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Sind kürzere Messen die Lösung?

Nur an den Festtagen sind die Kirchen voll

Südlohn/Kreis In wenigen Tagen ist Weihnachten. Für viele Menschen ist es das einzige Mal im Jahr, dass sie einen Gottesdienst besuchen. Was können Kirchen tun, um da gegenzusteuern?

Nur an den Festtagen sind die Kirchen voll

Beim Familiengottesdienst am vergangenen Sonntag in der Jakbuskirche Oeding waren Kinder in die Gestaltung miteinbezogen und führten eine Szene auf. Foto: Georg Beining

An Heiligabend ist der Gottesdienst in den den Kirchen in Südlohn und Oeding immer voll. Viele Menschen stehen hinter den Bänken, weil alle Plätze besetzt sind. Sie wollen Atmosphäre, Besinnlichkeit, Einstimmung auf das Fest. Doch an Sonntagen ohne hohen christlichen Feiertag sieht es oft anders aus.

Im Bistum Münster erreichte die Zahl der Gottesdienstbesucher 2016 einen neuen Tiefstand: 172.582 Menschen kamen sonntags in die Kirche, 10.860 weniger als noch 2015. Das sind 9,1 Prozent aller Katholiken. Im vierten Jahr in Folge liegt die Zahl unter zehn Prozent. Die Austrittszahlen waren zuletzt rückläufig, blieben aber auf hohem Niveau. In den Kirchen von St. Jakobus (Oeding) und St. Vitus (Südlohn) allerdings sieht die Entwicklung bei den Gottesdienstbesuchen in den Vergleichsjahren 2015/2016 etwas anders aus. Zumindest auf den ersten Blick. Hier gibt es sogar einen Zuwachs der Gottesdienstbesucher. Allerdings relativiert sich dieser Eindruck angesichts der besonderen Statistik. In den Bistümern im Land wird nur an zwei Terminen im Jahr gezählt: am zweiten Sonntag in der Fastenzeit und am zweiten Sonntag im November. Gezählt werden dann alle Teilnehmer der sonntäglichen Messen, darunter auch Gäste aus anderen Orten, Konfessionen, Touristen und Wallfahrer.

Und auch in der Kirchengemeinde vor Ort sorgt man sich schon länger um einen Rückgang bei Gemeindemitgliedern wie auch Kirchenbesuchern. Aus diesem Grund wurde für St. Vitus und St. Jakobus 2015 sogar ein Pastoralplan aufgestellt.

Ziel: Die Menschen erreichen

Für Pastor Stefan Scho stehen bei der Suche nach Problemlösungen nicht kürzere oder längere Gottesdienste im Vordergrund, sondern das Ziel, die Menschen zu erreichen. Das heißt für ihn in erster Linie „Kundenpflege“, also die Menschen, die kommen, darin zu bestärken. Scho: „Wichtig ist, ein offenes Ohr zu haben, bei Besuchen aus welchem Anlass auch immer, genau hinzuhören, was sie bewegt.“ Mit denjenigen, die aus der Kirche austreten, sollte man das Gespräch suchen, meint Scho. „Um sie vielleicht doch noch zu halten.“ Sein Hauptargument: „Kirche ist schließlich auch Sinngebung des Lebens.“ An Weihnachten geht es in Schos Kirchengemeinde „klassisch“ zu, ohne besondere neue Gottesdienstformate: „Stille Nacht muss es in jedem Fall geben, darauf bestehen die Kirchenbesucher.“ Allerdings, auch das regt er an, müsse man vielleicht noch mehr über Spiritualität nachdenken. An der wöchentlichen Adventsmeditation nähmen schließlich durchweg 30 Leute teil. Und grundsätzlich sei die Gemeine offen – für neue Ideen und neue Wege.

Gezählt wird an fünf Sonntagen

Für die Evangelische Kirche von Westfalen ergab sich 2016 ein durchschnittlicher Gottesdienstbesuch von 3,4 Prozent der Gemeindeglieder. In absoluten Zahlen sind das durchschnittlich 76.684 Besucher pro Zähltag in den 494 Gemeinden. Gezählt wird laut einer EKD-Vorgabe lediglich an fünf Sonntagen, darunter hohe Feste der Kirche wie Karfreitag und Heiligabend. „Dieses Zählprinzip lässt vieles unberücksichtigt, was im Laufe der vergangenen Jahrzehnte entstanden ist“, sagt Andreas Duderstedt, Sprecher der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW). Dementsprechend kann auch Pfarrer Klaus Noack von der evangelischen Kirchengemeinde Oeding-Stadtlohn-Vreden wie sein katholischer Kollege Scho für seinen Bereich von steigenden Besucherzahlen in den Gottesdiensten sprechen. Allerdings gilt das nur auf Basis der genannten fünf Zähltage. Die Realität an „normalen“ Sonntagen sieht nämlich ganz anders aus.

Nicht zu sehr auf Zahlen schielen

Noack hält es da mit den Visitatoren, die ihm bei der Visitation im September 2016 geraten hätten, nicht zu sehr auf die Zahlen zu schielen. Allgemein sei, so Noack, eine Abnahme an Bindung zu Kirche und Glauben festzustellen. Eine Einschätzung, die auch durch eine Online-Studie des Bistums Essen bestätigt wird. Darin haben rund 3000 Männer und Frauen ihre Austrittsgründe benannt. Mehrere Hauptmotive für den Austritt hätten sich in der Studie herauskristallisiert, „erstens Entfremdung und zweites fehlende Bindung“, sagt Religionspädagoge Ulrich Riegel, der an der Untersuchung mitgearbeitet hat.

Nur an den Festtagen sind die Kirchen voll

Dicht gefüllt war die Johanneskirche in Oeding beim Reformationsgottesdienst zum Jubiläum am 31. Oktober dieses Jahres.

Riegel glaubt aber auch, dass Feiern wie Hochzeiten, Kommunion oder Taufen die Momente seien, wo Kirche noch am meisten Leute erreiche und punkten könne. An Weihnachten müsse man sich als Priester fragen: „Warum kommen diese Menschen?“, sagt Stefan Böntert. Der Bochumer Liturgiewissenschaftler hält das Fest für den „Ernstfall des ganzen Jahres“. „Sie erwarten etwas in dieser Liturgie, dass sie so an anderer Stelle nicht finden“, so Böntert weiter.

Auf der EKD-Synode in Bonn Mitte November riet der münstersche Religionssoziologe Detlef Pollack dazu, die Gottesdienste zu verkürzen. Kein Gottesdienst sollte länger als 50 oder höchstens 60 Minuten dauern, „viele Menschen haben am Sonntagvormittag schlichtweg anderes zu tun, was ihnen wichtiger ist“, sagt Pollack. Es gäbe ein Mobilisierungspotenzial bei den Gläubigen, das sich vielleicht aktivieren ließe.

Schon eine Menge ausprobiert

Die Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen, Annette Kurschus, ist da skeptischer: „Die Anfangszeiten, die Länge oder das Format eines Gottesdienstes halte ich eher für zweitrangig. Das A und O ist, dass der Gottesdienst für Menschen von Bedeutung ist und sie in der Wirklichkeit ihres Lebens betrifft. „Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Dauer von Gottesdiensten der ausschlaggebende Faktor für die (Nicht-)Teilnahme daran ist“, sagt auch Anke Lucht, Sprecherin des Bistums Münster. Dem Bistum Münster gehe es nicht in erster Linie und nicht ausschließlich darum, mehr Menschen in die Kirchen zu bekommen. „Qualität ist entscheidend“, nicht Masse, ist auch Liturgiewissenschaftler Stefan Böntert überzeugt. „Ein Gottesdienst ist nicht nur dann gut, wenn viele Menschen daran teilnehmen.“ Es gebe mehr Feierformate als nur die Heilige Messe.

Pfarrer Klaus Noack hat da so seine Zweifel. Dass die Gottesdienstlänge ein Kriterium sei, hält er sogar für ausgeschlossen. Und: „Wir haben eine Menge ausprobiert und sind qualitativ sicher gut, der Erfolg hielt sich dennoch in Grenzen.“ Noack nennt neue Formen wie Feierabendkirche, Gesprächs- oder auch Taizé-Gottesdienste. Allesamt mit wenig Resonanz. Und selbst niederschwellige Angebote wie eine Fahrt zum Planetarium mit anschließender Diskussion über Glauben und Naturwissenschaften hätten ein ähnliches Bild gezeigt. Noack sieht sich und Kirche allgemein daher weiter auf dem Weg, an den Ursachen, sprich der mangelnden Bindung, zu arbeiten. „Eine Patentlösung aber gibt es nicht.“

Die Zahlen der Gottesdienstbesucher im Bistum Münster stammen aus 2016 (erhoben bei zwei Zählungen).

Ahaus, Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt: 1.066 (2016), 1.218 (2015)

Ahaus-Alstätte, Pfarrei St. Mariä-Himmelfahrt: 1.103 (2016), 1.263 (2015)

Ahaus-Wüllen, Pfarrei St. Andreas und Martinus: 1.028 (2016), 890 (2015)

Vreden, Pfarrei St. Georg: 1.834 (2016), 1.834 (2015)

Heek, Pfarrei Hl. Kreuz: 1.039 (2016), 1.297 (2015)

Stadtlohn, Pfarrei St. Otger: 1.946 (2016), 1.510 (2015)

Südlohn, Pfarrei St. Vitus und St. Jakobus: 886 (2016), 841 (2015)

Legden, Pfarrei St. Brigida und St. Margareta: 346 (2016), 504 (2015).

Die Besucherzahlen in den Ev. Kirchengemeinden (erhoben an fünf Zähltagen)

Kirchengemeinde Oedung-Stadtlohn-Vreden: 7638 (2016); 6918 (2015).

Keine Zahlen gibt es aus der Ev. Kirchengemeinde Ahaus (dazu gehören Ahaus, Legden, Heek, Schöppingen). Die Gottesdienstbesucher werden hier nicht erfasst. Gezählt werden lediglich die Abendmahlgäste.

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