100 Jahre, vier Ärzte: Die Geschichte der Landarztpraxis an der Kreuzstraße 10 in Ahaus

mlzLandarzt in Ahaus

Ein Leben als Hausarzt ist nicht unbedingt der Traum aller Mediziner. Für Theo Bunsen, Dirk Bunsen, Nikolaus Balbach und Khalil Malyar kam etwas anderes nie in Frage.

Ahaus

, 02.05.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Genau 100 Jahre in einem Ort und an einer Stelle – und die Geschichte der Arztpraxis an der Kreuzstraße 10 in Ahaus ist noch lange nicht zu Ende. Sie begann im Jahr 1919. Dr. Theo Bunsen, dessen Eltern einen kleinen Gastronomiebetrieb am Oldenkottplatz führten, eröffnete die Praxis nach seinem Medizinstudium. „Er war ein langjähriger und sehr beliebter Arzt. Ein Alleskönner“, sagt Dr. med. Nikolaus Balbach über seinen Vor-Vorgänger in der Praxis. „Früher waren die Landärzte wirklich für alles zuständig, einschließlich der Geburten und kleinerer Operationen.“ So war Theo Bunsen auch Geburtshelfer, operierte am Blinddarm und Leistenbrüche. „Solche Operationen wurden früher auch von niedergelassenen Ärzten an den kleinen Krankenhäusern operiert, wie es eines in Wessum gab“, erzählt Nikolaus Balbach. Die Patienten seien dort – zusätzlich zum allgemeinen Praxisbetrieb – von den Ärzten betreut worden.

Dr. Theo Bunsen eröffnete 1919 seine Hausarztpraxis an der Kreuzstraße 10 in Ahaus und führte sie bis zum seinem Tode im Jahr 1969.

Dr. Theo Bunsen eröffnete 1919 seine Hausarztpraxis an der Kreuzstraße 10 in Ahaus und führte sie bis zum seinem Tode im Jahr 1969. © Privat

Als Dr. Theo Bunsen seine Praxis 1919 eröffnete, praktizierten in Ahaus drei Ärzte. „Damals gab es hier noch Armutserkrankungen“, berichtet Nikolaus Balbach. Grassierende Typhus sei in Ahaus kurz nach dem Ende des 1. Weltkrieges gang und gäbe gewesen. Einer der Ahauser Ärzte bekam es hin, dass in Heek eine Wasserbohrung niedergebracht wurde. „Dort hatte man sauberes Grundwasser gefunden, das Trinkwasserqualität besaß.“ Per Rohrleitung kam das Wasser nach Ahaus „und schlagartig gingen hier die Typhuserkrankungen zurück.“

Unterwegs mit der Pferdekutsche

Nikolaus Balbach kennt noch viele solcher Geschichten, die sich um die Ahauser Ärzteschaft ranken, auch über Dr. Theo Bunsen. „Er war einer der wenigen, der in Ahaus kurz vor dem Zweiten Weltkrieg schon ein Auto besaß. Bis zu der Zeit hatte er seine Hausbesuche mit der Pferdekutsche gemacht, mit dem Zweispänner.“ Der Pferdestall war neben dem Haus an der Kreuzstraße. Da kam es auch schon vor, dass die Pferde mitten in der Nacht für den Doktor angespannt wurden, um nach Patienten in Graes oder Ottenstein zu sehen. „Damals hatten die Haushalte kein Telefon, die Leute kamen zu Fuß hier an und sagten zu Bunsen: „Sie müssen sofort kommen.“ Nicht selten waren schon ein, zwei Stunden vergangen, bis der Arzt eintraf. „Liegen sie mal nachts zwei Stunden mit einer Nierenkolik“, verdeutlicht Nikolaus Balbach. „Heute hat sie der Rettungswagen in einer Viertelstunde eingepackt.“

Dr. Khalil Malyar führt die 100 Jahre alte Praxis an der Kreuzstraße 10 "in vierter Generation".

Dr. Khalil Malyar führt die 100 Jahre alte Praxis an der Kreuzstraße 10 "in vierter Generation". © Christian Bödding

50 Jahre, bis zu seinem Tode im Jahr 1969, wirkte Dr. Theo Bunsen in seiner Praxis an der Kreuzstraße. Sein Sohn, Dr. med. Dirk Bunsen, heute 96 Jahre alt, übernahm sie und führte sie 29 Jahre weiter. 1988 war es dann an Dr. Nikolaus Balbach, die Praxis „in dritter Generation“ zu führen. Das tat er 30 Jahre lang, bis zum Sommer 2018. Als vierter Arzt und im „Jubiläumsjahr“ wirkt Dr. Khalil Malyar seitdem in der Praxis an der Kreuzstraße.

Eine Behandlung über Generationen hinweg, das ist in dieser Form wohl nur in Landarztpraxen möglich. „Die Biografie eines Patienten läuft oft über 60 Jahre in einer Praxis“, erklärt Nikolaus Balbach. „Das ist oft länger als eine Ehe hält.“ Die Treue der Patienten zu ihren Hausärzten auf dem Lande sei phänomenal, erklärt der 68-Jährige, der den Patienten als angestellter Arzt trotz der Übergabe erhalten geblieben ist.

Bürokratischer Aufwand

Dabei rennen die Ahauser längst nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt. „Die Leute auf dem Land sind robust“, sagt Nikolaus Balbach. Und: „Die Landbevölkerung hatte nie Zeit, zum Arzt zu gehen.“ Hinzu komme, dass heute die Ansprüche gewachsen seien. „Die Ansprüche der Arbeitgeber und der Gesellschaft. Kleine Krankheiten wie eine Grippe darf es gar nicht mehr geben.“

Dafür gibt es für die Ärzte immer mehr bürokratischen Aufwand, haben Nikolaus Balbach und Khalil Malyar festgestellt. Malyar berichtet von Gesprächen mit angehenden Medizinern und deren Befürchtungen. „Sie sagen, dass sie gute Ärzte sind, aber nicht unbedingt gute Betriebswirtschaftler.“

Das Leben als Landarzt

Für den 42-jährigen Khalil Malyar war es immer das Ziel, eine alteingesessene Hausarztpraxis zu übernehmen. Eine Festanstellung in einem Krankenhaus in einer Großstadt? „Diese Frage habe ich mir am Anfang auch gestellt“, sagt der Ahauser. Die Antwort war schnell gefunden: „Es ist doch viel schöner, Landarzt zu sein.“ An den Universitäten werde viel zu wenig über die Tätigkeit eines Landarztes vermittelt, beklagt Khalil Malyar. Die Flexibilität in der Arbeit, der persönliche Kontakt zum Patienten, oft auch zu dessen Kindern oder Enkelkindern, die Betrachtung des Patienten im Gesamten – „all das bietet mir die Tätigkeit als Landarzt“, erklärt Khalil Malyar. „Ich fühle mich als Teil der Familie.“ Mit 42 Jahren ist er als Arzt jung genug, um diese „Familienchronik“ in der 100 Jahre alten Praxis noch lange fortzuschreiben.

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