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Hebammensuche in Selm und der Region

„Die Situation macht mir Angst“

Selm/Kreis Coesfeld Wenn eine Frau erfährt, dass sie schwanger ist, stürzen viele Fragen auf sie ein. Die Frage, nach einer Hebamme muss sie ziemlich schnell klären. Denn die Hebammen im Kreis müssen täglich schwangere Frauen ablehnen.

„Die Situation macht mir Angst“

In der Stadt Selm und auch in den Nachbarstädten und -gemeinden werden wieder mehr Kinder geboren. Allerdings gibt es immer weniger Krankenhäusern mit Geburtsstationen. Foto: picture alliance / dpa

Die Suche nach einer fachlichen Begleitung muss absolute Priorität haben. „Es gibt zu wenige Hebammen in der Region“, sagt Franziska Knierim, die im Juli 2017 zusammen mit Mareike König die Borker Hebammerei eröffnet hat. Längst sind ihre Angebote so stark nachgefragt, dass die Praxisgemeinschaft Frauen ablehnen muss.

Eine Situation, die die erfahrene Hebamme Annette Hönig bestätigt. Die Lüdinghauserin hat vor zehn Jahren ihre Praxis eröffnet – nachdem die Geburtsabteilung des Lüdinghauser Krankenhauses geschlossen hat. „Ich liebe es, Müttern zu helfen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“, beschreibt sie ihren Beruf.

„Die Situation macht mir Angst“

Annette Hönig liebt es, Müttern zu helfen und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Foto: Foto: Tim Bauszus

Immer wieder Absagen

„Schlimm“ findet sie jedoch, dass viele Frauen von Hebamme zu Hebamme gehen müssen, um am Ende eine fachkompetente Begleitung zu finden. Obwohl in der Selmer Praxis bereits fünf Frauen arbeiten, muss auch Annette Höning immer wieder Absagen erteilen. Aus ihrer Erfahrung haben Frauen mit positivem Schwangerschaftstest oft „noch keinen Kopf dafür“, sich direkt um eine Hebamme zu kümmern. Das habe aber zur Folge, dass die spätere Suche oft schwierig sei. Eine Situation, die auch für das nächst gelegene Krankenhaus mit einer Geburtsabteilung gilt – das St.-Marien-Hospital in Lünen.

Monika Eickelmann, Stationsleiterin Geburtshilfe, sagt es ganz direkt: „Die Situation macht mir Angst.“ Es fehle an Hebammen. 2017 sei das Pensum nur mit Überstunden zu schaffen gewesen. „Als Hebammen krank wurden, waren wir zweimal kurz davor, den Kreißsaal abzumelden“, sagt sie. Dass es dazu letztlich nicht kam, sei nur teamübergreifendem Einsatz und Mehrarbeit zu verdanken.

887 Babys in Lünen

Im Krankenhaus Lünen wurden im vergangenen Jahr 887 Babys geboren, davon 300 per Kaiserschnitt. 1000 Frauen haben sich in der Geburtshilfe vorgestellt, 6000-mal klingelte es an der Kreißsaaltür. „Hier in der Region werden viele Kinder geboren“, sagt Franziska Knierim. Sie nennt zugleich Zeiten, die werdende Mütter besonders im Blick haben sollten. Wenn die Kinder im Sommer (zwischen Juni und August) zur Welt kommen, sei die Suche nach einer Hebamme noch schwieriger als etwa im Frühjahr. Ähnlich problematisch seien die Monate Dezember und Januar.

Anna Hüttemann, Vorsitzende des Hebammen-Kreisverbandes Coesfeld, berichtet davon, dass die Hebammen im Kreis „täglich Frauen absagen müssen“. Die Gründe dafür liegen aus ihrer Sicht auf der Hand. Im Kreisverband sind rund 55 Hebammen gemeldet. Dazu gibt nach Einschätzung von Anna Hüttemann vielleicht noch zwei oder drei Hebammen, die nicht im Verband gemeldet sind. Nach ihrer Einschätzung sind das in jedem Fall viel zu wenige Hebammen. Ganz besonders schwierig sei die Situation im Südkreis. Um den Mangel deutlich zu machen, verweist sie auf die rund 250 Hebammen , „die in der Stadt Köln gemeldet sind.“

Weiteres Problem

Anna Hüttemann weist auf ein weiteres Problem im Kreis Coesfeld hin. Mit der Christophorus-Klinik gebe es nur noch ein Krankenhaus mit einer Geburtsabteilung. „Die meisten Kinder kommen deshalb in Krankenhäusern außerhalb des Kreises zur Welt.“ Ist das schon für die Familien oft nicht leicht zu organisieren, wird es mit der fehlenden Begleitung nach der Geburt zu einem großen Problem. Dass viele Frauen vor der zwölften Schwangerschaftswoche „Hemmungen hätten, sich bei einer Hebamme zu melden“, ist aus Sicht der Südkirchener Hebamme zu verstehen. Gleichwohl rät sie den Schwangeren eindringlich zu einer früheren Kontaktaufnahme, um eine spätere Begleitung sicherzustellen.

Wie schwierig insgesamt die Situation ist, zeigt alleine die Tatsache, dass der Landesverband im Kreis Unna keine Ansprechpartnerin nennen kann und hier auf den Kreis Coesfeld verweist. Somit ist auch nicht wirklich verlässlich zu sagen, wie viele Hebammen es im Kreiverband Unna gibt, weil es keine Meldepflicht für Hebammen und auch kein Register gibt. Nach Einschätzung von Barbara Blomeier zieht sich der Mangel an Hebammenhilfe durch sämtliche Regionen, sowohl städtische als auch ländliche Gebiete, sowohl in Kliniken als auch ambulant.

„Politik muss handeln“

Und die Situation dürfte sich nicht verbessern. Im Gegenteil. „Noch haben die Hebammenschulen ihre Kurse voll. Es zeichnet sich aber ab, dass eine neue Generation von Hebammen nachwächst, die nicht bereit ist, die unzumutbaren Arbeitsbedingungen in den Kliniken hinzunehmen und sich auch in der Freiberuflichkeit weigert, auf Kosten ihrer Familie Tag und Nacht zu arbeiten“, sagt die Vorsitzendes des Landesverbandes.

Sie fordern deshalb von der Politik „ein möglichst schnelles Nachsteuern auf dem Feld der Klinikschließungen.“ Auch bei der Hebammenversorgung im ambulanten Bereich müsse sich etwas tun. Eine Einschätzung, die Franziska Knierim teilt: „Die Kurse für Vor- und Nachsorge oder Rückbildung sind schnell voll.“ Das stellt Schwangere vor große Probleme. Sie müssen dann alleine durch die Situation.

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