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Rainer Milewski

Lebensretter im Helikopter

Stadtlohn. Im Ernstfall zählt jede Sekunde. Nun aber ist Rainer Milewski mit seiner Helikopter-Crew zum Warten verurteilt. Stunde um Stunde. Natürlich wünscht sich der 38-jährige Stadtlohner nicht, dass ein Unglück passiert. Aber er möchte auch nicht untätig sein. Er will in die Luft aufsteigen, um zu helfen. Zwei Seelen wohnen in der Brust eines jeden Luftretters.

Lebensretter im Helikopter

Retter aus der Luft (von links): Hubschrauberpilot Stefan Weymann, Notarzt Dr. Andreas Baumann und der Stadtlohner Rainer Milewski vor dem Eurocopter auf dem Flugplatz Marl-Loemühle. Foto: Stefan Grothues

Ein trüber Dezembermorgen um kurz nach sechs. Rainer Milewski macht sich von Stadtlohn aus auf den 65 Kilometer langen Weg zu seiner Extra-Schicht: Gescher, Coesfeld, Dülmen, über die A43, vorbei an Marl zum Flugplatz Loemühle. Dort ist seit einem Jahr ein Rettungshubschrauber der Johanniter Luftrettung stationiert. Noch liegen die Hangars im Dunkeln. Nur vor einem geduckten Nebengebäude glühen einige Zigaretten.

Schichtwechsel. Es gibt Kaffee und frische Brötchen, aus der Küche duften Rühreier mit Speck. Die Stimmung ist entspannt. „Alles ruhig, kein Einsatz“, erzählen die Kollegen der Nachtschicht. Und alle sprechen immer wieder übers Wetter. Aber das ist kein Smalltalk. Die Wetterfrage, das wird dieser Tag noch zeigen, gehört zum Kerngeschäft. Jetzt herrscht klare Sicht, es gibt keine Probleme. Die Crew ist startbereit. Aber es gibt keinen Anruf, weder von den Leitstellen noch von der Johanniter-Einsatzentrale.

Spitzname „Mille“

Mit Rainer Milewski treten an diesem Morgen Dr. Andreas Baumann und Stefan Weymann ihren Dienst an. Andreas Baumann (36) ist Intensivmediziner am Universitätsklinikum Bergmannsheil, Stefan Weymann (51) Hubschrauberpilot. Und Notfallsanitäter Rainer Milewski, den sie hier Mille nennen, ist die rechte Hand von beiden: In der Luft ist er der Co-Pilot. Oder wie er selbst sagt: „das zweite Paar Augen des Piloten“.

Der Hubschrauber muss schließlich auf Äckern, Autobahnen oder Parkplätzen landen, oft bei eingeschränkter Sicht. Stromleitungen, Masten und Windräder bergen tödliche Risiken für die Besatzung. „Das kann der Pilot allein alles kaum im Blick haben.“ Und dann am Boden assistiert Rainer Milewski dem Notarzt bei der Akutversorgung der schwer verletzten oder schwer erkrankten Patienten. Ein Einsatz pro Tag ist wahrscheinlich. Manchmal sind es auch bis zu drei.

Lebensretter im Helikopter

Noch vor Sonnenaufgang zieht die Crew den rotweißen Helikopter aus dem Hangar: Der Eurocopter ist ein Kraftpaket mit mehr als 1700 PS, Mit 250 km/h eilt das vier Tonnen schwere Fluggerät zum Einsatz. Für die 50 Meter zum Startplatz aber ist der Eurocopter auf Emmas Hilfe angewiesen. Emma, das ist der kleine Schlepper, an dessen Steuer nun der Pilot sitzt. Viele Worte muss die Crew nicht machen. Jeder Handgriff sitzt. In wenigen Minuten steht der Hubschrauber startklar im kalten Dezemberwind. Und Rainer Milewskis Augen glänzen: „Das ist schon ein cooles Rettungsmittel.“

Rückblende in die 1980er-Jahre: Flop-flop-flop... Der legendäre Hubschrauber „Huey“ ist schon aus Kilometern Entfernung im Anflug auf Stadtlohn zu hören. Nicht von ungefähr trägt er den Spitznamen „Teppichklopfer“. Der kleine Rainer schwingt sich vor seinem Elternhaus an der Weststraße auf sein Fahrrad und saust zum nahen Krankenhaus Maria-Hilf. Dort steht er mit Freunden am Zaun, bestaunt das Fluggerät und nicht minder die Retter in ihren leuchtend roten Overalls.

Lebensretter im Helikopter

Der Hubschrauber landet allerdings selten am Stadtlohner Krankenhaus. Die Feuerwehr dagegen ist häufiger im Einsatz. „Da haben wir mit Freunden eine Telefonkette gebildet. Wir sind den Feuerwehrautos immer auf dem Fahrrad hinterhergefahren.“ Für Rainer Milewski stand seither fest: „Ich werde Feuerwehrmann. Ich wüsste auch gar nicht, was ich anderes machen wollte.“ Schon als Jugendlicher tritt er in die Freiwillige Feuerwehr Stadtlohn ein.

Nach einer Metalllehre wird er hauptberuflicher Feuerwehrmann in Essen. „Dass darüber hinaus die RettunIgsfliegerei mal ein Thema für mich werden würde, hätte ich nie geglaubt“, sagt Rainer Milewski. Im vergangenen Jahr aber wurde sein Berufstraum wahr: In Fortbildungen für Notärzte, die er leitete, hatte er Kontakte zu den Johannitern geknüpft. Und die fragten nun per Telefon an, ob er er sich vorstellen könnte, Einsätze im Rettungshubschrauber zu begleiten.

Lebensretter im Helikopter

Rainer Milewski brauchte keine Bedenkzeit: „,Aber hallo!‘ habe ich nur gesagt.“ Fürs Fliegen opfert Rainer Milewski nun gerne neben seinem Hauptberuf drei Tage Freizeit im Monat. „Es ist schon ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen“, sagt Rainer Milewski. Seine Frau und die drei Söhne (acht, fünf und ein Jahr alt) stehen voll hinter ihm, zumal die Familie dank seiner Schichtzeiten bei der Feuerwehr nicht zu kurz kommt. „Die Jungs finden meine Rettungsfliegerei natürlich cool. Und sie sind schon Feuerwehrmänner in Wartestellung“, sagt der Vater stolz.

Jetzt ist es schon kurz nach zwei. Seit der Hubschrauber frühmorgens aus dem Hangar gezogen wurde, hat sich kaum etwas getan. Ein wenig Büroarbeit, medizinisches Gerät wird desinfiziert, Medikamente kontrolliert. „Man muss hier schon ein gewisses Phlegma mitbringen“, sagt der Pilot Stefan Weymann augenzwinkernd. „Ich würde jetzt gerne fliegen“, sagt Rainer Milewski und überprüft das Einsatzhandy. Es funktioniert. Aber es schweigt.

Keine Sicht, keine Chance

Erst um halb fünf, als es schon dunkel wird, klingelt das Telefon. Die Leitstelle Minden-Lübecke erbittet einen Einsatz: Eine 26-jährige Patientin an der Herz-Lungen-Maschine soll von Bad Oeynhausen in eine Spezialklinik nach Hannover geflogen werden. „Oh, das wird eine enge Kiste“, sagt Stefan Weymann. Nicht der Arzt, sondern der Pilot hat jetzt das Sagen. Den ganzen Nachmittag hat er schon mit sorgenvoller Miene das von Holland herannahende Tief beobachtet. Gleich werden die Wolken tief über dem Teutoburger Wald hängen. Ein Telefonat mit dem Wetterdienst in Frankfurt bringt letzte Gewissheit: keine Sicht, keine Chance.

Notfallmedizinische Überlegungen spielen jetzt keine Rolle mehr. „Wir können nicht drei Menschenleben aufs Spiel setzen, um eines zu retten“, sagt Rainer Milewski. Der Transport muss heute Abend notgedrungen auf dem Straßenweg stattfinden. Für Rainer Milewski bleibt an diesem Tag nur noch ein wenig Papierkram. Auch ein nichtgeflogener Einsatz muss akribisch dokumentiert werden. Und dann wartet dieses Mal ein pünktlicher Feierabend um 19 Uhr. Rainer Milewski schmunzelt. „Da kann ich ja heute Abend ja doch noch einen Flug miterleben: mit den Bergrettern im ZDF.“

Die Johanniter-Luftrettung hält bundesweit fünf Intensivtransporthubschrauber an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr einsatzbereit.

Jüngster Johanniter-Standort ist seit einem Jahr Marl-Loemühle. Hier kooperieren die Johanniter mit der Uni-Klinik Bergmannsheil in Bochum.

Der Johanniter-Rettungshubschrauber ist vom Flugplatz Loemühle aus bundesweit für Intensivkrankentransporte im Einatz. Dank seiner Spezialtechnik können auch Intensivpatienten lückenlos versorgt werden.

In NRW sind sieben Helikopter offiziell beauftragt, zu Notfällen zu fliegen, vergleichbar einem Notarztwagen. Zwei weitere Hubschrauber sind – wie die Johanniter-Maschine – „genehmigt“, das heißt sie übernehmen vor allem Intensivverlegungen. Sie helfen aber auch im Notfall, wenn kein anderer Hubschrauber verfügbar ist.

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