40 Jahre Suchtberatungsstelle Ahaus: Mehr Drogenabhängige suchen Hilfe

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Im Interview erzählt Helena Sieniawski, Leiterin der Suchtberatung in Ahaus, wie sich die Einrichtung von ihren Anfängen unterscheidet und mit welchen Süchten die Menschen kommen.

Ahaus

, 14.02.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Team aus sieben Mitarbeitern kümmert sich in der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes im Dekanat Ahaus-Vreden um suchtkranke Menschen. Und das schon seit 40 Jahren. Doch wie läuft so eine Beratung ab? Gibt es heute mehr Drogenabhänge als früher? Leiterin Helena Sieniawski hat die Antworten.

Frau Sieniawski, was passiert, wenn ich bei Ihnen einen kostenfreien Beratungstermin ausgemacht habe und hierher komme?

Wir sortieren erst einmal: Wie sieht der Konsum aus und in welche Lebensbereiche greift er ein? Wir gucken vor allem, ob die Sucht das eigentliche Problem ist, oder ob es andere Probleme gibt, die die Sucht hervorrufen. Dann schauen wir, welche Hilfsmöglichkeiten es gibt und erarbeiten gemeinsam Ziele. Nach zwei Wochen können wir uns wieder zu einem Gespräch treffen. Manchmal überweisen wir die Menschen auch an andere Stellen.

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Bieten Sie neben diesen Beratungsgesprächen auch andere Hilfe an?

Seit 1993 gibt es bei uns die ambulante Reha. Das ist eine Therapie mit Gruppen- und Einzelterminen, in denen wir versuchen zu klären, wie die Sucht entstanden ist, und wie die Veränderungsprozesse laufen. Dafür haben wir drei Mitarbeiter mit suchttherapeutischer Weiterbildung, einen Arzt, und eine Psychologin, die sich um etwa 60 Klienten pro Jahr kümmern.

Unter anderem gibt es auch das ambulant betreute Wohnen. Wir betreuen die Menschen in ihrem Zuhause, gehen mit zu Arztbesuchen oder Behörden, und helfen im Haushalt. Dieses Angebot ist aber nicht nur für suchtkranke, sondern auch für psychisch kranke Menschen. Aktuell nutzen das bei uns 31 Klienten.

Wie viele Klienten haben sie zurzeit insgesamt und wie sah es vor vierzig Jahren aus?

1983 hatten wir bei drei Vollzeitstellen 246 Klienten, 2019 waren es 283 Klienten bei zwei Vollzeitstellen. Die Zahl der Klienten war die ganze Zeit über recht stabil. Wir können aber mit unseren Ressourcen auch nicht mehr Menschen beraten. Wir legen Wert darauf, dass die Qualität bestehen bleibt.

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Hat sich in den letzten Jahren etwas an dem Suchtverhalten der Klienten geändert?

Wir haben in der letzten Zeit vermehrt Anfragen von Menschen bekommen, die drogenabhängig sind. Die Nachfrage hat sich in den Bereich Cannabis und Glücksspiel verschoben. Von 335 Fällen* waren im vergangenen Jahr 37 cannabisabhängig und 33 glücksspielabhängig. Die häufigste Diagnose ist aber die Alkoholsucht. 188 Fälle waren im letzten Jahr alkoholabhängig. Am zweithäufigsten, also in 45 Fällen, haben wir Angehörige beraten.


Warum ist die Fallzahl für Drogenabhängige niedrig, obwohl sich doch die Nachfrage von den Betroffenen häuft?

Innerhalb der Beratungsgespräche arbeiten wir seltener mit Drogenabhängigen. Vom Kreis Borken ist es so vorgegeben, dass wir bei der Caritas Suchtberatungsstelle hauptsächlich für legale Suchtmittel zuständig sind. Aber wenn sich zum Beispiel die Drogenprobleme mit Alkoholproblemen mischen, beraten wir auch hier.

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Beraten Sie häufiger Frauen oder Männer?

Von unseren 335 Fällen im Jahr 2019 waren 221 Männer und nur etwas mehr als 30 Prozent waren Frauen. Bei den Geschlechtern gibt es vor allem innerhalb der Süchte Unterschiede. Alkoholkranke Frauen trinken oft über einen längeren Zeitraum unauffällig, sodass sie ihren Alltag noch bewältigen können. Männer neigen eher zu riskanten Konsummustern, sodass die Alkoholkrankheit öfter auffällt.

Merken die Menschen, denn auch selbst, dass etwas nicht stimmt und kommen deswegen hierher?

Ganz oft kommen Menschen, weil sie Druck von außen haben, weil die Familie, Freunde, oder der Arbeitgeber sagen, sie sollten sich Hilfe holen. Da ist dann die Herausforderung, die Menschen dazu hinzuführen, dass sie selbst merken, dass sie ein Problem haben und etwas tun sollten. Menschen, die ein Alkoholproblem haben, aber das selbst gar nicht so sehen, sollen zum Beispiel einen Trinkplan erstellen, in dem sie fest halten, was sie wann trinken. Dann merken sie oft selbst, dass sie viel trinken.

Nehmen sie Ihre Hilfe dann auch an?

Wir sagen, was aus fachlicher Sicht angebracht ist, aber die Menschen müssen selbst entscheiden, was sie damit machen. Jeder kann auch entscheiden, wie lange er kommt. Manchen reicht nur ein Gespräch, andere kommen über einen längeren Zeitraum. Wir sind da, um die Wege gemeinsam mit den Klienten zu erarbeiten, aber den Weg müssen die Menschen selbst gehen.

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Belastet Sie die Situation der Menschen, die Ihre Hilfe suchen, selbst?

Was mich sehr beschäftigt ist, wenn Menschen richtig kämpfen abstinent zu sein, aber das nicht schaffen. Deswegen müssen wir neue Konzepte entwickeln, damit eine Abhängigkeit nicht nur eher erkannt wird, sondern die Menschen auch eher zu uns kommen. Am Besten schon, wenn eine Abhängigkeit noch nicht ganz erreicht ist. Dann kann man nämlich mit Reduktion arbeiten, also zum Beispiel den Alkoholkonsum einschränken. Wenn eine Abhängigkeit da ist, arbeiten wir mit Abstinenz. Das ist viel härter für die Betroffenen.

Was glauben Sie, kommt in den nächsten Jahren auf die Suchtberatungsstelle zu?
Dadurch, dass Online Casinos jetzt legalisiert wurden, könnten mehr Menschen in die Glücksspielsucht geraten. Medikamentenabhängigkeit ist auch ein Thema: Die Bevölkerung wird ja immer älter und ältere Menschen bekommen schneller mal etwas verschrieben als jüngere, also zum Beispiel was zum Einschlafen. Dadurch könnte die Medikamentenabhängigkeit steigen.

  • Wenn Sie Hilfe brauchen, können Sie sich kostenfrei unter Tel.: (02561) 42 91 40 oder per E-Mail an suchtberatung@caritas-ahaus-vreden.de bei der Suchtberatungsstelle melden.
  • *Es handelt sich hier um Fälle, nicht Personen. Eine Person, die zu einem Beratungstermin kommt, und nach einem halben Jahr noch einmal Hilfe sucht, wird als zwei Fälle gewertet.
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