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57-Jährige pflegt ihre demente Mutter und sagt: „Man wird für dieses Engagement bestraft“

mlzPflegende Angehörige

Für eine 57-jährige Ahauserin ist es selbstverständlich, dass sie sich um ihre demenzkranke Mutter kümmert. Ein Altenheim kommt nicht in Frage. Doch immer öfter stößt sie an ihre Grenzen.

Ahaus

, 08.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Ich kümmere mich gerne um meine Mutter, aber irgendwann komme auch ich an meine Grenzen.“ Das sagt eine 57-jährige Ahauserin. Ihre Mutter ist demenzkrank, aber körperlich noch fit. Ein Altenheim kommt deswegen für beide nicht in Frage. Die Ahauserin, die namentlich nicht genannt werden möchte, kümmert sich zu Hause um ihre Mutter. Ein Vollzeitjob, der aber nicht so bezahlt und wertgeschätzt wird.

Die 57-Jährige ist eine von Millionen pflegenden Angehörigen in Deutschland. Laut Pflegestatistik 2017 des Statistischen Bundesamts gibt es 3,4 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland. 2,6 Millionen davon (76 Prozent) werden zu Hause gepflegt, 1,7 Millionen (50 Prozent) allein durch Angehörige. Deswegen nennt das Robert Koch Institut die pflegenden Angehörigen auch „Deutschlands größten Pflegedienst“.

Für die Ahauserin hat alles im Jahr 2014 angefangen. „Meine Mutter hatte auf einmal leichte Sprachstörungen. Dann wusste sie nicht mehr, welchen Wochentag wir haben. Sie wollte nicht mehr alleine einkaufen gehen und hat ständig Dinge gesucht“, erzählt die 57-Jährige. Sie geht mit ihr zum Arzt. Die Diagnose: Alzheimer-Demenz. Für die Ahauserin ist sofort klar: Sie wird sich von nun an um ihre Mutter kümmern müssen. Denn ihre Schwester und ihr Vater sind schon vor einigen Jahren gestorben. Sie ist die einzige Angehörige.

Situation ist eine psychische Belastung

Da die 86-Jährige körperlich noch fit ist, erledigt sie viele Dinge selbstständig. Alleine lassen kann ihre Tochter sie dennoch nicht mit gutem Gewissen. Nachts steht die Seniorin manchmal auf und läuft verwirrt durchs Haus. Dabei ist einmal die Haustür zu Bruch gegangen, weil die 86-Jährige gegen die Glasscheibe gefallen ist. Ein anderes Mal hat sie sich selbst in ihrem Zimmer eingeschlossen und kam nicht mehr raus. „Einmal wollte sie ins Auto einsteigen. Sie hat die Tür geöffnet und sich dann einfach hingesetzt. Auf den Boden vor dem Auto statt auf den Sitz“, erzählt die Ahauserin.

Solche Situationen belasten sie. Denn sie kennt ihre Mutter ganz anders. „Sie war immer eine toughe Frau. Sie hatte alles im Griff und hat immer gesagt: Ich kann das, ich mach das.“ Früher war sie selbstständig, hat später ihren Schwiegervater und ihren Mann gepflegt. Sie hat sich um alles gekümmert. „Jetzt hat sich das Verhältnis umgekehrt. Ich sage meiner Mutter, was sie tun soll. Aber sie hat es fünf Minuten später schon wieder vergessen“, sagt die Ahauserin.

Um die Gesundheit pflegender Angehöriger steht es schlecht

Besonders hart ist es für sie, wenn ihre Mutter Dinge über sie vergisst. „Wenn sie den Geburtstag meines Vaters und meiner Schwester, die beide tot sind, wie aus der Pistole geschossen nennen kann, meinen aber nicht mehr weiß, obwohl ich es bin, die sie jeden Tag sieht, dann ist das verdammt hart.“ In solchen Moment merkt sie, dass sie die Situation psychisch extrem belastet.

Der Barmer Gesundheitsreport 2018 zeigt, dass es um die Gesundheit pflegender Angehöriger schlecht steht. Vor allem psychische Probleme treten häufig auf. Fast 50 Prozent der Befragten leiden unter psychischen Störungen. Besonders häufig ist dies der Fall, wenn Angehörige mit einer Demenzerkrankung betreut werden. Nur 15 Prozent geben außerdem an, ausreichend Zeit für Entspannung oder sportliche Betätigung zu haben, rund 40 Prozent haben nur manchmal oder nie Zeit für Kontakte mit Familien, Freunden oder Nachbarn. 33 Prozent wünschen sich mehr emotionale Unterstützung.

Auch die Ahauserin findet: „Es wird immer nur auf die pflegebedürftige Person geschaut. Wenn wir Bekannte treffen, wird auch immer nur meine Mutter gefragt, wie es ihr geht. Keiner schaut darauf, wie es mir geht.“

Tagespflege schafft eine kurzzeitige Entlastung

Um wenigstens ab und zu Zeit für sich zu haben, wird ihre Mutter zweimal pro Woche in einer Tagespflege-Einrichtung betreut. Doch auch das war am Anfang schwierig. Wegen der Demenz-Erkrankungen fühlt sich die 86-Jährige bei fremden Menschen nicht wohl. „Sie hat mich am Anfang immer gefragt: ‚Ach, werde ich wieder abgeschoben?‘ Das versetzt einem wirklich einen Stich ins Herz“, erinnert sich die 57-Jährige.

Inzwischen hat sich die Mutter an die Personen in der Tagespflege gewöhnt und würde sogar gerne öfter hingehen. Doch das kann die Tochter nicht bezahlen. Die finanzielle Situation ist ihr größtes Problem.

Die Mutter wurde in Pflegestufe zwei eingestuft und bekommt nach Angaben der 57-Jährigen zusätzlich zu ihrer kleinen Rente 316 Euro Pflegegeld im Monat. Davon soll sie die Personen bezahlen, die sie unterstützen. Die Ahauserin bekommt also Spritgeld, wenn sie ihre Mutter zum Arzt fährt oder einkaufen geht. Sie kann davon auch neue Kleidung und Medikamente bezahlen.

Das Geld reicht nicht für mehr Betreuung

Zusätzlich haben die beiden 689 Euro im Monat für die Tagespflege zur Verfügung. Ein Tag in der Tagespflege kostet rund 55 Euro. Die Ahauserin könnte ihre Mutter also zwölf Tage im Monat betreuen lassen. Doch die Rechnung geht nicht auf. „Ich muss zusätzlich pro Tag 18 Euro bezahlen für Essen und Unterbringung“, erklärt die Ahauserin. Für diese Leistungen bekommt sie 125 Euro im Monat. Das reicht also für genau sieben Tage. „Wenn ich meine Mutter öfter in die Tagespflege geben möchte, muss das von den 316 Euro Pflegegeld bezahlt werden. Dann bleibt ja kaum noch was übrig“, beschwert sich die Ahauserin.

Einmal hat sie ihre Mutter auch für zwei Wochen in die Kurzzeitpflege gegeben, um sich eine Auszeit zu nehmen. Die Pflegekosten wurden bezahlt, für die Unterbringung und die Verpflegung aber kam nachher eine Rechnung über 1200 Euro. „Ich finde es völlig unverständlich, dass ich das bezahlen soll. Den Staat würde es doch viel mehr kosten, wenn ich meine Mutter in ein Altenheim geben würde. Ich finde, der Staat müsste uns pflegende Angehörige viel mehr unterstützen“, fordert die 57-Jährige.

„Pflegende Angehörige können nicht Vollzeit arbeiten“

Sie kann ihre Mutter also aus finanziellen Gründen nicht öfter betreuen lassen. Das bedeutet aber auch, dass sie noch weniger arbeiten kann. Einen Ausgleich dafür bekommt sie eigenen Angaben zufolge nicht. Lediglich den Beitrag für die Rentenkasse übernimmt die Pflegeversicherung.

Die Ahauserin ist freiberuflich tätig. Sie würde gerne mehr und als Angestellte arbeiten, aber das ginge nicht, sagt sie. „Als pflegender Angehöriger kann man nicht Vollzeit arbeiten.“ Manchmal hat sie ihre Mutter schon mitgenommen zu Aufträgen, aber das sei eigentlich keine Lösung. Also musste sie schon Aufträge absagen. Die Sorgen um ihre eigene Zukunft wachsen deswegen. „Was ist denn, wenn ich mich noch ein paar Jahre um meine Mutter kümmere? Dann bin ich über 60, dann stellt mich doch keiner mehr ein.“

Trotz aller Probleme sagt die 57-Jährige aber auch: „Ich möchte meiner Mutter etwas zurückgeben und ich hoffe, dass sie noch ganz lange lebt. Ich kümmere mich gerne um sie. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass man für dieses Engagement überall bestraft wird.“

Beratungsangebote für pflegende Angehörige

  • Die 57-jährige Ahauserin geht regelmäßig zu Gesprächskreisen für pflegende Angehörige. „Es hilft einfach, sich über die Erfahrungen auszutauschen“, meint sie. Solche Angebote gibt es zum Beispiel in Wüllen, Schöppingen oder Borken.
  • In Wüllen findet der Gesprächskreis immer am dritten Mittwoch im Monat um 15.30 Uhr im Treffpunkt St. Andreas, Lange Straße 35a, statt. In Ottenstein beginnt der Treff an jedem ersten Mittwoch des Monats um 15 Uhr im Haus Hoppe. Die Leitung hat Resi Kerkhoff vom Sozialen Dienst des St.-Marien-Krankenhauses. Informationen bei Christiane Link unter Tel. (02561) 86119.
  • In Borken organisiert das Kontaktbüro Pflegeselbsthilfe einen Gesprächskreis. Informationen erteilt Martina Nötzold unter Tel. (02861) 6053101 oder 0174 7380961.
  • Auch die Caritas hat verschiedene Angebote für pflegende Angehörige und kann auf Angebote anderer Organisationen aufmerksam machen. Kontakt: Coesfelder Straße 6 in Ahaus, Tel. (02561) 420980
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