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Die Gemeinschaft, der Zusammenhalt, die ländliche Idylle – die Ellewicker loben ihr Dorf in unserem Ortsteil-Check in höchsten Tönen. Kritik gibt es bei den Themen Verkehr und Jugend.

Vreden

, 14.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Wenn Viktoria Holt im Ellewicker Wirtshaus hinter der Theke steht, serviert sie das Bier nicht selten einem ihrer Chefs. Denn davon gibt es viele in dem Kirchdorf. 250 Mitglieder hat die Bürgergenossenschaft „Use Dorp, use Heimat“, die das Wirtshaus betreibt, inzwischen. Die Ellewicker haben sie gegründet, um dem Kneipensterben entgegen zu wirken. Sie haben das Thema also selbst in die Hand genommen. Trotzdem bekommt Ellewick in unserer Ortsteil-Check-Umfrage nur 7,5 von 10 Punkten in der Kategorie Gastronomie. Ein eher unterdurchschnittlicher Wert.

Alfred van den Berg (53), Aufsichtsrat der Bürgergenossenschaft, weiß genau, woran das liegt: „In Ellewick kann man nirgendwo essen gehen. Das fehlt komplett.“ Tatsächlich gibt es in dem Dorf kein einziges Restaurant – anders als zum Beispiel in Ammeloe, Lünten oder Zwillbrock.

Auch die Bürgergenossenschaft bietet im Wirtshaus nicht regelmäßig Speisen an. „Dafür ist die Küche gar nicht ausgestattet und dafür habe ich auch nicht genug Personal“, sagt Viktoria Holt, die bei der Genossenschaft als Betriebsleitung angestellt ist. Auf Anmeldung aber könne Essen von einem Caterer in der Umgebung bestellt werden. „Das wird auch sehr gut angenommen. Im Saal veranstalten wir Geburtstage, Hochzeiten, Motto-Partys oder Sitzungen. Wir machen für die Ellewicker eigentlich alles möglich.“

Die 24-Jährige weiß aber auch, dass es die Gastronomie nicht nur auf dem Dorf schwer hat. „Man muss sich immer etwas Neues einfallen lassen.“ Und das tut sie. Im Winter gab es eine Waffelbar, im Sommer soll es eine Eisbar geben. Außerdem bietet das Wirtshaus Bollerwagentouren an und Mitte März starten Tanzkurse. „Weil es das früher bei Denno auch gab. Da habe ich schon getanzt“, sagt Alfred van den Berg mit einem Lächeln.

All das geht auf das ehrenamtliche Engagement der Ellewicker zurück. 2015 wurde die Bürgergenossenschaft gegründet, um das Gasthaus Denno wieder zu eröffnen. Kurze Zeit später wurden beide Kneipen im Dorf von einem Brandstifter zerstört. Die Bürgergenossenschaft aber hat nicht aufgegeben und betreibt seit November 2017 das Wirtshaus im Neubau am Gänsemarkt. Die Bürger engagieren sich dabei ehrenamtlich. „Es gibt für alles einen Fachmann, egal ob Elektrik, Schreinerarbeiten oder Drucksachen“, sagt Alfred van den Berg.

Genau diesen Zusammenhalt loben auch viele Ellewicker in unserer Umfrage. Aber es wird auch die andere Seite gesehen: „Schön wäre es, wenn die Stadt Vreden sich genauso um die Dörfer bemühen würde wie um die Innenstadt. Auf den Dörfern ist oft viel Eigeninitiative gefragt“, schreibt eine Teilnehmerin.

Das wurde gut bewertet

Sport: Ellewick-Crosewick ist sportlich. Das ist zumindest aus unserer Umfrage zu lesen. Neun von zehn Punkten gibt es in dieser Kategorie. „Hier ist jeder in Bewegung. Es gibt so viele private Lauf- und Fahrradgruppen“, gibt Viktoria Holt ihren Eindruck wieder. Wie fast jedes Kirchdorf hat Ellewick außerdem einen eigenen Fußballverein und gemeinsam mit Ammeloe den Damen-Handballverein DHG.

Radfahren: Zehn von zehn Punkten vergeben die Ellewicker in der Kategorie Radfahren. Alfred van den Berg kann da nur zustimmen. „Seit Neuestem gibt es ja auch die Fahrradstraße, die von Vreden bis nach Ellewick führt. Das ist sehr positiv“, findet er. Auf dieser Straße haben Radfahrer Vorrang, Autofahrer müssen sich mit maximal 30 km/h unterordnen. Doch an dem Konzept gibt es in unserer Umfrage auch Kritik: „Die neue Fahrradstraße ist sehr schlecht, gefährlich und voller Autos“, schreibt ein männlicher Teilnehmer, der jünger ist als 25.

Ellewick: Wo Bürger die Gastronomie selbst in die Hand nehmen, ohne Auto aber nichts geht

Die Fahrradstraße verbindet Ellewick und Vreden. © Alex Piccin

In Ellewick dreht sich vieles um das Fahrrad. Deswegen hat sich auch das Wirtshaus auf die Radtouristen eingestellt. Vor der Kneipe stehen zum Beispiel Ladestationen für E-Bikes. Außerdem ist die Kneipe am Wochenende auch nachmittags voll. Denn dann kommen auch viele Vredener, die eine Fahrradtour machen, zu Kaffee und Kuchen vorbei. „Durch die Ländlichkeit und die Nähe zu Holland sind schöne Fahrradtouren möglich“, findet auch ein Umfrage-Teilnehmer.

Nahversorgung: Ein wenig widersprüchlich ist die Bewertung zum Thema Nahversorgung. Acht von zehn Punkten haben die Ellewicker hier im Schnitt vergeben. In den Kommentaren wird aber viel Kritik geäußert. Ein Supermarkt würde fehlen, genauso wie Ärzte. Und die Situation wird nicht besser. Denn der letzte Metzger im Dorf hat vor Kurzem geschlossen. „Das ist wirklich ein Problem“, findet auch Alfred van den Berg.

Das wurde schlecht bewertet

Verkehrsanbindung: „Ohne Auto geht hier gar nichts“, meint Alfred van den Berg. Ellewick liegt rund sechs Kilometer vom Vredener Stadtkern entfernt. Vier von zehn Punkten werden in der Kategorie „Verkehrsanbindung“ verteilt – der schlechteste Wert der Ellewicker Umfrage.

Ellewick: Wo Bürger die Gastronomie selbst in die Hand nehmen, ohne Auto aber nichts geht

An der Haltestelle vor der Ellewicker Kirche hält nur der Bürgerbus. © Victoria Thünte

„ÖPNV=Bürgerbus“, schreibt auch ein Teilnehmer der Umfrage. Tatsächlich ist der Bürgerbus das einzige öffentliche Verkehrsmittel, das durch Ellewick fährt. Auf vier unterschiedlichen Touren hält der kleine Bus, an dessen Steuer ehrenamtliche Vereinsmitglieder sitzen, insgesamt zwölf Mal täglich in dem Kirchdorf. Aber: „Er wird von den Ellewickern so gut wie gar nicht genutzt“, sagt Egbert Terhürne, Vorsitzender des Bürgerbus-Vereins. Er kann das nicht verstehen. „Man kann für kleines Geld nach Vreden oder in die anderen Dörfer fahren und das stündlich. Wenn man sich beschwert, dann sollte man das Angebot auch nutzen.“

Doch auch die Straßen in Ellewick werden in den Anmerkungen der Umfrage häufig kritisiert. „Die ‚Dorfstraße‘ ist marode, voller Löcher. Ellewick ist im 18. Jahrhundert hängen geblieben“, schreibt ein Teilnehmer. Außerdem sei die Beschilderung schlecht. In den Niederlanden sei das besser gelöst.

Jugend: „Angebote für Jugendliche fehlen.“ Dieser Satz ist so oder so ähnlich sehr häufig in den Anmerkungen der Umfrage zu lesen. Gerade einmal fünf Punkte gibt es in dieser Kategorie. „Wir haben keine speziellen Angebote in den Kirchdörfern“, bestätigt Markus Funke vom Jugendwerk Vreden. Vor ein paar Jahren habe es eine Umfrage in den Dörfern gegeben, ob es für so etwas Bedarf gibt. Das Ergebnis: Kein Interesse. Aber: „Alles was wir machen, richtet sich natürlich an alle Jugendlichen“, so Markus Funke.

Ellewick: Wo Bürger die Gastronomie selbst in die Hand nehmen, ohne Auto aber nichts geht

Zahlen und Fakten zu Ellewick-Crosewick © Verena Hasken

Dazu zählt natürlich auch der Jugend-Campus, der gerade für viel Geld auf dem Gelände der ehemaligen Georgschule entsteht. Die Politik hat bei den Haushaltsberatungen außerdem ein Zeichen gesetzt. Auf Antrag der CDU wurde beschlossen, dass die Jugendlichen aus den Kirchdörfern den Bürgerbus kostenlos nutzen dürfen, um zum Jugend-Campus zu gelangen. Und noch etwas betont Markus Funke: „Wir unterstützen natürlich auch die Vereine in den Dörfern. Sie leihen sich regelmäßig Kanus für einen Ausflug oder Technik für eine Veranstaltung aus.“

In Ellewick selbst kümmert sich auch die Bürgergenossenschaft um die Jugend. Denn das Wirtshaus ist ein Treffpunkt im Dorf, für junge und alte Ellewicker. Und die Genossenschaft hat nicht nur die Kneipe im Blick. Inzwischen gehen viele Projekte auch darüber hinaus, wie zum Beispiel die neue Sitzecke im Dorfkern. „Wir wollen, dass unser Dorf attraktiv bleibt. Für alle“, sagt Alfred van den Berg.

Ellewicker Geschichte

Keimzelle der Sozialen Marktwirtschaft

Ellewick: Wo Bürger die Gastronomie selbst in die Hand nehmen, ohne Auto aber nichts geht

Ellewick-Crosewick ist seit jeher ländlich geprägt. Auf dem Bild zu sehen ist der Hof Schulze Siehoff. © privat

  • Im Jahre 1678 wurde in Ellewick eine Kapelle errichtet, die durch einen Prozessionsweg mit Vreden verbunden war. Die Kreuzkapelle ist der alte Kern der Siedlung und wurde im Jahre 1720 erweitert. 1903 wurde die jetzige Kirche neben der alten Kapelle errichtet.
  • In Ellewick, genauer gesagt im Herz-Jesu-Kloster wurden die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft entwickelt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das „Institut für textile Marktwirtschaft“ der Westfälischen Wilhelms-Universität von Münster nach Ellewick ausgelagert, um es vor den Bombenangriffen der Alliierten zu schützen. Der Leiter des Instituts, Alfred Müller-Armack, entwickelte in dieser Zeit die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft, die er 1947 in seinem Buch „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ publizierte.
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