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Wieso gibt es immer wieder Lastwagen-Unfälle auf der A1?

Trotz Notbremssystem

Immer wieder fahren Lastwagen auf ein Stau-Ende auf der A1 auf, zum Teil mit verhängnisvollen Folgen. Dabei haben neue Lkw ein Notbremssystem. Doch das hat seine Tücken.

Schwerte

von Petra Berkenbusch

, 09.07.2018
Wieso gibt es immer wieder Lastwagen-Unfälle auf der A1?

Immer wieder passiert es, dass Lkw nahezu ungebremst auf ein Stauende prallen. Generell verzeichnet die Statistik aber weniger Unfälle mit Lastwagen. © Foto: Bernd Paulitschke

Es passiert immer wieder: Am Stau-Ende kracht ein Lkw auf seinen Vordermann. „Auf der A1 waren wir binnen weniger Wochen dreimal an fast der gleichen Stelle im Einsatz“, berichtete Olaf Patzke von der Schwerter Feuerwehr am Donnerstagnachmittag. Da war die Feuerwehr gerade zurück vom Einsatz auf der Autobahn, wo es wieder „gekracht“ hatte.

Bereits am Montagabend war ein Lkw-Fahrer aus Nienburg nahezu ungebremst in ein Stau-Ende geprallt. Beide Fahrer kamen leicht verletzt ins Krankenhaus, die Autobahn wurde für mehrere Stunden gesperrt, der Sachschaden beläuft sich auf etwa 300.000 Euro

.

Exakt eine Woche zuvor, am 25. Juni, waren gleich drei Lastwagen in einen Unfall am Westhofener Kreuz verwickelt. Wieder geschah das Unglück am Stau-Ende. Alle drei Fahrer wurden verletzt. Mehr Glück hatte ein Lkw-Fahrer im April: Der Slowenier übersah ein Stauende, verlor bei dem Crash seine Ladung – weiße Wandfarbe –, blieb aber bei dem spektakulären Unfall unverletzt.

Ein Vorfall im Januar verlief ähnlich: Ein Lkw-Fahrer bemerkte das Stau-Ende zu spät, fuhr auf einen Lkw auf, driftete nach links ab und rammte einen Kleintransporter. Der Fahrer des Unglücks-Lkw wurde schwer verletzt, für die Beifahrerin im Transporter und zwei Säuglinge auf der Rückbank ging der Zusammenstoß relativ glimpflich aus.

Gefühlt passieren solche Unfälle immer häufiger. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Unfälle, die Fahrer mit Lastwagen ab 3,5 Tonnen verursacht haben, jedoch rückläufig. 2016 berichteten die Statistiker allerdings von einer leicht steigenden Tendenz in einer speziellen Katergorie: Im Jahr zuvor seien 82 Menschen bei Unfällen mit Sattelschleppern und kleineren Lastwagen über 3,5 Tonnen ums Leben gekommen.

Das Gefühl, dass sich schwere Unfälle am Stau-Ende häufen, teilen auch die Profis von der Polizeipressestelle und der Feuerwehr. Über die Ursachen der Unglücke können aber auch sie nur spekulieren. Sven Schönberg von der Dortmunder Polizei: „Man kann aus den Steuergeräten der modernen Lastwagen viele Daten auslesen, und das tun wir bei der Unfallermittlung auch.“ Um zu kontrollieren ob der Fahrer möglicherweise durch Handy oder Computer abgelenkt war oder seine Ruhezeiten nicht eingehalten hat, werden auch diese Geräte von der Polizei analysiert. Schönberg: „Wir nehmen diese Ursachenermittlung sehr ernst.“ Sie erfolgt naturgemäß nach einem Unfall, dient also allenfalls als statistische Einflussgröße der Prävention. Hier kommen Notbremsassistenten (AEBS – Advanced Emergency Braking Systems) ins Spiel, mit denen seit November 2016 alle neuen Lkw-Typen sowie ab 1. November 2018 alle neu zugelassenen Lastwagen mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen ausgerüstet sein müssen.

Fahrer schalten System ab

Die EU-Kommission hat auf der Grundlage einer Studie in einem Arbeitspapier bereits im Jahr 2008 prognostiziert, dass durch den Einsatz von Notbremssystemen europaweit circa 5000 Todesfälle und 50.000 schwere Verletzungen jährlich vermieden werden könnten. Eine Kollision könne zwar nicht immer vollständig vermieden werden, aber die Aufprallgeschwindigkeit könne reduziert werden. Allerdings müssten die Notbremsassistenten eingeschaltet sein, um ihre unfallverhütende Wirkung entfalten zu können. Das ist offenbar längst nicht immer der Fall, weiß Olaf Patzke von der Schwerter Feuerwehr: „Der Fahrer kann den Assistenten ausschalten.“ Das geschehe häufig, weil es im dichten Verkehr nerve, wenn das Fahrzeug ständig abbremse, wenn zum Beispiel ein Pkw sich mal eben in die Lücke zwischen zwei auf Abstand fahrenden Lastwagen quetsche.

Die Unfallexperten des ADAC haben dazu eine klare Meinung. Beim Automobilclub heißt es: „Notbremsassistenten sollten sich grundsätzlich nicht abschalten lassen, beziehungsweise nach manueller Deaktivierung selbstständig wieder zuschalten.“

Im vorigen Sommer erklärte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nach einem Busunfall mit 18 Toten in Bayern, er erwäge ein Verbot der Abschaltautomatik bei Notbremsassistenten. Eine Initiative des Bundesrates wurde inzwischen vom Innenminister Baden-Württembergs auf den Weg gebracht.