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149 Unternehmen aus unserem Verbreitungsgebiet sind bei dem Bewertungsportal Kununu gelistet. Wie die Firmen mit Lob und Kritik umgehen, ist ganz unterschiedlich. Wir haben uns mal umgehört.

Südlohn, Ahaus

, 08.02.2019 / Lesedauer: 6 min

Es kostet nur ein paar Klicks, schon ist die Meinung öffentlich – ganz anonym: Auf der Onlineplattform Kununu sollen Arbeitnehmer ihre Vorgesetzten und Arbeitgeber bewerten. Das ist laut eigenen Angaben des Portals bisher rund 3,1 Millionen Mal passiert. 842.284 Unternehmen wurden bewertet.

Aus Ahaus, Heek, Legden, Stadtlohn, Südlohn und Vreden – dem Verbreitungsgebiet unserer Redaktion – sind 149 Unternehmen beim Portal Kununu gelistet. Zwischen einer und um die 40 Bewertungen sind dort jeweils verzeichnet. Insgesamt 944 Bewertungen wurden abgegeben, Durchschnittsnote: 3,5. Hauptkritikpunkte: fehlende Aufstiegschancen, das Verhalten von Vorgesetzten, die Kommunikation im Unternehmen, Leistungsdruck, verkrustete Strukturen... Ein großer Knackpunkt: Die Bewertungen sind komplett anonym. Eine Prüfung, ob der Autor tatsächlich bei dem jeweiligen Unternehmen gearbeitet hat, findet nicht statt. Die Bewertungen haben es dafür in sich: „Von außen hui, von innen...“, „Moderne Sklavenhaltung leicht gemacht...“, „unterbezahlter Wahnsinn“ oder „Man kann nur jeden warnen...“ sind in etlichen Bewertungen noch die harmloseren Formulierungen.

Bei Terhalle waren die Bewertungen bisher nur ein kleines Thema

Ludger Wittland ist einer der Geschäftsführer bei Terhalle in Ahaus-Ottenstein. Das Holzbauunternehmen kommt bei den fünf abgegebenen Bewertungen sehr gut weg (Durchschnittsnote: 4,4 von 5 Punkten). „Natürlich nehmen wir wahr, was dort passiert“, sagt Wittland im Gespräch mit unserer Redaktion. Dennoch will er die Bewertungen nicht zu hoch einordnen. „Wir leben von der Mund-zu-Mund-Propaganda“, erklärt er. Auch in den Bewerbungsgesprächen würden die Bewertungen im Internet daher bisher noch keine Rolle spielen. Schlechte Bewertungen kann er allerdings direkt zuordnen: „Das ist ja immer ein sehr subjektives Empfinden, was irgendwo aufgeschrieben wird“, sagt er.

Und er hat noch einen anderen Maßstab zur Hand: „Wir haben 280 Mitarbeiter und gerade einmal fünf Bewertungen.“ Das zeige ja schon, dass das Unternehmen einiges richtig gemacht habe. Getreu dem Motto: Nichts gesagt ist genug gelobt. Dennoch will er sich nicht auf dem Erreichten ausruhen: „Wir suchen ständig nach Verbesserungen.“ Und natürlich gehöre auch ein aktiver Auftritt im Internet oder Sozialen Medien dazu. Ganz wichtig sei aber eben auch die Zufriedenheit unter den Mitarbeitern. „Wir sehen unsere Mitarbeiter eigentlich auch als Kunden“, erklärt er. Denn geschäftlicher Erfolg hänge eben mit einem perfekt abgestimmten Team zusammen. „Ohne Teamplayer geht es nicht“, sagt er.

Ortswechsel: Auch in Vreden bei Schmitz-Cargobull ist Kununu bekannt – wird aber eher intern behandelt. Insgesamt 61 Bewertungen haben Mitarbeiter dort abgegeben – allerdings an allen Standorten des Herstellers von Lkw-Aufliegern. Durchschnittsnote: 3,5. Silke Heesner, Manager für Presse und PR, erklärt, dass das Unternehmen die Bewertungen regelmäßig sichtet. „Wir besprechen sie dann intern“, erklärt sie. Auch wenn die Bewertungen bei Bewerbungsgesprächen bisher eine eher untergeordnete Rolle spielen, bemerkt auch Schmitz-Cargolbull, dass es den Bewerbern zunehmend wichtiger werde, sich vorab über den zukünftigen Arbeitgeber zu informieren. Dennoch sieht sie die Bewertungsportale kritisch: „Die Bewertungen spiegeln ja nur die subjektiven Erfahrungen und Meinung wider“, erklärt Silke Heesner.

Beobachten, aber nicht kommentieren

„In der Regel beobachten wir schon, was dort passiert“, sagt Jürgen Bommert, bei ter Hürne in Südlohn zuständig für Personal. Bisher habe das Unternehmen dort aber nichts kommentiert. Nur einmal sei das Unternehmen tatsächlich eingeschritten, weil eine übermäßig negative Bewertung erschienen war und auch Persönlichkeitsrechte betroffen waren. „Da konnten wir zurückverfolgen, um wen es ging und wer sie geschrieben hat“, so Bommert.

Katja Mattejat, bei der Firma Pfreundt in Südlohn für Marketing zuständig, kennt das Portal und weiß auch, dass es für das Unternehmen dort einige Bewertungen gibt. Auch dort behält man die Einträge im Blick, reagiert aber sonst nicht. „Dafür sind wir zu klein“, sagt Mattejat. Auswirkungen auf die Suche nach Mitarbeitern habe die Bewertung nicht, erklärt sie.

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Sternebewertungen und Zusatzleistungen: Mit wenigen Klicks wird die Bewertung online zusammengestellt. © Screenshot

Ist das Portal also eine tatsächlich objektive Plattform? Eher nicht. Arbeitnehmer können ohne Beschränkungen anonym Bewertungen abgeben. Ob sie tatsächlich in dem Unternehmen beschäftigt waren, wird nicht geprüft. Auf der anderen Seite haben etliche Unternehmen auch Bewertungen mit durchgängig voller Punktzahl, die jedoch keinen weiteren Kommentar aufweisen. Der Verdacht liegt nahe, dass dort Mitarbeiter angehalten wurden, das Ergebnis zu schönen. Gleichzeitig finanziert sich das Portal über Anzeigen oder besonders bezahlte Angebote der Unternehmen. Sie können sich unterschiedlich Profile anlegen, mehr Informationen oder Bilder von sich veröffentlichen – natürlich gegen Gebühr.

Bewerber bei 2G erwähnen die Bewertungen regelmäßig

Die Möglichkeit, die abgelieferten Bewertungen zu kommentieren, nutzen indes nur die wenigsten Unternehmen. Eins von ihnen ist 2G aus Heek. Regelmäßig antwortet das Unternehmen auf Bewertungen, ordnet ein oder kommentiert zurück. Einem Auszubildenden beispielsweise, der sich über mangelhafte Abstimmung oder fehlende Gespräche beschwert, empfiehlt das Unternehmen auf der Plattform doch, die vorhandenen runden Tische und Gesprächsrunden zu nutzen.

Bernadette Kappelhoff, Human Ressource Generalist, hat dazu eine klare Position: „Die Bewertungsportale werden auf dem Arbeitnehmermarkt immer präsenter“, schreibt sie auf Nachfrage unserer Redaktion. Immer wieder würden sich Bewerber in Gesprächen auf Kununu beziehen, Fragen stellen oder sogar angeben, dass sie sich wegen der positiven Bewertungen bei 2G beworben hätten. „Die Zahl derjenigen, die sich vorab informieren, hat deutlich zugenommen“, so Bernadette Kappelhoff weiter. Grundsätzlich wolle das Unternehmen aber authentisch bleiben und gebe daher auch nicht zu jeder Bewertung eine Rückmeldung ab.

„Negatives wird schneller weitergetragen“

Neutral geht auch das Vredener Unternehmen Laudert mit den Bewertungen um: „Wir beobachten, was passiert“, sagt Anne Lück, Marketingleiterin bei Laudert, „greifen aber normalerweise nicht ein oder kommentieren.“ Nur einmal sei das notwendig gewesen: „Da haben wir eine Bewertung löschen lassen, weil sie bewusst falsch dargestellt war.“ Auch sie will das Portal aber nicht zu hoch aufhängen. In Bewerbungsgesprächen seien die Bewertungen bisher aber kein Thema gewesen.

Sorgen macht sie sich wegen der Darstellungen aber eher nicht. „Es ist ja normal, dass Negatives schneller weitergetragen wird, als positive Äußerungen.“ Sie erkennt die Tendenz, dass Bewertungen oft wohl als Ventil genutzt werden, um persönliche Fehlschläge – etwa eine nicht erfolgreiche Bewerbung – zu verarbeiten. Intern versuche das Unternehmen, bei Kritik oder Verbesserungsvorschlägen direkt zu reagieren. „Wir haben hier sehr flache Hierarchien und reagieren auf Hinweise“, sagt sie.

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Die freien Texte sehen online ganz unterschiedlich aus. Mal fehlen sie komplett, mal sind es nur einige Zeilen. Manchmal schreiben sich dort aber auch (ehemalige) Mitarbeiter offensichtlich den Frust von der Seele. © Screenshot

Bewertet werden die Unternehmen zunächst über 13 Kategorien: Sie reichen von Kommunikation, Kollegenzusammenhalt und Vorgesetztenverhalten über Gleichberechtigung und Arbeitsbedingungen bis hin zu Gehalt und Sozialleistungen oder Karriere und Weiterbildung. Pro Kategorie ist eine Bewertung zwischen einem und fünf Sternen möglich. Die Plattform errechnet dann die entsprechenden Durchschnittsnoten.

Außerdem können Nutzer noch freie Texte eingeben und darin positive oder negative Eindrücke des Unternehmens schildern. Schließlich können sie noch „Benefits“ angeben: zum Beispiel Kinderbetreuung, einen Parkplatz, Firmenwagen oder die Kantine.

Unternehmervertreter warnt davor, Bewertungen zu ignorieren

Sollten Unternehmer die Bewertungen also als subjektiv abtun und ignorieren? Andreas Brill vom Unternehmerverband Aktive Unternehmen im Westmünsterland (AIW) schlägt am Telefon fast hörbar die Hände über dem Kopf zusammen: „Auf keinen Fall“, sagt er. Im Gegenteil. Das Stichwort ist „employer branding“. Andreas Brill nennt die deutsche Übersetzung: Arbeitgebermarkenbildung. Und erklärt, was dahinter steckt:

Gerade erst kommt er von einem Vortrag vor Unternehmern zu genau diesem Thema zurück. „Viele Unternehmer haben noch gar nicht auf dem Schirm, dass sie sich positionieren müssen“, sagt er. Die einfache Internetpräsenz reiche da schon längst nicht mehr aus. Genau wie Texte in vielen Stellenanzeigen seien die austauschbar. „Das fängt schon damit an, dass keine direkten Ansprechpartner oder Kontaktmöglichkeiten genannt werden.“

Andres Brill wirbt darum, den Blick von außen zu versuchen. Zweifellos keine einfache Disziplin, aber dennoch eine unbedingte Pflichtaufgabe. „Welcher potentielle Bewerber möchte sich im Zweifel schon mit der Telefonzentrale oder einer nichtssagenden Internetseite herumschlagen?“, fragt er.

Dass es dabei um mehr geht, als nur eine Onlinespielerei, verbreite sich inzwischen immer weiter. Aus ganz simplen Gründen: „Die Schmerzen der Unternehmer werden größer“, sagt er. Der Fachkräftemangel sei zwar schon seit Jahren ein immer wieder beschworenes Problem, langsam werde er aber greifbar.

Die demografische Entwicklung kommt noch dazu: „Gerade gehen die Jahrgänge 1954/1955 in Rente. In zehn Jahren sind dann die geburtenstärksten Jahrgänge dran“, erklärt Brill. Bis dahin verschärfe sich das Problem weiter – ohne Aussicht, dass es danach besser wird:

Gewandelter Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt hat sich eben gewandelt. Das bestätigt ein Blick in die aktuelle Statistik der Agentur für Arbeit: Kreisweit lag die Arbeitslosenquote bei 3,1 Prozent und kratzt damit an der Schwelle zur Vollbeschäftigung. „Es reicht nicht mehr, eine Stelle auszuschreiben und darauf zu warten, dass sich die Menschen schon bewerben werden“, sagt er. Immer wieder führe er Gespräche mit Unternehmern aus der Region, die sich wunderten, keine Bewerbungen bekommen zu haben.

„Die Bewerber können sich eben schon länger aussuchen, wo sie sich bewerben“, sagt Andreas Brill. Und da komme es eben auch auf Kleinigkeiten an. Es geht dabei auch nicht nur um den Stundenlohn. „Zum Auftritt eines Unternehmens gehören alle Informationen, die man finden kann“, erklärt er. Und dazu gehören eben auch solche, die anonym abgegeben werden können.

„Ein Arbeitgeber muss überall auftreten. Ob im echten Leben, auf der eigenen Internetseite oder eben in sozialen Netzwerken oder Bewertungsplattformen“, erklärt Andreas Brill. Denn für einen Bewerber geht es um mehr als nur den Stundenlohn. „Der Gesamtauftritt eines Unternehmens zählt“, sagt Brill.

Ist Ihr Unternehmen oder Ihr Arbeitgeber dabei? Hier geht es zur Suche auf Kununu.

Die Onlineplattform kununu wurde 2007 gegründet und beschäftigt aktuell rund 120 Mitarbeiter in Wien, Boston, Porto und Berlin. Seit 2013 ist es ein Tochterunternehmen des sozialen Netzwerks Xing, in dem Mitglieder vor allem berufliche Kontakte knüpfen.
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