33-Jährige fühlt sich von Paketboten in ihrer Wohnung bedrängt

mlzGerichtsprozess

Ein Paketbote soll eine Ahauserin in ihrer Wohnung sexuell belästigt haben. Unter Tränen sagte die 33-Jährige am Dienstag vor dem Amtsgericht aus. Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld

Ahaus

, 03.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Er muss doch die Wahrheit sagen!“ – Aufgewühlt und unter Tränen rief eine 33-jährige Ahauserin diesen Satz am Dienstag in den Saal II des Ahauser Amtsgerichts. Zuvor hatte sie die Wahrheit aus ihrer Sicht geschildert. Eine Wahrheit, die sie nach eigenen Angaben bis heute erzittern lässt.

Am 12. September 2019 soll der 45-jährige Paketbote nachmittags an der Wohnungstür der 33-Jährigen in einem Mehrfamilienhaus in der Ahauser Innenstadt geklingelt haben. Sie sei allein mit ihrem eineinhalb Jahren alten Sohn zu Hause gewesen, ihr Mann bei der Arbeit.

„Niemand hört dich“

Ein Paket habe der Paketbote aber nicht dabei gehabt, schilderte die 33-Jährige im Zeugenstand. Er habe sich stattdessen in die Wohnung gedrängt, die Haustür geschlossen, sie an beiden Händen festgehalten, gegen die Wand gedrückt und versucht, sie auf den Mund zu küssen. „Ich habe geschrien und versucht, ihn von mir zu stoßen. Aber er hat gesagt: ,Niemand hört dich. Deine Nachbarn sind nicht zu Hause.“

Dann sei der Angreifer aber zitternd zur Besinnung gekommen. „Er ging ohne zu fragen in die Küche und trank ein Glas Wasser. Dann hat er gesagt: ,Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Mein Herz schlägt für dich.‘“ Schließlich habe er sich entschuldigt und die Wohnung verlassen.

Immer wieder Anzüglichkeiten geäußert

Die Attacke, so die 33-Jährige, war nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Annäherungsversuchen. Der Paketbote habe ihr schon zuvor anzügliche Fragen gestellt, wenn er ihr ein Paket gebracht oder sie Pakete für die Nachbarn angenommen habe. Sie habe das auch ihrem Mann erzählt. Der habe ihr gesagt, sie solle sich das Kennzeichen seines Wagens notieren, damit er sich beim Paketdienst beschweren könne.

Der Paketbote bestritt die Vorwürfe vehement. Der 45-jährige Ahauser, der nebenberuflich Pakete ausliefert, sagte: „Ich weiß nicht, was diese Frau von mir will. Ich bin glücklich verheiratet. Ich habe drei erwachsene Kinder. Ich muss keine anderen Frauen küssen.“

Bote: Am besagten Tag nur ein Paket bei den Nachbarn ausgeliefert

Er sei tatsächlich an dem besagten Tag in dem Haus gewesen, sagte er, aber nur um ein Paket in der Nachbarwohnung im Erdgeschoss auszuliefern. Bei dem vermeintlichen Opfer sei er an diesem Tag nicht gewesen. Und er sagte: „Wenn sie wirklich geschrieen hätte, dann hätten die Nachbarn das doch gehört.“

Die 23-jährige Nachbarin sagte vor Gericht aus, der Bote habe an diesem Tag an der Haustür geklingelt, ihr an der Wohnungstür das Paket überreicht und sei dann wieder gefahren, ohne die Treppe hinauf zur Wohnung der 33-Jährigen zu gehen.

Daten passen nicht

Der Richter wunderte sich, dass die 23-Jährige sich so genau an diese konkrete Paketlieferung erinnern konnte. Mehr Zweifel aber bereiteten ihm die Aussagen der 33-Jährigen und ihres Ehemanns, die die vorangegangenen Belästigungen in den Monat August 2019 datierten. In diesem Monat war der 45-Jährige aber nachweislich nicht als Paketfahrer tätig. Zudem verbrachte er belegbar vier Augustwochen in der Türkei.

Nach fast zweistündiger Beweisaufnahme sagte der Richter: „Ich weiß nicht, was an jenem 12. September in der Wohnung wirklich passiert ist. Es kann sein, dass es so war wie die Zeugin geschildert hat. Es kann aber auch anders gewesen sein. Die Zweifel konnten nicht ausgeräumt werden. Und es gilt der Rechtsgrundsatz: Im Zweifel ist zu Gunsten des Angeklagten zu entscheiden.“

Das hatte zuvor auch schon der Vertreter der Staatsanwaltschaft so gesehen und einen Freispruch gefordert, den Richter am Ende auch aussprach.

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