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Inzwischen gibt es immer mehr Erwachsene, die die Musikschulbank drücken. Einer von ihnen ist Hans Günter Siebert aus Selm, 63 Jahre alt, Led-Zeppelin-Fan und Schlagzeuger.

Selm

, 22.06.2018

Die musikalische Liebesgeschichte von Hans Günter Siebert beginnt Ende der 1960er Jahre. Als in Woodstock gerade Legenden geboren werden, ist Siebert ein 15-jähriger Teenager und investiert sein Taschengeld in Schallplatten. Kein günstiges Hobby. Ein Album kostete 30 Mark, ein Bier nur 50 Pfennig, „Sie können sich also ausrechnen, wie viel Bier ich für eine Platte hätte bekommen können“, sagt Siebert.

In einem kleinen Raum im Keller seines Selmer Hauses zeugt ein wandbreites Regal von seiner Musikleidenschaft. Bücher und DVDs finden sich ebenfalls darin, aber auch zahlreiche Schallplatten. Alles von Led Zepelin, Creedence Clearwater revival, insgesamt 1300 Platten, CDs und Musik-DVDs. Zwei Drittel Rock und Pop, das restliche Drittel ist ein Mix aus Jazz und Klassik. Hans Günter Siebert weiß das genau, er hat das mal in einer Excel-Tabelle kategorisiert.

Wenig Zeit im Berufsleben

Das eigentliche Objekt der Begierde steht aber zwischen der Plattenwand und einem Schreibtisch: sein Schlagzeug. 40 Jahre ist es inzwischen alt, viele davon hat es nur herumgestanden. Hans Günter Siebert, inzwischen 63 Jahre alt, sieht nicht so aus, wie man sich den Klischee-Schlagzeuger vorstellt: Kurze graue Haare, zurückhaltendes Lächeln, kariertes Hemd.

Siebert ist Physiker, arbeitete im Marketing und als Softwareentwickler. Als er noch berufstätig war, pendelte er täglich nach Essen und hatte wenig Zeit für das Schlagzeug. „Ich hab mal gelegentlich drauf rumgehauen“, sagt er. Doch meistens war das Schlagzeug still. Bis er im Jahr 2002, kurz vor dem Ende seiner beruflichen Laufbahn, wieder das wurde, was er mit 17 Jahren mal für ein Jahr gewesen war: Musikschüler.

Warum immer mehr Erwachsene zur Musikschule gehen

Teile des Schlagzeugs sind schon über 40 Jahre alt. © Sabine Geschwinder

Zahlen erwachsener Musikschüler steigen

Für Bernd Smalla, den 2. Vorsitzenden des Landesverbandes der Musikschulen in NRW, sind Menschen wie Hans Günter Siebert, eine Zielgruppe, die für die Musikschulen immer wichtiger werden: „Das Prinzip was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr, das gilt nicht mehr“, sagt Smalla. Das zeigen auch die Zahlen: In den vergangenen Jahren verzeichnete der Verband der Musikschulen NRW bei seinen 159 öffentlichen Musikschulen einen Anstieg von 11 Prozent bei den Schülern im Alter von 26 bis 60 Jahren, in der Gruppe der Über-60-Jährigen waren es sogar 36 Prozent. In Selm sieht das ähnlich aus: Von den fest angemeldeten 340 Musikschülern waren im Jahr 2016 insgesamt 33 Erwachsene über 20 Jahre, 2017 sind es schon 46. Ein Anstieg um 36 Prozent.

Der Grund für den Anstieg hat Smalla zufolge gesamtgesellschaftliche Gründe. Die Musikschulen selbst haben sich geändert: Sehen sich heute nicht mehr als Jugendmusikschulen, wie es früher mal der Fall gewesen sei, wie Smalla sagt. Stattdessen wollen die Musikschulen das ermöglichen, was der Experte eine „durchgängige musikalische Bildungsbiographie“ nennt, soll heißen: Die Musikschule will die Menschen durch ihre verschiedenen Lebensphasen begleiten. Doch auch die Menschen haben sich geändert: „Die heute 60-Jährigen fühlen sich jünger als vor 20 Jahren“, sagt Smalla. Hinzu kommt, dass sie mehr Zeit und Geld haben, als in ihren Jugendtagen. Bei den Unter-60-Jährigen sei es meistens so, dass sie schon einmal Musikunterricht gehabt haben und dann ihr altes Klavier auf dem Dachboden der Eltern finden, wenn sie selbst Eltern geworden sind.

Einschnitt im Leben

Für Siebert war der Grund eine Krankheit im Jahr 2002. Er war eine Zeit lang arbeitsunfähig, hatte Zeit und sinnierte über das Leben. Er dachte sich: „Das ein oder andere musst du klären in deinem Leben.“ Dann traf er den Vorläufer seiner heutigen Band, die auf der Suche nach einem Schlagzeuger war und sein Ehrgeiz war geweckt. Doch das eine Jahr Musikschulunterricht mit 17 und das ab und zu auf dem Schlagzeug ein bisschen Rumhämmern reicht nicht. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich Defizite habe“, sagt Siebert. Und so ging er dann zur Musikschule.

Zuhause übt er täglich eine halbe Stunde vor dem Abendessen, einmal die Woche eine halbe Stunde dann in der Musikschule und zweieinhalb Stunden mit seiner Cover-Band Silberrücken. Dazu Auftritte, allerdings nur zwei bis drei Mal im Jahr, „damit es nicht in Freizeitstress ausartet.“ Das sind die nackten Zahlen des Musikschülerlebens. Das hört sich wesentlich trockener an, als wenn Hans Günther Siebert erzählt, wie er für ein Vorspielen drei Monate lang geprobt hat, um das Lied „Since I’ve Been Loving You“ von Led Zeppelin spielen zu können. Ein Song, der ihm sehr am Herzen liegt, aber ziemlich anspruchsvoll sei: „Der Moment, wenn Sie das Lied zum ersten Mal zu Hause fehlerfrei durchspielen können, nachdem Sie sich da monatelang durchgequält haben“, sagt Siebert – und seine Augen glitzern dabei, „der ist Gold wert.“ Er sagt außerdem: „Wenn man ein schönes Stück, was einen in der Jugend begleitet, im Alter spielen kann, ist das schön.“

Lernen gilt für Schüler und für Lehrer

Ein bisschen Frusttoleranz gehört vielleicht dazu. „Man muss sich im Alter vielleicht etwas mehr Zeit nehmen“, sagt Bernd Smalla, doch dieses Gefühl, wenn es geklappt hat, das könne auch das Selbstbewusstsein stärken. Hinzu kommt: Instrumente spielen, steigert die geistige Leistungsfähigkeit, „das ist bei jedem Instrument so.“ Das bestätigt auch Verena Volkmer, Leiterin der Musikschule Selm: „Es ist nie zu spät, ein Instrument zu lernen“, sagt sie. „Ich habe im Studium noch gelernt, dass die Synapsenbildung im Gehirn im Jugendalter abgeschlossen ist“, sagt Volkmer, doch diese Theorie sei längst widerlegt.

Volkmer hat Musikpädagogik studiert und unterrichtet an der Folkwang Universität unter anderem zum Thema Musikschulbildung mit Erwachsenen, deshalb weiß sie: auch für Musikschullehrer ändert sich einiges, wenn der Schüler erwachsen ist – und der Lehrer Arsen Chermonov, wie bei Hans Jürgen Siebert, sein Sohn sein könnte: „Das normale Lehrer-Schüler-Modell funktioniert nicht“, sagt Volkmer. Kontinuierliches Lernen sei nicht unbedingt möglich – weil der Schüler neben der Arbeit vielleicht nicht regelmäßig zum Üben kommt. Außerdem sei die Erwartungshaltung der Schüler eine andere, wenn sie selbst bezahlen, sie wollten mehr Hintergrundinformationen und grundsätzlicher verstehen, was sie tun. Verena Volkmer sieht das so: „Wir sind eher Coaches und begleiten den Schüler dorthin, wo er hinmöchte.“

Was wäre wenn?

Hans Günter Siebert ist schon recht zufrieden, dort, wo er gerade steht: „Es ist ein wunderschönes Hobby“, sagt Siebert, der inzwischen auch im Förderverein der Musikschule aktiv ist und sich wünscht, dass noch mehr ältere Leute Instrumente spielen, damit es noch mehr Möglichkeiten gibt, altersgerechte Bands zu gründen und gemeinsam spielen zu können.

Wie es wäre, wenn er mit 18 Jahren direkt weitergemacht hätte mit seinem Unterricht? Darüber hat er erst neulich nachgedacht. Die ausgereifte Technik, über die er dann wohl verfügen würde, die hätte er schon gerne drauf. Doch andererseits, wäre dann nicht alles irgendwie Routine? Technisch brillant, aber ohne Spannung? „Für mich“, sagt Siebert und dieses Glitzern in den Augen ist schon wieder da, „ist jeder Auftritt noch Herzklopfen, das ist wie beim ersten Rendez-Vous. Dafür bin ich dankbar, dass ich das heute noch erlebe.“

Tipps für (Wieder)-Einsteiger
  • Die Musikschule in Selm bietet seit 2016 reduzierte Schnuppergutscheine von 4x30 Minuten an. Der Preis dafür liegt bei 50 Euro.
  • Für erwachsene Musikschüler gibt es in Selm auch regelmäßig Konzerte „im geschützten Rahmen.“
  • Bei den erwachsenen Musikschülern ist in Selm vor allen Dingen das Piano beliebt. Es gebe allerdings kein Instrument, was empfehlenswerter für ältere Musikschüler sei, sagt Bernd Smalla: „Der Spaß ist entscheidend“.
    Älteren Musikschülern rät Bernd Smalla zur Entspannung: „Es geht nicht darum, Profis auszubilden, sondern um die Steigerung von Lebensqualität.
  • Mehr Infos: www.fokus-selm.de/Musikschule