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Gülle in den Ruhrwiesen in Ergste

Wie darf im Wasserschutzgebiet gedüngt werden?

Ergste Immer wenn die Landwirte mit der Düngung im Ruhrtal beginnen, gibt es Beschwerden. Doch was ist eigentlich erlaubt und vor allem, wer kontrolliert den Nährstoffauftrag an der Ruhr?

Wie darf im Wasserschutzgebiet gedüngt werden?

Sogenanntes Gärsubstrat wurde am Mittwochmorgen auf den Feldern oberhalb der Ruhr in Ergste aufgebracht. Foto: Foto: Manuela Schwerte

Die Nachbarn am Feldrand sind empört. „Das ist doch Wasserschutzgebiet hier“, meint einer. „Da darf man doch keine Gülle ausbringen.“ Den ganzen Vormittag über seien die Transporter hier vorgefahren, sogar am ganz frühen Morgen, als der Boden noch gefroren war.

Die Klage kommt jedes Jahr von Anwohnern. Spätestens im Frühling, wenn nach dem alten Volkslied der Bauer sein Rösslein anspannt, trudeln die ersten Beschwerden über die Nutzung von Gülle ein.

Bei dem Thema stehen sich Umweltschützer und Landwirte konträr gegenüber. Denn während die Bauern betonen, dass Gülle oder auch die vielfach genutzten Abfälle aus den Biogasanlagen natürlich Düngemittel und damit durchaus Pflanzenschutz seien, stehen Umweltschützer auf dem Standpunkt, dass es darum gehe, die Abfälle einer viel zu intensiven Massentierhaltung zu verklappen.

Gärreste statt Gülle

Am Mittwochmorgen wurden die Nährstoffe, so heißen die natürlichen Düngemittel in der Fachsprache, in Ergste ausgerechnet auf jenem Feld ausgebracht, für dessen Blühränder die Landwirte unlängst einen besseren Schutz gegen Spaziergänger gefordert hatten. „Es handelte sich aber nicht um Gülle, sondern um Gärreste“, erklärt Landwirt Reiner Goeken.

„Grundsätzlich darf auch in den Wasserschutzzonen II und III Gülle ausgebracht werden“, erklärt Herbert Timmermann, stellvertretender Geschäftsführer bei der Landwirtschaftskammer in Unna. Nach der neuen Düngemittelverordnung sei der Eintrag der Nährstoffe genau geregelt. Der Landwirt müsse den Düngebedarf des Bodens nachweisen und dürfe dann auch nach einem Düngemittelplan dort Gülle oder Gärreste ausbringen.

Morgenfrost wird ausgenutzt

Bei Dauerfrost sei das natürlich nicht erlaubt. „Allerdings, wenn es tagsüber taut, dann nutzen viele Landwirte oder deren Lohnunternehmer die frühen Morgenstunden, um den Acker besser befahren zu können“, so Timmermann. Dass am Tag der Boden auftaut, müsse durch eine Prognose des Deutschen Wetterdienstes hinterlegt sein.

Schwerte gilt nach Angaben der Landwirtschaftskammer als eine Stadt, aus der oft Beschwerden über Gülle eintreffen. „Die Düngemittelverordnung richtet sich am Boden- und Gewässerschutz aus“, so Timmermann. Zum Thema Geruchsbelästigung stehe da relativ wenig drin.

Wie darf im Wasserschutzgebiet gedüngt werden?

Eine große Zuchtanlage für Schweine, wie hier von Paul Böckenhoff in Dorsten, produziert rund 90000 Kubikmeter Gülle pro Jahr. (A)Mühlbauer

Die Landwirtschaftskammer ist auch für die Beschwerden der Bürger zuständig. „Wir kontrollieren dann die Landwirte“, erklärt Timmermann. Ansonsten werde die Einhaltung der Düngemittelverordnung stichprobenartig überprüft, so der Fachmann. Wenn es Beschwerden über die sachgemäße Ausbringung gebe, fahre man aber auch schon mal raus. Auch Goeken bekam schon einen Anruf von der Kammer, weil sich jemand dort über seine Düngung am Mittwoch beschwert hatte. Die Kammer kündigte ihren Besuch an.

Dieses Prüfsystem bemängeln Naturschützer wie Frank Weissenberg vom Bund für Umwelt- und Naturschutz. Im Prinzip würden sich die Landwirte dort selbst überprüfen. „Das ist eine Aufgabe, die in staatliche Hände gehört“, so Weissenberg. Überhaupt sei die Situation in Wasserschutzgebieten nicht befriedigend geregelt. Weder, was die Abstände des Düngens zum Wasser betrifft, noch eine Regelung bei abschüssigen Böden. „Das ärgert uns sehr“, so Weissenberg. Letztlich sieht er aber auch die Wasserwerke in der Pflicht, denn die sind für den Schutz des Trinkwassers verantwortlich.

Nitrat-Werte unter Grenzwert

Landesweit gilt die Düngung mit Gülle als ein großes Problem bei der Trinkwasserversorgung. Nitrat aus Gülle bereitet Wasserversorgern die größten Sorgen. Bis zu 40 Prozent der Grundwassermessstellen in NRW weisen zu hohe Nitratwerte auf. Bislang meist dort, wo die Böden sehr wasserdurchlässig sind und die Nährstoffe schnell ins Grundwasser versickern können.

Im Bereich der Ruhr hat man bislang diese Probleme nicht, laut den Jahresanalysen der Wasserwerke Westfalen. Bei 12,3 Milligramm Ni-trat in Westhofen und 11,6 Milligramm Nitrat in Villigst liegen die Durchschnittswerte des vergangenen Jahres weit unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter Wasser.

Jauche, Gülle, Mist oder Gärsubstrat

Gülle ist eine Mischung aus Kot und Harn unserer landwirtschaftlichen Nutztiere Schwein und Rind.

Mist ist fest und besteht aus Urin, Kot und aus einem Bindemittel, üblicherweise Stroh.

Jauche besteht aus Sickerflüssigkeit aus dem Misthaufen. Sie besteht hauptsächlich aus Urin und Regenwasser.

Gärreste aus der Biogasanlage, werden, wenn sie ausreichend flüssig sind, auch gerne als „Biogasgülle“ bezeichnet. In Biogasanlagen werden hauptsächlich Gülle oder Mist, nachwachsende Rohstoffpflanzen oder eine Mischung aus diesen Sub-straten eingefahren und unter Sauerstoffabschluss zur Energiegewinnung vergoren.

Die Sperrfristen, in denen Landwirte keine Gülle verteilen dürfen, dauern für Ackerland vom 1. und für Grünland vom 15. November bis zum 31. Januar.

Bei Beschwerden über mögliche Überdüngung muss beachtet werden: Sofort melden, möglichst genaue Angaben über Ort, Zeit und Gülle-Menge, Fotos, Videos und weitere Zeugen.

Zuständig für den Kreis Unna ist die Kreisstelle Ruhr-Lippe unter Tel. (02303) 961610 oder per E-Mail an unna@lwk.nrw.de

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