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Kegeln in Werne

Ist das die Krise, von der alle sprechen?

Werne In den 70er-Jahren waren die Kegelbahnen ausgebucht, die Kugeln rollten auch unter der Woche. Und heute? Gibt es immer noch ausreichend Bahnen in Werne, aber nicht mehr ganz so viele, die sie nutzen. Kegeln – das hat ja auch so was Altbackenes, meint Autorin Vanessa Trinkwald.

Ist das die Krise, von der alle sprechen?

Kegeln war einst eine beliebte Sportart. Tausende Männer und Frauen waren Mitglied in einem Verein oder mieteten zum Spaß nach der Arbeit eine Kegelbahn. Nun steckt das Kegeln in der Krise – heißt es. An einem Abend im März rollten auf der Bahn des Hotel-Restaurants Kolpinghaus keine Kugeln. Man traf sich trotzdem. Foto: Vanessa Trinkwald

Worauf stößt man an? Auf den Geburtstag, die bestandene Abschlussprüfung – auf die gute alte Zeit. Die Frauen aus dem „Klub der Teufelinnen“ stoßen jedes Mal an, wenn sie sich sehen. Im Kegelzimmer des Kolpinghauses. Die „Teufelinnen“ gibt es seit Jahren. Sie sind standhaft. Auch wenn es dröhnt: Das Kegeln – das steckt doch in der Krise! So habe ich es zumindest gehört.

Pommes und ‘ne Cola

Kegeln – das hat so was Altbackenes. Schon als Kind fand’ ich das altbacken, und da wusste ich nicht einmal, dass es das Wort überhaupt gibt. Immer dann, wenn besonders kreative Eltern ihre Sprösslinge zum Kindergeburtstag auf die Bahn geschickt haben, gab’s Pommes und ‘ne Cola. Ausnahmsweise mal ‘ne Cola („Sonst kriegt mein Kind ja keine Cola!“).

Die Pommes waren gut, die Cola war es auch. Nur das Aufstehen zwischendurch hat genervt („Ey, steh’ mal auf!“). Dann hab’ ich mich zur Bahn geschleppt und aufgepasst, die blöde Glocke nicht zu berühren. Kegeln hat genervt. Hoffentlich steckt’s in der Krise, hätte ich als Kind gedacht.

Klischeedenken

Jahre später sitze ich an einem Abend Mitte März an der Theke im Hotel-Restaurant Kolpinghaus. Es sind die Gedanken an meine Kindheit, die mir an diesem Abend durch den Kopf gehen. Ich warte … mittlerweile seit 40 Minuten. „Weiß auch nicht, wo die bleiben“, sagt Pächter Horst Nußbaum hinter der Theke. Ich warte weiter. Alles Frauen, hat man mir gesagt. Was? Keine alten Männer? Klischeedenken.

Die meisten Klubs, die es gibt, gibt es seit Jahren. Die Mitglieder werden älter, den Klubs fehlt der Nachwuchs, sie sterben aus. Das ist das, was man so hört. „Ja ja, das waren früher viel mehr“, sagt Nußbaum, der sich vor dem Kolpinghaus mit dem „Flieger-Horst“ in Hamm einen Namen gemacht hat. „Ich hab’ aber noch 14, 15, die regelmäßig kommen.“ Nur die Teufelinnen kommen nicht. „Gibt es hier eigentlich einen Hintereingang?“, frage ich.

Kegeln – das hat so was von Hinterzimmer

Kegelbahnen gibt es immer noch viele. In Werne etwa bei Fränzer, in der Hornemühle, in Marias Taverne, Haus Havers, Wittenbrinks Hof – am Wochenende ausgebucht, nutzt die Bahnen unter der Woche kaum noch jemand.

„Das ist in den letzten Jahren viel, viel weniger geworden“, sagt Gerda Wittenbrink von der Varnhöveler Straße 51. „Früher waren wir jeden Tag besetzt, da haben die Leute geraucht und getrunken, sind dann trotzdem noch nach Hause gefahren und am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen. Das macht heute keiner mehr.“

Wie alt sind die Leute? „Älter“, sagt Wittenbrink. „Die meisten.“ An ein Trüppchen aus der Nachbarschaft erinnert sie sich aber – „18-Jährige, vielleicht auch 20“. Ein paar Jüngere hat Horst Nußbaum auch. „Das sind die, die irgendwann heiraten, zwischen 30 und 50 nicht mehr dürfen und erst wiederkommen, wenn die Kinder aus dem Haus sind“, sagt er und schwenkt seinen Zeigefinger, um dem Ganzen noch mehr Nachdruck zu verleihen: „Genau so ist es.“

Wir haben das Restaurant verlassen, laufen den kalten Gang entlang. Die letzte Tür rechts ist die zur Kegelbahn. Kegeln – das hat so was von Hinterzimmer.

Kein Klub, ein Klübchen – ist das die Grippe oder doch die Krise?

Die Kegelfrauen sitzen am Tisch, der mindestens so lang ist wie die Bahn selbst. Sie sieht aus wie alle Kegelbahnen aussehen, erinnert mich an meine Kindheit. Den muffigen Geruch von damals in der Nase, betrete ich den Raum. Totenstille; irritierte Blicke; keine Kugel, die auf die Bahn knallt. Nur drei Damen, die mich anschauen. Kein Klub, ein Klübchen. Ist das die Krise, von der alle sprechen? „Darf ich kurz stören?“, frage ich.

Und dann reden wir von monatlichen Treffen, kleinen Wettbewerben auf der Bahn. Darüber, dass die Frauen mal ein halbes Jahr ausgesetzt haben. Wir reden über Ausflüge, über die Aida-Fahrt nach Norwegen zum zehnjährigen Bestehen, die letzte Fahrt nach Koblenz, Weiberfastnacht.

Wir machen das, was die Klub-Damen zwischendurch auch machen: einfach quatschen und die Kegelbahn Kegelbahn sein lassen. Mehr Geselligkeit, weniger Wettbewerb. „Hier ist es einfach so schön ruhig, anders als im Restaurant“, sagt Monika Möllmann und nimmt ihr Glas. Es gibt keine Cola. Und auch keine Pommes. Es gibt Wein und wahrscheinlich einen leckeren Fisch.

Geselligkeit und jahrelange Freundschaften

„Die Idee war damals einfach da“, erzählt Petra Dornhege-Mertens. „Und dann kannte die eine die andere“ – und die selbst ernannten Teufelinnen waren geboren. Zehn Frauen an der Zahl, die wegen der Grippe an diesem Abend auf weniger als ein Drittel zusammengeschrumpft sind.

Na, und? Trotzdem treffen und quatschen. Und nächstes Mal sind wieder alle mit dabei. Es geht beim Kegeln nicht zwangsläufig ums Kegeln. Es geht ums Essen und Trinken und um die Gesellschaft. Ums Widersehen und jahrelange Freundschaften. Die „Teufelinnen“ gibt es seit 21 Jahren.

Mit der Bahn verschwände auch ein Stück Heimat

Vielleicht ist es mit der Kegel-„Krise“ wie mit der Grippe. Sie geht irgendwann vorbei. Oder endet tödlich. Kindergeburtstage ohne Kegeln wären zu verschmerzen, aber mit der Bahn verschwände auch ein Stück Heimat, ein Stück Tradition.

Klubmitglied Susanne Mersch hebt ihr Glas, will anstoßen. Auf die gute alte Zeit und das, was da noch kommt. „Pling“ – ein schriller Ton in dem sonst stillen Raum. Wie das Glöckchen, das ich früher nicht berühren durfte. „Ey steh’ mal auf“, denke ich zu mir selbst und schleppe mich zur Tür. An diesem Abend rollte keine einzige Kugel.

Das Ende eines Trends

Wie viele Hobby-Kegelklubs es in NRW gibt, deren Mitglieder sich regelmäßig beim Bier auf der lokalen Kegelbahn treffen, ist statistisch nicht erfasst, da Gesellschaftskegler nicht in Verbänden organisiert sind.

Der Freizeitforscher Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen erklärt die Entwicklung mit dem Ende eines Trends. Ihm zufolge war Kegeln in den 70er-Jahren eine beliebte Möglichkeit, Sport und Geselligkeit zu verbinden. Inzwischen seien die Gaststätten mit Kegelbahnen alt geworden.

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