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Schwierige Chefsuche bei Handwerkern in Werne

Wenn der Senior geht, findet nicht jeder Betrieb einen Nachfolger

Werne In Nordrhein-Westfalen haben viele Handwerksbetriebe Probleme, einen Chef zu finden. Denn oft fehlen Nachfolger, wenn der Senior in Rente geht. Auch in Werne ist dieser Trend zu erkennen. Es gibt aber auch Positivbeispiele.

Wenn der Senior geht, findet nicht jeder Betrieb einen Nachfolger

Blicken zuversichtlich in die Zukunft: Die beiden Betriebsinhaber Andrea (3.v.l.) und Bernd Plaß mit zwei ihrer Mitarbeiter, der Innenarchitektin Bettina Rauscher (l.) und Badplanerin Britta Drücker. Foto: Andrea Wellerdiek

Einmal Chef sein – das ist für viele Menschen ein Traum, für andere hingegen gar kein Anreiz. Laut einer Erhebung der NRW-Handwerkskammern benötigen 30.000 Betriebe in den kommenden fünf Jahren aus Altersgründen einen neuen Chef.

Demografischer Wandel

Bei der Handwerkskammer Dortmund, die für den Kreis Unna zuständig ist, sind derzeit 30 Prozent der Betriebschefs älter als 55 und 10 Prozent älter als 65 Jahre. Laut einer Umfrage von 2015 sucht jeder vierte Betriebschef in den kommenden fünf Jahren einen Nachfolger. Das gilt auch für Werne.

Und es wird immer schwieriger. „Vor 20 Jahren war es noch üblicher, dass der Sohn den Betrieb übernommen hat. Heute ist es nicht mehr auf Tradition gebunden. Denn jetzt bekommen sie mit, wie belastend es für die Familie sein kann“, sagt Thomas Behrning von der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe.

Schwierige Arbeitszeiten

Den Grund sieht er auch in den veränderten Berufserwartungen. In einigen Branchen sei es generell schwierig, Nachwuchs zu finden. Etwa bei Konditoreien und Bäckereien sowie Metzgereien seien die Arbeitszeiten schwierig.

„Das passt für viele junge Menschen nicht in ihren Lebensrhythmus. Wenn die Freunde feiern gehen, möchte man selbst nicht zur Arbeit gehen“, sagt Behrning.

Strukturelles Problem

Die Branche hat zusätzlich ein strukturelles Problem. „Fleischer und Bäcker müssen immer mehr mit Unternehmen konkurrieren, die Produkte industriell herstellen. Dadurch ist die Zahl der Betriebe sowieso extrem zurückgegangen.“

Zwei bis drei Bäckereien aus der Kreishandwerkerschaft schließen jährlich – „auch, weil sie keinen Nachfolger finden“, erklärt Behrning.

Negativ- und Positivbeispiel

Wie dramatisch die Lage in diesem Gewerbe ist, zeigt ein Extrembeispiel aus dem Kreis Soest: Mitte der 70er-Jahre zählte die Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe noch 222 Bäckereibetriebe, heute sind es nur noch 20.

Es gibt aber auch Positivbeispiele: Der Meisterbetrieb für Sanitär und Heizung Plaß in Werne blickt bei der Nachfolgeregelung zuversichtlich in die Zukunft. Denn die älteste Tochter der Familie, Marita, hat Interesse, den Betrieb zu übernehmen. Derzeit macht die 20-Jährige eine entsprechende Ausbildung.

„Sind hier reingewachsen“

Aktuell führen ihre Eltern, Bernd und Andrea Plaß, den Betrieb. Sie haben die Geschäfte 1996 übernommen. „Mein Mann und ich sind hier reingewachsen“, sagt Andrea Plaß, die Tochter des Firmengründers Bernhard Plaß. Sehr früh, mit 24 Jahren, habe sie aushelfen müssen, als ihre Mutter erkrankt war. So lernte sie die Abläufe kennen und bekam die nötige Unterstützung von ihren Eltern.

„Das war sehr schön. Wir hatten sieben gemeinsame Jahre im Betrieb und konnten uns gegenseitig entlasten“, sagt Andrea Plaß. Die Übernahme habe das deutlich einfacher gemacht. Lange überlegt habe sie nicht, ob sie den elterlichen Betrieb weiterführen möchte.

Vereinbarkeit mit der Familie

„Manchmal war es schwierig, als Frau mit kleinen Kindern alles unter einen Hut zu bekommen. Aber den Schritt würde ich immer wieder tun“, sagt sie.

Sie habe aber auch Glück gehabt, dass ihr Mann Bernd, der Installations-und Sanitärmeister und Betriebswirt ist, alles mitgetragen habe.

„Alles kann, nichts muss“

Deshalb sagt sie auch, wenn es um ihre eigene Nachfolge geht: „Alles kann, nichts muss. Wer weiß, wo Marita in ein paar Jahren steht? Wer weiß, wen sie kennenlernt?“ Die Voraussetzungen sind jedenfalls da, dass der Familienbetrieb Plaß in die dritte Generation geht.

55 Prozent der Betriebsübernahmen finden laut der Handwerkskammer Dortmund in der Familie statt. „Manchmal sieht der Betriebschef einen anderen Weg für seinen Sohn vor, als er selbst für sich geplant hat.

Langer Übergangsprozess

Es ist nicht mehr so wie früher, dass man da reingeboren wird“, sagt Gabor Leisten, Ableitungsleiter Unternehmensberatung bei der Handwerkskammer. Zwei bis drei Jahre benötigten die Verantwortlichen, um einen reibungslosen Übergang zu schaffen.

Andere Branchen wie die Elektroindustrie oder das Baugewerbe hätten hingegen seltener Probleme, den Chefposten zu besetzen. Da haben die (neuen) Unternehmer allerdings mit anderen Sorgen zu kämpfen.

Volle Bücher, fehlendes Personal

Die Auftragsbücher sind voll, aber Personal fehlt. Bis zu durchschnittlich 7,4 Wochen müssen Kunden im Kreis Unna auf einen Handwerker aus dem Ausbaugewerbe warten, erklärt Gabor Leisten von der Handwerkskammer Dortmund.

Die Auslastung für Handwerker liegt im Bauhauptgewerbe (zum Beispiel Maurer, Dachdecker, Zimmerer) bei 94 Prozent, für das Ausbaugewerbe (Fliesenleger, Heizungsbauer, Tischler) bei 91 Prozent.

Auszubildende fehlen

Auch der Nachwuchs im Handwerk fehlt. Die Gründe: Viele Auszubildende wechseln in größere Firmen, andere Handwerksbetriebe können gar nicht erst ausbilden.

Das spiegelt sich auch in der Ausbildungsbörse der Kreishandwerkerschaft wider: 85 freie Ausbildungsstellen haben die Mitgliedsbetriebe derzeit dort angegeben. Thomas Behrning vermutet, dass es noch viel mehr offene Stellen in den insgesamt 3000 Ausbildungsbetrieben der Kreishandwerkerschaft gibt.

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