Impfdosen in Hausarztpraxen sind weiterhin begrenzt. Der Druck vieler Menschen, einen Impftermin bekommen zu wollen, steigt allerdings. © Anne Winter-Weckenbrock (Archivbild)
Coronavirus

Ärzte bitten um Solidarität: „Es kann nicht jeder Biontech erhalten!“

Ältere Menschen drängen vermehrt darauf, mit Biontech geimpft zu werden, obwohl für sie Astrazeneca vorgesehen ist. Dieses Verhalten sei zutiefst unsolidarisch, sagen die Ahauser Hausärzte.

Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus, Leiter der „Praxis im Kreishaus“, klingt am Telefon erschöpft – und verzweifelt. Gerade hat er sich mit seinen Ahauser Hausarztkollegen per Videokonferenz ausgetauscht.

Die einhellige Meinung aller Beteiligen: So geht es nicht weiter, es muss etwas getan werden. Noch vor wenigen Wochen war die Euphorie in den Praxen groß, dass auch hier endlich geimpft werden darf. Was ist seitdem passiert?

Die Antwort auf diese Frage enthält mehrere Komponenten. Zum einen ist da immer noch die geringe Menge Impfstoff, die jeder teilnehmende Arzt von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zur Verfügung gestellt bekommt. In der vergangenen Woche waren es für die Praxis im Kreishaus 18 Dosen des Herstellers Biontech/Pfizer und 30 Dosen des Herstellers Astrazeneca.

Angekündigt war etwas anderes. Am vergangenen Freitag kam die Meldung, dass weniger Biontech, dafür mehr Astrazeneca geliefert wird. „Mittlerweile beginne ich mit der Zuteilung erst, wenn die Ampullen im Kühlschrank stehen“, sagt Akin Yilmaz-Neuhaus.

Menge bald nicht mehr das Problem

Doch er weiß, dass die Impfstoff-Menge bald nicht mehr das große Problem sein wird. Schon für die nächste Woche sind zum Beispiel seiner Praxis über 100 Impfdosen in Aussicht gestellt worden. Bei den anderen Ahauser Hausärzten sieht das ähnlich aus. Grundsätzlich gute Nachrichten. Für Unverständnis sorgt etwas anderes: die Ablehnung des Astrazeneca-Vakzins.

Dreieinhalb Stunden brauchte die zuständige Mitarbeiterin der Praxis im Kreishaus, um Patienten zu finden, die sich den Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers spritzen lassen wollen. Zum Vergleich: Diese Anzahl an Impfungen zu verabreichen, dauert anderthalb Stunden. Doch nicht nur der Mehraufwand ist den Ahauser Hausärzten ein Dorn im Auge. Sie sorgen sich um die Impfkampagne in ganz Deutschland.

STIKO-Vorgabe sorgt für Schwierigkeiten

Kern des Problems ist die Vorgabe der Ständigen Impfkommission (STIKO), dass Astrazeneca wegen sehr seltener Nebenwirkungen (sogenannter Sinusvenenthrombosen) lediglich an über 60-Jährige verimpft werden darf.

Biontech hingegen an alle Altersgruppen, von Kindern einmal abgesehen. In der Theorie könnte schon sehr bald ausreichend Impfstoff für jeden erwachsenen Deutschen zur Verfügung stehen. Es gibt aber etwas, das diese Rechnung durchkreuzt: der (irrationale) Egoismus der Menschen.

Nicht nur Akin Yilmaz-Neuhaus berichtet von regelrechten Aufständen, die in seiner Praxis aufgeführt wurden. „Teilweise wurden Mitarbeiterinnen beschimpft“, erklärt er. Denn die über 60-Jährigen bestehen in vielen Fällen darauf, mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech oder Moderna) geimpft zu werden. „Manche verweisen auf Thrombosen bei ihren Eltern oder Krampfadern. Da muss man einfach klipp und klar sagen: Aus medizinischer Sicht sind das keine Gründe, die gegen Astrazenenca sprechen“, sagt Yilmaz-Neuhaus. Erschwerend kommt hinzu, dass am Impfzentrum Velen über 70-Jährige Biontech erhalten – entgegen der Empfehlung der STIKO. „Das untergräbt unsere Autorität.“

Solidarität „funktioniert nur in beide Richtungen“

Die Ahauser Hausärzte treten nun geschlossen mit einer klaren Bitte an die Bevölkerung: „Seien Sie solidarisch, nur so kommen wir aus dieser Krise.“ Denn jede Biontech-Impfung, die an einen über 60-Jährigen verimpft wird, fehlt zwangsläufig an anderer Stelle: bei den Jüngeren.

„Also genau bei denjenigen, die sich in der Krise zum Schutz der gefährdeten Gruppen – das sind nun einmal vor allem die alten Menschen – extrem eingeschränkt haben. Solidarität funktioniert aber nur in beide Richtungen“, sagt Yilmaz-Neuhaus, der auch auf die mittlerweile zahlreichen schweren Verläufe bei jüngeren Menschen verweist.

Das Paradoxe: Mit diesem „solidarischen Akt“, also einer Astrazeneca-Impfung, würden sich die über 60-Jährigen vor allem selbst etwas Gutes tun. Allein die Erstimpfung schützt laut Studien zu 70 bis 80 Prozent vor einem schweren Verlauf, die Zweitimpfung zu 99 Prozent.

Der Ahauser Hausarzt erklärt dazu: „Der Nutzen der Impfung mit Astrazeneca übersteigt bei Weitem das Risiko. Wir reden von rund 60 Sinusvenenthrombosen auf drei Millionen Impfungen. Bei den wenigen Fällen, wo diese Nebenwirkung tödlich endete, handelte es sich fast immer um Risikopatientinnen: geraucht, übergewichtig, die Pille genommen.“

18 Todesfälle alleine in einer Praxis

Auf der anderen Seite stehen 18 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus, alleine bei der Praxis im Kreishaus. Akin Yilmaz-Neuhaus macht eines ganz klar: „Es ist nicht möglich, jeden Deutschen mit Biontech zu impfen. Wenn wir darauf warten, werden wir nicht aus dieser Pandemie kommen.“

Gemeinsam mit den anderen Hausärzten hat man nun einen klaren Entschluss gefasst. Wer als über 60-Jähriger eine Impfung mit Astrazeneca ohne triftigen medizinischen Grund ablehnt, rutscht auf der Liste aller Praxen nach ganz unten.

Ein harter Schritt, aber aus Sicht der Ärzte ein unausweichlicher. „Wir sind massiv am Limit, wir können uns nicht auch noch mit Luxusproblemen herumschlagen“, sagt Yilmaz-Neuhaus. Einer seiner Kollegen hat bereits die Reißleine gezogen und sich aus der Impfkampagne zurückgezogen.

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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