Ahauser Flüchtlinge berichten von positiven und negativen Erfahrungen aus der Arbeitswelt

mlzFlüchtlinge in Ahaus

Der Weg in die deutsche Arbeitswelt ist für Flüchtlinge steinig. In einer lockeren Runde in Ottenstein berichteten neun Flüchtlinge von ihren Erfahrungen. Die positiven überwogen.

Ahaus

, 28.03.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jung, männlich, arbeitswillig: Mit diesen drei Adjektiven lassen sich die insgesamt neun Ahauser Flüchtlinge beschreiben, die sich am Dienstagabend im Haus Hoppe in Ottenstein versammelten. Gemeinsam mit vier Integrationslotsen sprachen sie stellvertretend für die insgesamt 619 Ahauser Flüchtlinge über ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt. Überwiegend positiv, aber auch mit kritischen Tönen.

„Der Anfang war nicht leicht, weil viele von uns schon in der Heimat eine Arbeitsstelle hatten. Hier musste man sich aber an die neuen Umstände anpassen“, sagt Ali Yousufi (25) aus Afghanistan. Lange hatte er den großen Traum, Jura zu studieren. Weil aber Papiere und Pass fehlten, musste er seine Hoffnungen schnell begraben. Mittlerweile hat er eine Ausbildung als Tischler begonnen.

„Handwerker werden gesucht“

„Handwerker werden händeringend gesucht, deshalb ist dieser Weg häufig der einfachste“, erklärt Karl-Heinz Göring, Integrationslotse aus Alstätte. Durch seine langjährige, ehrenamtliche Arbeit kennt er mittlerweile zahlreiche Unternehmen und fungiert häufig als Vermittler. „Wir kennen die Stärken und Schwächen der Flüchtlinge. Der erste Schritt ist in der Regel ein mehrwöchiges Praktikum“, sagt Göring. „Es macht Spaß, aber die Situation ist schwierig“, sagt Yousufi. Denn genau wie sein Kollege Jawed Poya (31) ist er aufgrund seiner Herkunft nur geduldet. Afghanistan gilt offiziell als „sicheres Herkunftsland“.

Anders als Eritrea, dem Herkunftsland von Filimon Samuel und Tesfom Solomun. Die beiden haben mittlerweile eine dauerhafte Aufenthaltungsgenehmigung und haben jeweils eine Ausbildung begonnen.

Studium an der RWTH und beim Klinikum Westmünsterland

Marwan Alshami musste ebenfalls lernen, dass der Weg in die deutsche Arbeitswelt häufig steinig ist. Der zweifache Familienvater handelte sich einige Absagen ein, bevor er im Frühjahr 2018 die Zusage für ein duales Informatik-Studium am Klinikum Westmünsterland erhielt. Eine 180-Grad-Wendung, denn in Syrien unterrichtete er als Französisch-Lehrer. „Aber meine Qualifikation war in Deutschland nichts wert.“

Im August 2018 trat er die Stelle in Ahaus an und hatte zunächst mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen. „Ich musste nicht nur mein Deutsch verbessern, sondern auch die Informatikersprache lernen“, sagt Alshami. Mit der Zeit sei es aber leichter und leichter geworden. „Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt der Syrer.

In der Runde ist er nicht der einzige Akademiker. Auch sein Landsmann Alla Lebbah besuchte schon in Syrien eine Universität. Anders als bei Marwan Alshami wurde sein Architektur-Bachelor aber in Deutschland anerkannt. Sein erstes Semester an der renommierten RWTH Aachen hat er bereits erfolgreich abgeschlossen. „Es war aber sehr harte Arbeit. Fast jede Nacht saß ich bis Mitternacht in der Universitätsbibliothek. Das System ist hier komplett anders“, sagt der 28-Jährige, der vor allem mit dem Fachvokabular zu kämpfen hatte. Mit umso mehr Stolz blickt er auf das Ergebnis des Semesters. Die 30 nötigen Leistungspunkte übertraf er sogar deutlich.

Frust über deutsche Bürokratie

Am gesamten Abend überwiegen die positiven Berichte, doch manchmal mischt sich auch Groll darunter. Dara Maai ist syrischer Kurde und lebt seit 2015 in Deutschland. In seiner Heimat arbeitete er 18 Jahre als Lkw-Fahrer. In Deutschland muss er sich jedoch bisher mit Lagerarbeit begnügen, denn als Fernfahrer darf er nur nach bestandener IHK-Prüfung arbeiten. „Das ist Wahnsinn. Ich habe das große Glück, dass mein Chef die Kosten übernimmt“, sagt Dara Maai. Zweimal ist er bereits durch die Prüfung gefallen, ein dritter Versuch steht in Kürze an.

Doch es ist nicht nur die Bürokratie, die sich als schwierig erweist, sondern auch der Arbeitsmarkt. Ibrahim Oskokourds ist Agraringenieur und sein Abschluss wurde in Deutschland anerkannt. Vor seinem Masterstudium möchte er zwei oder drei Jahre Berufserfahrung sammeln. Doch bisher verlaufen seine Bewerbungen im Sande. „Man steht in Konkurrenz zu deutschen Bewerbern, was immer schwierig ist“, sagt er.

Seine Integrationslotsin Waltraud Winter hilft ihm, wo sie nur kann. Zeigt sich manchmal aber ebenfalls frustriert: „Es ist eine Unart, dass die Unternehmen es häufig nicht mehr für nötig befinden, überhaupt eine Antwort zu geben.“ Einfach nur die Füße hochzulegen, kommt für Ibrahim Oskokourds aber nicht infrage. Er gibt an der VHS Arabischkurse für Deutsche. „Auch das ist Integration“, sagt er.

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