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Selmer Filmemacher wieder zurück

Unterwegs im Land des Unfriedens

Selm Ashwin Ramans Reise ist zu Ende. Der Selmer Filmemacher war nicht in den Alpen zum Skifahren oder am Mittelmeer zum Sonnetanken. Er hat Afghanistan besucht, ein Land, in das sich kaum noch westliche Besucher ohne Uniform wagen – „völlig zu Recht“, wie er sagt.

Unterwegs im Land des Unfriedens

In Afghanistan war Ashwin Raman (r.) kaum von Einheimischen zu unterscheiden – aus Sicherheitsgründen.

Das Ende des Krieges in Afghanistan ist nicht absehbar. Der Einsatz der Bundeswehr nach 16 Jahren ebenfalls nicht. Statt auf mehr Frieden stehen die Zeichen auf zunehmende Gewalt und Radikalisierung. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen drückt all das etwas anders aus, als sie kurz vor Ostern zu Besuch ist bei der Bundeswehr in Masar-e-Scharif.

Sie spricht vom „Mut für die Zukunft“, von Aussöhnung mit den Taliban und einer „Generationenaufgabe“ – alles mit einem gewinnenden Lächeln in die vielen Kameras. Die kleine Handkamera von Ashwin Raman ist nicht auf sie gerichtet.

Gespräch mit einem Soldaten

Der für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnete Journalist – zuletzt erhielt er 2017 den Grimme-Preis – ist zu diesem Zeitpunkt schon rund 300 Kilometer weiter westlich: in einem Ort, wo keine gut ausgeleuchteten Hochglanzbilder entstehen, sondern Aufnahmen des staubigen Alltags. Und wo statt der gut frisierten Ministerin ein dunkelhaariger Mann mit großer, undurchsichtiger Sonnenbrille vor der Kamera steht: ein Soldat der afghanischen Armee. Er könnte Sisyphos heißen.

„Es ist immer dasselbe“, sagt er: „Wir befreien die umliegenden Dörfer von den Taliban und übergeben das Dorf anschließend an die lokale Polizei. Zwei Tage später sind die Taliban aber wieder da.“ Und sie müssten von vorne anfangen – wie der Held aus der griechischen Mythologie, der immer aufs Neue einen schweren Stein den Berg hoch rollt.

Selm Der preisgekrönte Selmer Filmemacher Ashwin Raman aus Selm reist bald wieder in ein Kriegsgebiet. Im krisengeschüttelten Afghanistan wird er aber in einer besonderen Rolle tätig sein. mehr...

Fließendes Deutsch am Hindukusch

Wie da die Bundeswehrsoldaten helfen können? Der Mund unter der großen Sonnenbrille verzieht sich zu einem bitteren Lächeln. „Unser Militär ist schwach, es kann nicht richtig kämpfen und ist längst nicht so gut ausgerüstet wie die Taliban.“ Es fehle an Moral, an guter Führung und an Ausbildung, sagt Sisyphos. Dafür gebe es mehr als genug Korruption.

Der Zuschauer weiß nicht, was er überraschender finden soll: die Tatsache, dass der Soldat am Hindukusch fließend Deutsch spricht oder dass er derart offen ist. Bei der Ausbildung und beim Aufbau besserer Strukturen kann die Bundeswehr ihm und seinen Landsleuten behilflich sein. Beim Kämpfen gegen die Taliban, gegen die radikalen Kräfte des IS, die sich gerade ausbreiten, und gegen die kriminelle Banden, Drogenhändler und Warlords allerdings nicht.

Extreme Gefahr

Bis 2014 waren mehr als 5000 deutsche Männer und Frauen der Bundeswehr im Land. 57 starben dort. Die Erleichterung war entsprechend groß, als US-Präsident Barack Obama für 2014 das Ende des Afghanistan-Einsatzes der Nato ankündigte. 2018 sind westliche Soldaten aber immer noch da, nur dass ihr Einsatz jetzt „Resolute Support“ heißt und sie nicht mehr kämpfen dürfen. Das wird sich auch nicht nach der gerade vom Bundestag beschlossenen Aufstockung des deutschen Kontingents von 980 auf 1300 Soldaten ändern.

Die Unterstützer aus dem Westen dürfen nur zur Waffe greifen, um extreme Gefahr von sich und Verbündeten abzuwenden. Und die lauert überall, wie Ashwin Raman auf seiner dreiwöchigen Reise erfährt. Seit dem Einmarsch sowjetischer Truppen im Dezember 1979 ist der heute 71-Jährige immer wieder nach Afghanistan gereist. „Wie oft insgesamt, weiß ich gar nicht mehr.“ Frieden habe es nie gegeben. „Aber so unsicher wie dieses Mal habe ich mich bislang nie gefühlt.“

Viele Tote

Täglich passieren Morde und Anschläge. „Von den wenigsten erfahren wir im Westen“, sagt er am Dienstag während eines Redaktionsbesuchs in Selm – zwei Tage nach seiner Landung auf dem Bundeswehrflughafen in Köln-Wahn.

Die Bedrohungslage ist mehr als nur sein Bauchgefühl: Das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) mit Sitz in Malta geht davon aus, dass sich „die Zahl der Sicherheitsvorfälle“ in Afghanistan im Zeitraum 2008 bis 2017 mehr als verfünffacht habe. 3500 Zivilisten seien allein 2017 bei Anschlägen und Kämpfen zu Tode gekommen, 7000 verletzt.

Vorsichtsmaßhname Kleidung

US-Militärs, die das Gros der Nato-Einsatzkräfte bilden, bewegen sich im Land meistens nur noch per Helikopter, wie Raman sagt. Er kann das verstehen. „Es ist besser, nicht als westlicher Ausländer aufzufallen“ – als Zielscheibe für einen medienwirksamen Anschlag oder einer lukrativen Entführung.

Raman hat da Vorsorge getroffen. „Ich habe die ganze Zeit landestypische Kleidung getragen.“ Da er nie ein großes Filmteam dabei hat, sondern nur seine kleine Handkamera, sei er als gebürtiger Inder auf der Straße zwischen den in Kabul allgegenwärtigen Sprengschutzmauern nicht zu unterscheiden gewesen von den anderen Passanten. Heißt: von den anderen Männern. „Denn Frauen sind kaum anzutreffen, unverschleierte Frauen schon gar nicht.“

Auslandsjournal im April



Raman hat jede Menge Filmmaterial mitgebracht. Ein erster Beitrag für das ZDF-Auslandsjournal wird in diesem Monat ausgestrahlt. Brigadegeneral Wolf-Jürgen Stahl wird dort vermutlich zu sehen sein. Wie Ursula von der Leyen spricht auch er von der Aussöhnung mit den radikalislamischen Taliban, die laut BBC rund 15 Millionen Afghanen, die Hälfte der Bevölkerung, kontrollieren. Er lässt aber Zweifel anklingen: „Taliban gibt es in jeder Familie. Sie sind ein Teil der Gesellschaft.“ Und der lasse sich nicht durch Waffengewalt bezwingen. Nur durch Einsicht.

Raman schüttelt den Kopf. Er möchte sich gerne irren – auch im Interesse von seinen afghanischen Freunden, von seinen Bekannten bei der Bundeswehr und von Sisyphos, dem Mann mit der Sonnenbrille. „Aber ich befürchte, dass wir in Afghanistan noch das größte Blutbad unserer Zeit erleben werden.“

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