht man trotzdem. Denn auch wenn die Wagners in Lippstadt gemeldet sind, einen echten festen Wohnsitz haben sie nicht. Dafür gemütliche Wohnwagen

Reich wird man mit einem Familienzirkus nicht. „Wir machen nicht Zirkus, um zu leben, sondern leben, um Zirkus zu machen“, sagt Melano bestimmt. Und zeigt auf seine kleine Nichte, die hat schon als Kleinkind dem Clown assistiert. „Auch die Kinder wollen unbedingt in die Manege, keiner wird gezwungen.“

Zelt auf einer Wiese in Geisecke aufgebaut

Hier in Geisecke könne man nur einen Teil des Inventars aufstellen, sagt Vater Toni. Die sogenannten Frontwagen, die normalerweise vor dem Eingang stehen, sind im hinteren Bereich des Geländes geparkt. Und auch die Tribünen für das Zelt sind etwas schmucklosen Plastikstühlen gewichen. „Der Boden ist einfach zu uneben, um die Tribünen sicher stellen zu können“, sagt Melano. Sein Vater greift sofort ein: „Wir sind der Gemeinde aber sehr dankbar. Hier läuft alles gut, du musst nicht fragen, dir wird sofort geholfen.“

Neben der Konkurrenz mit großen Zirkussen und den Medien ist die Sorge um die Plätze das größte Problem der kleinen Zirkusunternehmen. „Auf echte Festplätze mitten im Ort kommst du kaum noch“, sagt Melano. Und selbst am Ortsrand ist es schwierig. Da ist man dankbar, wenn man auf der Wiese der evangelischen Gemeinde das Zelt aufbauen darf.

Hinzu kommt der Papierkram: Da ist der TÜV, der alle zwei Jahre das Zelt auf Sicherheit prüft, das jeweilige Ordnungsamt, das den ordnungsgemäßen Aufbau überprüft, der zuständige Kreisveterinär, der die tiergerechte Unterbringung der Pferde, Ponys und Ziegen begutachtet. Von wilden oder gar exotischen Tieren hat sich der Familienzirkus längst getrennt. Das habe auch mit dem ständigen Ärger mit Tierschützern zu tun. Dabei ist das Ganze ein Teufelskreis: Denn zum einen erwarten vor allem Kinder Tierdressur in einem Zirkus, zum anderen sagt der Zeitgeist, dass dies nicht mehr zeitgemäß ist.

Vorbereitungen und Training für die Vorstellung

Bei den Wagners sind Vater und Sohn neben ihren Aufgaben als Artisten, Clowns und Ansager auch die Dompteure. Und mit den Tieren muss dann doch täglich geübt werden. Auch damit die ausreichend Bewegung haben. Auf der Koppel, die im hinteren Bereich der Wiese abgesteckt wurde, sei es ja etwas langweilig.

Nach dem Fototermin entschuldigt sich der Künstler Latino – denn der Arbeiter Melano hat noch einiges zu erledigen, damit Latino in der Abendvorstellung glänzen kann.

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Vorstellungen und Ticket-Preise
  • Der Classic Circus Ideal gastiert seit dem 19. April bis zum 22. April in Geiseck auf der Wiese am Buschkampweg, am Gemeindehaus.
  • Vorstellungen finden am Freitag, 20. April um 16 Uhr, Samstag 21. April, um 11 Uhr (Familientag, Erwachsene zahlen den Kinderpreis) und um 16 Uhr und am Sonntag, 22. April, um 14 Uhr statt.
  • Das Programm dauert 90 Minuten und beinhaltet eine Pause.
  • Die Karten kosten für Kinder 12 Euro, für Erwachsene 14 Euro.