Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Wo die Pril-Blumen blühen

SCHWERTE Die Deep-Purple-Platte abgestaubt. Einen Teller Zwiebelringe und eine Flasche Afri Cola auf den Tisch. Und schmökern, schmökern, schmökern.

Wo die Pril-Blumen blühen

Seine Nase steckte Uwe Fuhrmann bei den Recherchen zu seinem neuen Buch auch in die orangene Phase. Foto: Reinhard Schmitz

Nur die damalige Haarpracht ist den meisten Lesern wohl abhanden gekommen, die sich von Uwe Fuhrmanns neuestem Buch zurück in die 70-er Jahre beamen lassen. Unter dem Titel „Endlich erwachsen!“ lädt der 50-Jährige mit einem bunten Kaleidoskop von Mode und Sport, Musik und Fernsehen zum Schwelgen in den Zeiten ein, als seine Generation die Schultasche in die Ecke schmiss und die erste eigene Wohnung tapezierte. Coop-Katalog „Die Gewichtung hängt vom eigenen Erleben ab“, wollte Fuhrmann bewusst kein Geschichtsbuch schreiben, keine Datenkolonnen von Bundeskanzlern oder weltpolitischen Krisen aufmarschieren lassen. „Was jeder kennt“, hat er stattdessen auf die Seiten gespickt. Da knallen die Pril-Blumen ins Auge, leuchtet die Creme 21-Dose, kann sich das Auge kaum sattsehen an all den Design-Phantasien der orangenen Phase. Nicht wenigen Seiten ergeht es dem Leser wohl genauso wie dem Autor. Erst einmal auf die Symbole des damaligen Schlaraffenlands Bundesrepublik eingestimmt, beginnt der Film im Kopf zu laufen. „Das Kapitel über die Werbung habe ich einfach so zu runtergeschrieben“, lacht Fuhrmann. Dicke Bücher wälzen musste er dagegen, um Mode, Fernseh-Hits oder die Frauenbewegung zu recherchieren. Für den Blick in den Möbelchic für Wohn- oder Schlafzimmer griff er sogar richtig in die Tasche: Er ersteigerte bei Ebay einen Coop-Katalog, wie er Anfang der 70-er Jahre in den Briefkästen steckte.Schwerte als Spiegel der Zeit Zum Spiegel der haarigen Zeiten macht Fuhrmann natürlich nicht London oder Berlin, sondern die Ruhrstadt. Gut zwei Drittel des Bildmaterials stöberte er im eigenen Keller oder bei Freunden auf. Da flegeln sich seine Kumpel im Afghanenmantel lässig auf dem gebrauchten Benz, schreiten steif im Jackett zum Abschlussball der Tanzschule Thiele oder spielen vor der Super-Acht-Kamera Marsmännchen. Wer genau hinschaut, kann auch den Autor entdecken. Beim Jobben bei Hundhausen etwa. Oder als junger Familienvater hinter dem Kinderwagen von Töchterchen Svenja. Haarige Zeiten So oder ähnlich müssen die haarigen Zeiten überall im Westen der Republik ausgesehen haben. Eine andere Version plant der Verlag nur für die Leser in den neuen Bundesländern, deren Lords eben Puhdys hießen und die im Kino statt der „Abfahrer“ ihre Legende „Paul und Paula“ liebten.  Uwe Fuhrmann: Endlich erwachsen! Wir vom Jahrgang 1955, 1956, 1957, 1958, 1959. Wartberg Verlag (Gudensberg-Gleichen). 64 Seiten. 14,90 Euro.

Anzeige
Anzeige