In der Ahauser Innenstadt bewegt die Menschen vor allem die Mobilität. Das Radfahren ist ein großes Thema in unserem Ortsteil-Check, ebenso die Verkehrsbelastung, die zu Problemen führt.

Ahaus

, 06.04.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Radfahren in Ahaus macht Spaß. So sehen es zumindest die Teilnehmer unserer Umfrage. 9 von 10 Punkten gibt es für den Bereich Radfahren. Doch lohnt ein Blick in die Anmerkungen, die die Umfrageteilnehmer gemacht haben. Denn innerstädtisch macht den meisten das Radfahren kaum Spaß. Zu viel Verkehr, zu wenig Platz für Radler. Winfried Terwolbeck kennt die Situation bestens. Als jahrzehntelanger passionierter Radfahrer bringt er es auf den Punkt: „Tatsache ist, dass die Anzahl der Radfahrer erheblich zugenommen hat.“ Das gelte vor allem für Verkehrsteilnehmer mit E-Bikes.

Zunehmende Mobilität bringt Probleme

Die Radfahrer sind mobiler und schneller geworden, damit ergeben sich aber zunehmend Probleme. „Die Stadt müsste gegebenenfalls bereit sein, die bestehenden Verkehrsflächen zwischen Auto- und Radfahrern neu aufzuteilen“, sagt der 64-Jährige.

Dabei lässt sich schon jetzt in der Kernstadt vieles schnell mit dem Fahrrad erreichen – wenn man die Gefahrenpunkte kennt und achtsam unterwegs ist. Die Nahversorgung bekommt von den insgesamt 341 Umfrageteilnehmern gute Werte (9 Punkte). Es gibt kaum eine Supermarktkette, die in Ahaus nicht vertreten ist, und auch der Weg zur nächsten Bäckerei ist kurz. Der Bereich Gesundheit wird mit 9 Punkten ebenfalls top benotet. Das St.-Marien-Krankenhaus spielt dabei sicher eine Rolle, die Anzahl an Fachärzten im Stadtgebiet ebenso. Die Ahauser – in der Kernstadt leben gut 18.500 Menschen – sind in diesen Bereichen mit den vorhandenen Angeboten sehr zufrieden.

Günstiger Wohnraum wird gefordert

Nicht so gut bewertet wird die Sicherheit mit 6 von 10 Punkten. Die Verkehrsbelastung erhält ebenfalls nur 6 Punkte. Schlusslicht der Bewertungsskala bildet in der Kernstadt das Wohnen, für das unsere Umfrageteilnehmer insgesamt nur 5 von 10 möglichen Punkten vergeben. „Mehr günstiger Wohnraum für Singles und Hartz-IV-Bezieher müsste her“, schreibt eine Teilnehmerin (zwischen 50 und 70 Jahre alt). So sieht es auch ein männlicher Umfrageteilnehmer (zwischen 35 und 50 Jahre alt): „Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum müsste deutlich verbessert werden, damit junge Familien auch Wohnungen finden können!“

Das wurde gut bewertet:

Radfahren: Das Westmünsterland ist eine Radfahrregion. Ahaus Marketing und Touristik widmet dem Radfahren auf einer Homepage einen eigenen Bereich mit vielen Angeboten. Geworben wird für „gepflegte, gut ausgeschilderte Wege, die ohne große Steigungen durch eine waldreiche, parkähnliche Naturlandschaft führen.“ Rundrouten von 10 bis 40 Kilometern Länge bilden mit den Themenrouten zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten für kurze und lange Tages- sowie Mehrtagestouren. „Im Umfeld gibt es für Ahaus ein gut ausgebautes Wegenetz, das informativ ausgeschildert ist und zu interessanten Zielen in der Umgebung führt“, bestätigt Winfried Terwolbeck.

So weit, so gut. Richten wir den Blick in die Kernstadt: „Die Ampeln in Ahaus sind fahrrad- und fußgängerfeindlich eingestellt“, ist hingegen die Meinung eines Umfrageteilnehmers (zwischen 50 und 70 Jahre alt). Als Beispiel nennt er die Ampel an der Bahnhofstraße in Höhe Sparkasse/Haverkamp.

„Die Bahnhofstraße hat sich zu einem verstärkten Gefahrenpunkt entwickelt.“
Winfried Terwolbeck

„Insgesamt sollte dem Radfahrer eine viel höhere Bedeutung zukommen, um mehr Ahauser aufs Rad zu bringen und so den hausgemachten Pkw-Verkehr zu reduzieren“, schreibt ein anderer Umfrageteilnehmer (zwischen 35 und 50 Jahre alt).

„Die Bahnhofstraße hat sich zu einem verstärkten Gefahrenpunkt entwickelt“, sagt Winfried Terwolbeck. „Das liegt an der erhöhten Verkehrsdichte durch Autos, Lastwagen, Radfahrer und Fußgänger.“

Die Radfahrer bewegen sich auf dem Radweg zwischen den Parkflächen an der Straße und dem Fußgängerweg. Viele Fußgänger nutzen den Radweg mit, viele Verkehrsteilnehmer nutzen die Wege auf der falschen Seite. Fußgänger mit Rollatoren benötigen mehr Platz und Rücksichtnahme. An den parkenden Autos werden oft die Türen zum Radweg geöffnet, erläutert Winfried Terwolbeck. „Die Situation an einer der Haupteingangsachsen zur Innenstadt ist gefährlich und erfordert Entschärfungen.“ Das heißt seiner Meinung nach: eine Vergrößerung der Flächen für Radfahrer – und deutliche Markierungen.

Gefahrenpunkt Königstraße

Eine weitere Achse in der Innenstadt sei für Radfahrer ebenfalls bedenklich: die Königstraße. Besonders problematisch sei es an der Marienstraße in Richtung Wüllen, wenn die Königstraße in den Kreisverkehr einmünde. „Der Radweg endet ohne weitere Verkehrsführung vor dem Kreisverkehr.“

Gefahrenpunkte gibt es. Doch wie sieht die Lösung des Problems aus? „Die Verkehrsfläche können sie nicht vergrößern“, weiß auch Winfried Terwolbeck. „Sie können nur eins machen: sie neu aufteilen.“

Mit Blick auf den Klimawandel und die „grüne Stadt“ Ahaus müssten Radwege ausgebaut werden. „Um in die City zu kommen, ist es in Ahaus mit dem Auto einfacher als mit dem Rad. Es müsste umgekehrt sein.“

Die Bahnhofstraße könnte entlastet werden, wenn durch eine Ausschilderung auf die alternativen Wegeführungen entlang der Aa (Campus) und durch den Stadtpark bis zum Schloss verwiesen würde, nennt Winfried Terwolbeck ein Beispiel. „Gleichzeitig müsste auf Höhe der Villa van Delden ein Zebrastreifen geschaffen werden.“

„Um in die Fußgängerzone zu kommen, ist es in Ahaus mit dem Auto einfacher als mit dem Rad. Es müsste umgekehrt sein.“
Winfried Terwolbeck

Konkret könne man am Beispiel der Königstraße ein Exempel statuieren: „Indem man die seitlichen Parkstreifen, insbesondere stadteinwärts, auflöst und zu einem Radfahrweg umfunktioniert.“ Starker Tobak für Autofahrer, das weiß auch der 64-Jährige. Und bekräftigt: „Je ungünstiger die Situation für Autofahrer in Ahaus wird, desto eher sind sie bereit, auf ihr Auto zu verzichten.“

Die Radfahrsituation insgesamt habe sich in den letzten Jahren verändert, hat Winfried Terwolbeck beobachtet. „Früher sind sie mit dem Rad zwischen 10 und 15 km/h gefahren, heute schaffen sie mit dem E-Bike locker 25 km/h.“ An den Radwegen habe sich nichts geändert, aber es werde mit deutlichen höheren Geschwindigkeiten auf ihnen gefahren.

Anregungen zu Papier gebracht

Winfried Terwolbeck hat seine „Anregungen für mehr Sicherheit und Komfort für Radfahrer in Ahaus um Umgebung“ vor einigen Wochen zu Papier gebracht und Bürgermeisterin Karola Voß übergeben. Eventuell, so Terwolbecks Idee, könnte über eine Finanzierung aus Leader-Mitteln (EU-Förderung) die Verkehrssituation in Ahaus aus der Perspektive der Radfahrer analysiert werden. „Dann hätte die Verwaltung eine wissenschaftlich fundierte Planungsgrundlage.“

Stadtplaner Walter Fleige kennt das Papier von Terwolbeck und Reckendorf. „Es wird immer stärker eingefordert, mehr Fläche den Radfahrern zuzuschlagen“, berichtet er von seinen Erfahrungen. E-Mobilität eröffne zudem ganz neue Distanzen. „Was früher kaum möglich erschien, von Alstätte nach Ahaus mit dem Rad, das ist heute kein Thema mehr.“ Dem Fahrrad müsse dauerhaft mehr Raum gegeben werden, sagt der Stadtplaner, zum Beispiel in der Wallstraße. „Wir sind eine Radfahrregion, wir müssen da ran.“

Das wurde noch gut bewertet:

Gesundheit: Mit der ärztlichen Versorgung sind die in der Kernstadt lebenden Ahauser gut zufrieden. 9 von 10 Punkten gibt es in dieser Kategorie von den insgesamt 341 Teilnehmern der Umfrage. Damit liegt die Ahauser Bewertung deutlich höher als die Bewertung in anderen Ortsteilen wie zum Beispiel in Ottenstein. Dort gibt es 7 Punkte für den Bereich Gesundheit – der Grund dürfte sein, dass nur eine Hausärztin in dem 4000 Einwohner zählenden Ortsteil praktiziert. In der Kernstadt mit ihren gut 18.500 Einwohnern gibt es eine Vielzahl an medizinischen Einrichtungen. Dazu zählen das St.-Marien-Krankenhaus, das Augen-Zentrum-Nordwest, die Augenklinik, die erst vor Kurzem eröffnete Radiologie und etliche Fachärzte.

Ahaus: Wo das Radfahren mitunter nervt, aber die ärztliche Versorgung gut ist

Eine gute Bewertung gibt es in Ahaus für die ärztliche Versorgung. Das Bild zeigt eine Luftaufnahme des St.-Marien-Krankenhauses an der Wüllener Straße. © Bernd Schlusemann


Das wurde negativ bewertet
Verkehrsbelastung:
Dass der Verkehr zugenommen hat, das erfahren die Ahauser in der Kernstadt fast jeden Tag im Berufsverkehr. Das Warten an Kreuzungen und auf Ampelschaltungen kostet jede Menge Nerven. 6 von 10 möglichen Punkten gibt es für den Bereich Mobilität in der Innenstadt. So lautet denn auch der dringliche Wunsch eines Umfrageteilnehmers (zwischen 35 und 50 Jahre alt): „Eine Umgehungsstraße bauen, damit die Wüllener Straße entlastet wird!“

Dabei sei in Sachen Verkehrsbelastung schon einiges besser geworden, sagt Stadtplaner Walter Fleige. „Die Nordumgehung hat der früheren Ortsdurchfahrt eine Entlastung beschert. Das macht sich deutlich bemerkbar.“ Wobei natürlich auch dem Stadtplaner nicht verborgen geblieben ist, dass die Motorisierung insgesamt zugenommen hat.

Ahaus: Wo das Radfahren mitunter nervt, aber die ärztliche Versorgung gut ist

Daten und Fakten zum Ortsteil-Check in der Ahauser Kernstadt. © Hasken

Den Wunsch des Umfrageteilnehmers kann Walter Fleige nachvollziehen. „Die Wüllener Straße vom Adenauerring bis zum Ortseingang Wüllen ist der mit Abstand am stärksten belastete Abschnitt auf dem Gebiet der Stadt Ahaus. Das war er immer und das ist er nach wie vor.“ Doch aktuell sieht die Stadt keine Chancen für eine Entlastung, zum Beispiel durch den Bau einer Südumgehung, ausgehend vom Kreisverkehr bei Tobit. „Das Land sieht eine Südumgehung nicht als vordringlich an.“ Für einen Kreisverkehr an der Kreuzung Wüllener Straße/Adenauerring sieht der Stadtplaner ebenfalls keine Möglichkeit. „Ob der Platz dort für einen Kreisverkehr ausreicht, wage ich zu bezweifeln.“ Fazit: Die Verkehrsteilnehmer müssen mit dem Verkehrszustand auf der Wüllener Straße dauerhaft klarkommen.

Ahaus: Wo das Radfahren mitunter nervt, aber die ärztliche Versorgung gut ist

Die Wüllener Straße zwischen dem Bereich Adenauerring und dem Ortseingang Wüllen ist der am stärksten belastete Verkehrsabschnitt in der Stadt Ahaus. © Markus Gehring

Auf der Wallstraße sollen die Verkehrsbelastungen in absehbarer Zeit behoben werden. „Das ist ja ein Punkt aus dem Entwicklungskonzept Innenstadt“, sagt Walter Fleige. Was sich an Autos über die Wallstraße bewege, das sei zu 60 Prozent Durchgangsverkehr. „Die fahren vorne rein und direkt hinten wieder raus.“ Das hätten Verkehrszählungen ergeben. Damit soll Schluss sein, wenn die Innenstadttangente (Stadtwall) fertig ist. Sie soll die Wallstraße entlasten und den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt herausholen. 2017 wurde der Abschnitt zwischen der Schlossstraße und Beckers Brink fertiggestellt. 2019/20 folgt der Ausbau des Teils zwischen Beckers Brink und der Straße Zum Rotering.

Ahaus: Wo das Radfahren mitunter nervt, aber die ärztliche Versorgung gut ist

Eine historische Aufnahme der Markstraße in Ahaus. © Stadtarchiv Ahaus


Chronologische übersicht

Burgbau und Gemeindezuwachs

  • Um 1120: Bau der Burg Ahaus durch Bernhard von Diepenheim.
  • 1406: Die Herrschaft Ahaus fällt an die Fürstbischöfe von Münster.
  • 1569: Während des Niederländischen Freiheitskrieges gegen Spanien wird die Burg überfallen und die Stadt geplündert.
  • 1653: Gründung der ersten deutschen Fayence-Manufaktur in Ahaus auf Veranlassung des Fürstbischofs.
  • 1690: Der Neubau des barocken Wasserschlosses nach den Plänen des Ambrosius von Oelde wird fertiggestellt.
  • 1863: Ahaus wird durch einen großen Stadtbrand nahezu vollständig zerstört.
  • 1969: Das Dorf Wüllen und Ammeln werden zur Stadt Ahaus eingemeindet.
  • 1975: Die Dörfer Alstätte, Graes, Ottenstein und Wessum werden aufgrund der kommunalen Neugliederung zur Stadt Ahaus eingemeindet. Ahaus verliert den Kreissitz an die Stadt Borken.
  • (Quelle: Stadt Ahaus)
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