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Nach drei Generationen:

Wenn der Eiermann zum letzten Mal klingelt

Stadtlohn Über drei Generationen haben die Bittings Eier unter die Leute gebracht. Jetzt ist für Ludger Bitting Schluss – obwohl die Nachfrage steigt.

Wenn der Eiermann zum letzten Mal klingelt

Hilde Wewers (89) ist schon seit einem halben Jahrhundert Eierkundin bei den Bittings. Ludger Bitting, der längst auch mit ihren Enkelkindern Hanne, Benno und Tina (von links) bestens bekannt ist, liefert jetzt zum letzten Mal die fragile Fracht aus. Foto: Stefan Grothues Foto: Foto: Stefan Grothues

Gerhard Bitting war 1959 seiner Zeit voraus: ein Pionier der Direktvermarktung. Mit echtem Unternehmergeist fuhr der Landwirt vor fast 60 Jahren mit dem Zug nach Gelsenkirchen-Horst. Dort kannte er zwar niemanden. „Aber er war ein Mann, der auf die Menschen zugehen konnte“, sagt sein Enkel Ludger Bitting. Nicht von ungefähr war sein Großvater ja auch zum Bürgermeister des Kirchspiels Stadtlohn gewählt worden.

Im Schatten der Zeche Nordstern fragte sich der rührige Landwirt durch, sprach mit vielen Menschen, bis er auf eine Frau traf, die bereit war, seine Geschäftsidee zu unterstützten: die Direktvermarktung seiner in Stadtlohn produzierten Kartoffeln und Eier im Ruhrgebiet. Seine „Agentin“ nahm in den Folgetagen zahlreiche Bestellungen auf.

Schon eine Woche später rollte ein Lkw aus Stadtlohn in den Pott, beladen mit Eiern und Kartoffeln aus Stadtlohn. Das war der Beginn einer herzlichen Geschäftsbeziehung. Woche für Woche fuhr Gerhard Bitting nun nach Gelsenkirchen, um seine 400 Stammkunden zu beliefern. Denen schmeckten die Eier und Kartoffeln aus der Töpferstadt bestens. Und die Bergleute hatten gutes Geld, um für die Qualität vom Lande gut zu zahlen. Das Geschäft lief wie am Schnürchen. So war es für den Sohn Josef keine Frage, nicht nur den Hof, sondern auch die Eierfahrten ins Ruhrgebiet zu übernehmen. Und auch Enkel Ludger ist seit 42 Jahren mit von der Partie.

Mehr als nur ein Geschäft

Und wenn Ludger Bitting heute auf die letzten vier Jahrzehnte zurückblickt, dann wird deutlich, dass diese Eierfahrten für ihn mehr als ein Geschäft waren. „Wir kennen unsere Kunden ja über Jahrzehnte. Da wird nicht nur verkauft, da werden auch Neuigkeiten und Familiengeschichten ausgetauscht“, erzählt er, während er ein Fotoalbum aufschlägt: „Diese Bilder sind auf unserer letzten Tour im Ruhrgebiet im Jahr 2001 entstanden.“ Die Fotos zeigen Ludger Bitting, seinen Sohn Jens und seinen Neffen Ingo vor dem taubenblauen Lieferwagen: „Die Jungs sind zehn Jahre lang mitgefahren. Die Treppen waren mir zuviel geworden.“

Die Fotos gewähren auch Einblicke in viele Gelsenkirchener Wohnstuben, zeigen Menschen, die Abschied nehmen von „ihrem Eiermann“. Ludger Bittner: „Da gab es manche Umarmung und manche Träne zum Abschied. Noch heute bekommen wir zu Weihnachten Karten unserer Kundschaft von damals.“

Ludger Bitting mochte die offene und herzliche Art der Menschen im Ruhrgebiet. Doch die Kunden wurden immer älter, der Absatz schrumpfte. Darum gab der Landwirt am Immingfeldweg vor 16 Jahren seine eigenen 2000 Legehennen auf. Fortan konzentrierte er sich auf Eierfahrten in seiner Heimatstadt Stadtlohn und verkaufte die Eier eines anderen Stadtlohner Legebetriebs.

Auch das Pröatken wurde geschätzt

140 Kunden warten in Stadtlohn bis heute an jedem zweiten Samstag auf ihre Eierlieferung. Und auch die münsterländischen Kunden schätzten neben dem vollen Eierkarton auch das Pröatken. „Manche haben regelrecht schon darauf gewartet.“ So wie Hilde Wewers (89): „Ich bekomme die Eier schon seit 50 Jahren von den Bittings. Da gibt es auch immer viel zu erzählen.“ Hilde Wewers war eine fleißige Abnehmerin: „Jeden Morgen haben mein Mann und ich vier Eier gekocht, zwei gab es zum Frühstück und zwei zum Abendessen. Und zum Backen habe ich auch viele Eier gebraucht. Das mache ich heute nicht mehr. Dann habe ich auch noch Eier für die Kinder und für die Nachbarn gekauft und verteilt.“ Doch damit sei ja jetzt wohl Schluss, bedauert Hilde Wewers. „Ab Samstag müssen meine Kinder wohl für mich die Eier kaufen, ich bin ja nicht mehr so gut zu Fuß.“

Die Entscheidung hat sich Ludger Bittner nicht leicht gemacht. Aber nach seiner Beobachtung nimmt die Nachfrage langfristig ab: „Heute wird viel weniger gebacken als früher. Es werden daher auch viel weniger Eier als früher gekauft.“ Hinzu kommen geänderte Lebens- und Freizeitverhältnisse. „Viele Menschen wollen nicht zu einem festen Zeitpunkt auf den Eiermann warten.“

Gesundheitliche Gründe

Doch gerade in jüngster Zeit konnte Ludger Bitting viele neue Kunden gewinnen. „Nach dem Skandal um die mit Fipronil belasteten Eier habe ich auch viele jüngere Familien beliefert. Die vertrauen mehr auf die Anbieter und Produzenten vor Ort.“ Dennoch bleibt es dabei: Ludger Bitting fährt am Samstag seine allerletzte Tour. Gesundheitliche Gründe seien ausschlaggebend.

„Ohne meine Familie hätte ich schon viel früher aufgeben müssen. Meine Frau Toni, mein Sohn Jens, meine Schwiegertochter Anne und in den letzten Jahren besonders meine Tochter Melanie sind für mich eingesprungen, als ich im Krankenhaus war.“ Darauf ist Ludger Bitting stolz: auf den Zusammenhalt in der Familie und darauf, dass in den letzten 42 Jahren keine Fahrt ausgefallen ist. Auf den Eiermann Bitting konnten sich die Kunden immer verlassen.

„Das wird sicher wehmütig werden“

Den Hof hat Ludger Bitting inzwischen an seinen Sohn übertragen. Der betreibt die Landwirtschaft aber nur nebenberuflich. Für die Eierfahrten fehlt ihm die Zeit. Ludger Bitting bereitet sich nun auf eine emotionale letzte Tour vor. „Das wird am Samstag sicher wehmütig werden. Ich hätte ja gerne weitergemacht.“ Andererseits blickt er zufrieden zurück: „Diese Arbeit hat richtig Spaß gemacht.“ Daran wird er sich gerne erinnern, wenn er künftig sein Frühstücksei köpft – „und das kommt selbstverständlich jeden Morgen auf den Tisch“.

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