Student Max Grimberg aus Ahaus hat ein Kaffee-Start-up gegründet. Das hat ihm unter anderem Ärger mit kolumbianischen Guerillakämpfern eingebracht. © Johannes Schmittmann
Gefährliches Projekt

Ahauser gründet Kaffee-Start-up und wird von Guerillakämpfern bedroht

Max Grimberg (25) ist eigentlich Student. Nebenbei hat er ein Start-up gegründet. In Kolumbien produzieren sie Kaffee zu fairen Bedingungen. Das gefällt dort allerdings nicht jedem.

Auf den ersten Blick führt Max Grimberg ein weitgehend unauffälliges Leben. Der 25-Jährige wuchs in Wessum auf, bei der Freiwilligen Feuerwehr ist er als Unterbrandmeister immer noch aktiv. An der Saxion Enschede, im Heimatland seines Vaters, studiert er seit ein paar Jahren „International Business and Management Studies“.

Mittlerweile ist Max Grimberg nach Ahaus gezogen, schreibt in der Dachgeschosswohnung an seiner Bachelorarbeit. In zwei Monaten ist Abgabetermin. Der 25-Jährige trägt schicke Kleidung, legt auch sonst Wert auf sein Äußeres und ist in einer Studentenverbindung aktiv. Von sich selbst sagt er: „Ich bin nicht unbedingt das, was man einen Weltverbesserer nennt.“ Umso erstaunlicher ist die Geschichte, die er zu erzählen hat.

Zufällige Begegnung in der Cafeteria

Ihren Anfang nahm sie vor drei Jahren. Im Rahmen seines Studiums arbeitet er damals einige Monate für einen großen IT-Konzern im südenglischen Bournemouth. In den Pausen trifft er oft den kolumbianisch-stämmigen Mitarbeiter Michael. Der ist zu dieser Zeit als Barista in der hauseigenen Kantine angestellt. „Kaffee war schon immer seine große Leidenschaft“, sagt Max Grimberg über Michael.

Irgendwann beginnt der Kolumbianer, Fragen zu stellen. Es geht um Themen wie Wirtschaft, Finanzen und Marketing. Eines Abends, Anfang 2018, setzten sich die beiden jungen Männer zusammen. Dort erzählt Michael dem Ahauser von seiner Idee. Er wolle auf dem europäischen Markt Hochland-Kaffee etablieren, so wie er ihn aus seinem Heimatort San Miguel in Kolumbien kennt.

Die Geschäftsidee: sich von der Masse absetzen

Statt auf Plantagen wachsen dort die Kaffeepflanzen an Berghängen. In 1400 bis 1900 Metern Höhe zwischen Bananenbäumen und Sträuchern. Die Pflanze gedeiht zwar langsamer und ist schwieriger zu ernten, dafür hat der Kaffee später einen komplexeren Geschmack, behauptet Michael. Mit den Massenprodukten, die die Supermarktregale hierzulande füllen, sei das nicht zu vergleichen. „Die großen Firmen kaufen alles auf, schmeißen es zusammen und verpassen den Bohnen eine dunkle Röstung, damit man die teils schlechte Qualität nicht schmeckt“, erklärt der Kolumbianer 2018 Max Grimberg.

Vor Ort in Kolumbien selektieren die Mitarbeiterinnen die Bohnen vor der Röstung von Hand. © privat © privat

Der Ahauser ist alles andere als ein Kaffee-Gourmet. Noch heute stehen in seiner Küche ein Vollautomat und eine Senseo-Maschine. Nur bei besonderen Anlässen wird der Siebträger rausgeholt. Doch der Ansatz überzeugt ihn. Auch, weil sein heutiger Geschäftspartner eine konkrete Philosophie verfolgt. Die Bauern vor Ort sollen fair bezahlt werden, um nicht für ausbeuterischen Firmen oder das Drogenkartell arbeiten zu müssen.

Ebenfalls ungewöhnlich: Ernte, Selektierung, Röstung, Verpackung; alle Arbeitsschritte bleiben in Kolumbien. Nur der Verkauf erfolgt in Europa. Damit möchten die beiden Jungunternehmer die lokale Wirtschaft ankurbeln. Sie beschließen, die Sache durchzuziehen.

Erste Hürde: der Bau eines Lagers

Also setzt sich Michael in einen Flieger Richtung Kolumbien. In seinem Heimatdorf kennt man ihn, er fällt auch wegen seiner dunkleren Hautfarbe unter den Einheimischen nicht auf. Wichtig, denn in diesem Gebiet gibt es überdurchschnittlich viele Entführungen. Der Kolumbianer nutzt Kontakte, schnell hat er seinen Onkel und dessen Cousin davon überzeugt, in das Geschäft einzusteigen. Erstes Ziel: der Bau eines Lagers.

Fast ausschließlich nachts arbeiteten die Handwerker am Bau des Lagers. © privat © privat

Hier ist erstmals Kreativität gefragt. Um nicht auf dem Radar der Drogenkartelle aufzutauchen, kaufen sie die Steine für das Lager an verschiedenen Orten. Bei Nachfragen erzählen Michael und seine Verwandten, man plane einen Anbau für das eigene Zuhause. Die handwerklichen Arbeiten erfolgen nachts, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Produkt nimmt Formen an

In Deutschland beginnt Max Grimberg zeitgleich mit der Produktentwicklung. Ein Freund von ihm entwirft das Design, auch ein Online-Shop steht in den Startlöchern. Alles ist bereitet, es fehlt nur noch der Kaffee.

Doch nach Michaels Rückkehr gibt es den ersten herben Dämpfer. Eines Tages klingelt das Telefon von Max Grimberg. Als er abhebt, hört er eine aufgebrachte Stimme am anderen Ende der Leitung. Es ist der Onkel seines Geschäftspartners. Doch der damals 23-Jährige ist im Uni-Stress und wimmelt den Anrufer zunächst ab. Mitten in der Nacht klingelt das Telefon erneut. Dieses Mal merkt der Ahauser schnell, wie ernst die Lage ist.

Guerillakämpfer erfahren von den Plänen

Obwohl Michaels Onkel nur gebrochen Englisch und Max Grimberg kaum ein Wort Spanisch spricht, versteht er: Die FARC, eine linke kolumbianische Guerillabewegung, hat von den Plänen erfahren. Schwer bewaffnet haben die FARC-Kämpfer Michaels Verwandtschaft einen Besuch abgestattet. Die unmissverständliche Botschaft: Wir wollen unseren Anteil – und zwar schnell.

Schon auf den ersten Blick ist zu erkennen: Die Röstung ist beim AraBean-Kaffee heller als bei handelsüblichem Kaffee. © privat © privat

Max Grimberg rutscht das Herz in die Hose. Sofort ruft er seinen Geschäftspartner an, der zu diesem Zeitpunkt in England weilt. Michael hat eine Idee. Abermals nutzt er seien Kontakte und ruft einen Verwandten an, der beim kolumbianischen Militär arbeitet. Es folgen Szenen, wie man sie sonst aus der Netflix-Serie „Narcos“ kennt. Mit Hubschrauber und Bodensoldaten rückt das Militär in San Miguel ein. Die Guerillakämpfer ergreifen umgehend die Flucht.

Militärausrüstung und Sicherheitsmauer

Für immer? So leichtgläubig ist Max Grimberg nicht. Umgehend bestellen sie Helme und kugelsichere Westen für ihre kolumbischen Mitarbeiter. Auch der Ahauser hat die Ausrüstung bei sich im Schlafzimmer liegen. Für den Fall, dass er irgendwann nach Südamerika fliegt. Um das Lager haben sie eine Sicherheitsmauer gebaut. Eigentlich wissen die Jungunternehmer aber: Es braucht vor allem Glück. „Unser Vorteil könnte sein, dass wir mit unserer Größe ein kleiner Fisch sind.“

Also gehen sie ihren Weg weiter. Gemeinsam mit einem Leverkusener Start-up haben sie nun die ersten 300 Packungen ihres eigenen Kaffees unter dem Label „AraBean“ auf den Markt gebracht. Zunächst zwei Sorten: „Advanced Dutch Roast“ und „British Gentleman Roast“. Letztere, eine helle Röstung, läuft vor allem in England gut an. Das liegt auch an dem guten Rating, 85 von 100 Punkten gab es von unabhängiger Stelle für die Eigenkreation. Doch das soll nur der Anfang sein. Die Bio-Zertifizierung ist auf dem Weg, größere Produktionen und andere Sorten sind in Planung.

Erstes Geschäft hat den Kaffee im Handel

In Ahaus hat sich der Elektronikfachmarkt „Euronics“ bereits mit dem Kaffee eingedeckt und testet den Verkauf, sobald das Geschäft wieder öffnen darf. Weitere Gespräche laufen. „Vielleicht zeigt eine Bäckerei Interesse. Wenn ich einen Kaffee für 2,20 Euro verkaufe, ist der etwas höhere Preis für das Pulver nicht so entscheidend“, sagt Max Grimberg.

Aber er bleibt realistisch: „Wir wissen, dass wir gerade in Deutschland eine Nische bedienen. Hier ist man seltener als zum Beispiel in England bereit, für Kaffee etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Der Preis ist König.“ Wer es mit Guerillakämpfern aufnimmt, lässt sich davon aber nicht mehr wirklich abschrecken.

Info:

  • Der Kaffee ist online unter www.arabean.net erhältlich. Die Packungen kosten zwischen 15 und 17 Euro.
  • Den Nachnamen von Max Grimbergs Geschäftspartner Michael haben wir aus Sicherheitsgründen nicht genannt.
Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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