1000 Teilnehmer setzen bei Anti-Atom-Demo ein Zeichen

mlzAtommüll in Ahaus

Zur Anti-Atom-Demo am Samstag versammelten sich circa 1000 Demonstranten. Nicht nur Ahauser zogen mit gelben und schwarzen Flaggen durch die Stadt. Unser Reporter war vor Ort.

Ahaus

, 10.03.2019, 15:17 Uhr / Lesedauer: 4 min

Lange war es weitgehend ruhig in Ahaus. Die letzten großen Demonstrationen liegen mehr als ein Jahrzehnt zurück. Es schien, als habe die beschlossene Energiewende der Anti-Atom-Bewegung endgültig den Stecker gezogen. Doch wie das kleine gallische Dorf in René Goscinnys Comics gibt es auch in Ahaus Rebellen, die sich nicht unterkriegen lassen. Allen Widrigkeiten zum Trotz gingen die Mitglieder der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ all die Jahre weiter auf die Straße, standen in der Fußgängerzone und wiederholten gebetsmühlenartig ihre Warnungen und Forderungen. Am Samstag waren sie nicht mehr allein.

Der gemeine Ahauser ist in der Regel pünktlich, aber nicht überpünktlich. Das müssen auch die Organisatoren der Demonstration am Samstagmittag feststellen. Um 11.50 Uhr – also zehn Minuten bevor die Demo mit einer Auftaktkundgebung am Ahauser Bahnhof offiziell beginnen soll – werden einige von auswärts angereiste Demonstranten bereits unruhig. Denn viel mehr als 150 Menschen haben sich bis zu diesem Moment noch nicht vor der improvisierten Bühne versammelt. Ein Mittzwanziger aus Münster lässt sich zu einem frühen Urteil hinreißen: „Ein ziemlicher Reinfall das Ganze.“

Landwirte setzen mit 82 Traktoren erstes Ausrufezeichen

Doch er wird eines Besseren belehrt. Denn just als sich Minuten- und Stundenzeiger auf der 12 treffen, füllen sich die Lücken. Erste Schätzung der Polizei: 700 Demonstranten. Darunter Kinder, Senioren, Menschen im Rollstuhl. Mit Kreppband gekennzeichnete Ordner sorgen dafür, dass alles im Rahmen verläuft. Freiwillige verteilen an der „Volxküche“ Kaffee, Kuchen und Schnittchen. Die letzten „Atommüll – Nein, Danke“-Fahnen werden verkauft.

82 Traktoren führten den Demonstrationszug an.

82 Traktoren führten den Demonstrationszug an. © Johannes Schmittmann

Ein beeindruckendes Zeichen setzen die örtlichen Landwirte. Eine nicht enden wollende Kolonne hupender Traktoren zieht an der Menge vorbei und wird von einem gelb-schwarzen Fahnenmeer flankiert. 82 Traktoren – angeführt von Ammelner Landwirten – fahren in den Busbahnhof ein und sorgen für das erste Ausrufezeichen des Tages. Auch Landwirt Josef Wissing aus Vreden hat sich mit seinem Traktor auf den Weg nach Ahaus gemacht. „Wenn die Behälter aus Jülich hier in Ahaus undicht werden, dann ist das eine Katastrophe für die Landwirtschaft. Da ist die Afrikanische Schweinepest ein Witz dagegen“, sagt er mit sorgenvoller Miene.

Felix Ruwe, eines der Gesichter der Ahauser Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“, betritt als erstes unter großem Applaus die Bühne vor dem Restaurant „Copacabana“. Doch technische Schwierigkeiten dämpfen die Anfangseuphorie. Selbst in den ersten Reihen kommen nur Bruchstücke über. Den Elan lassen sich dadurch weder Ruwe nehmen noch seine Nachredner nehmen.

Gedenken an die Katastrophe von Fukushima

Immer präsent: Das Gedenken an die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima, deren Jahrestag sich am Montag zum achten Mal jährt. „150.000 Menschen mussten die verseuchte Gegend verlassen. Krankheiten an Schilddrüsen bei Kindern haben um das 30-fache zugenommen. Das sind die wahren Konsequenzen der Atomkraft“, sagt ein Vertreter vom „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND). Nur durch den Druck durch Verstaltungen wie der in Ahaus könne man etwas bewirken.

1000 Teilnehmer setzen bei Anti-Atom-Demo ein Zeichen

© Schmittmann

Ursula Niermann von der KFD Ahaus reckte gemeinsam mit Elvi Terwege aus Bocholt ein Plakat mit der Aufschrift: „Wir sorgen uns!“ in die Höhe. Die KFD engagiere sich ja schon seit Jahrzehnten in der Anti-Atom-Bewegung, so Ursula Niermann. „Am Anfang haben wir vielleicht nicht so richtig verstanden, was da eigentlich passiert. Aber spätestens seit den Vorfällen in Tschernobyl und Fukushima wissen wir doch, wie gefährlich das ist“, meint die Ahauserin. Für sie ist die Teilnahme an der Demo eine Herzensangelegenheit. „Ich war überrascht, dass so viele Leute gekommen sind. Das ist super“, sagt sie am Rande der Kundgebung.

Umwelt-Aktivist reist für Demonstration aus Russland an

Vladimier Sliviak, Umwelt-Aktivist der Organisation „Ecodefense“, nahm für die Demonstration den weiten Weg von Moskau nach Ahaus auf sich. Er berichtet von Repressionen durch den russischen Staat und wie er gemeinsam mit seiner Organisation einen Transport von Gronau nach Russland verhindert hat. Auch Hartmut Liebermann, das zweite Gesicht der Ahauser Bürgerinitiative spricht zum Publikum. Und nutzt die Bühne, um kräftig auszuteilen. „Svenja Schulze und Anja Karliczek kümmern sich einen Dreck darum, was in Münsterland passiert.“ Die Suche nach einem Konzept für ein Langzeit-Zwischenlager müsse jetzt beginnen und nicht erst zwei, drei Jahre vor Ende der Zwischenlager-Genehmigungen.

Wenigstens jeder zweite hält eine Fahne in der Hand, es wird fleißig applaudiert und die Anzahl der Teilnehmer ist auf mindestens 1000 angewachsen. Aggressionen wurden zu Hause gelassen. Schlachtrufe und Pfiffe, wie man sie von ähnlichen Veranstaltungen kennt, sind nur vereinzelt zu vernehmen. „Es ist ein ernstes Thema, da kann man ja nicht über Tische und Bänke gehen“, erklärt Ruwe. Währenddessen singt im Hintergrund Gerd Schinkel zu Gitarrenklängen „Hambi bleibt“.

Zug zum Rathaus

Dann mobilisiert sich die Masse, der Protestmarsch zum Rathaus startet. Vorweg fahren die Traktoren, es folgt eine circa 200 Meter langer Menschenzug. Vor allem in den ersten Reihen wird es nun lauter – und gleich der Tonfall schärfer. „Nazis auf die Schienen“ und die „ökologische Revolution“ fordern die überwiegend nicht aus Ahaus stammenden Demonstranten, bei denen sich einige vermummt haben. Dazu wird die Antifa-Flagge geschwenkt. Die Polizei bleibt entspannt. Aggressiv wirken die jungen Demonstranten nicht. Dahinter gibt Nikolas Geschwill vom Ahauser Drum-Circle den Takt vor. Zahlreiche Menschen kommen aus den Häusern und zücken ihre Smartphones. Ein Polizist scherzt: „Gefühlt gibt es heute bei jeder Veranstaltung mehr Fotografen als Teilnehmer.“

Die Polizei erlebte einen ruhigen Tag. Die Demonstration blieb jederzeit friedlich.

Die Polizei erlebte einen ruhigen Tag. Die Demonstration blieb jederzeit friedlich. © Johannes Schmittmann

Anders als die Karnevalisten am Rosenmontag war das Glück den Anti-Atom-Demonstranten am Samstag nicht hold. Kurz nachdem der Zug die Ahauser Innenstadt erreicht, bricht der Himmel auf. Hunderte Liter Regen und Hagel überfluten den Rathausplatz. Die Menge sucht Unterschlupf und findet ihn unter dem dem Rathausvordach und bei den anliegenden Geschäften. Nur eine handvoll hartgesottener Demonstranten versammelt sich vor der Bühne, wo der Ahauser Sänger Salip Tarakci „Eye of the Tiger“ spielt. Das Grußwort von Bürgermeisterin Karola Voß ist trotz des anhaltenden Schauers aber in jedem Winkel gut zu vernehmen. „Zwischenlager dürfen keine Endlager werden. Aber der Stadtverwaltung sind in manchen Punkten die Hände gebunden. Gegen neue Transporte nach Ahaus werden wir uns aber gerichtlich wehren“, sagt sie. Die Menge johlt. Schon im Vorfeld hatte Felix Ruwe die Bürgermeisterin als „Glücksfall für Ahaus bezeichnet.“

Ein Großteil der Demonstranten hat sich mittlerweile vom Regen vertreiben lassen und verpasst, wie Dr. Hauke Doerk aus München über die desaströsen Zustände in Garching referiert und vor tonnenweise waffenfähigem Atommüll warnt. Felix Ruwe lässt sich zumindest äußerlich keinen Verdruss anmerken: „Von ein bisschen Regen lassen wir uns nicht abhalten.“ Das hätte auch verwundert.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt