Ahauser Reisegruppe im Land der Gegensätze

St. Josef

AHAUS Seit 2003 pflegt der Ahauser Verein zur Förderung der Jugend- und Familienarbeit St. Josef Ahaus Kontakte zu Israel. Inzwischen haben bereits fünf Jugendbegegnungen stattgefunden. Und die Begeisterung des Nachwuchses für das facettenreiche Land im Nahen Osten hat längst auch die Älteren angesteckt. Gerade sind 42 Ahauser von der inzwischen zweiten Erwachsenen-Reise zurückgekehrt.

von Von Sylvia Lüttich-Gür

, 30.10.2009, 19:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
In der Grabeskirche: Mitten im Trubel Zeit bleibt für ein Gebet.

In der Grabeskirche: Mitten im Trubel Zeit bleibt für ein Gebet.

Die Besucher aus dem Münsterland summen immer noch die Melodie, als sie durch das turmbewehrte, zwölf Meter hohe Jaffator schreiten und das historische Zentrum einer der ältesten Städte der Welt betreten: eine andere Welt – traditionsreicher, umkämpfter und heiliger als irgendwo sonst. Aber auch glücklicher? „Hier ist jeder Stein heilig“, sagt Shmulik Lahar, „nicht nur für uns Juden und euch Christen, sondern auch für die Moslems.“ Ob das ein Segen sei oder ein Fluch? Lahar erinnert an die vielen blutigen Auseinandersetzungen: von der Zerstörung des Tempels und die Vertreibung der Juden in alle Welt über die Kreuzzüge bis zu dem Ringen um die Hauptstadt zwischen Juden und Palästinensern in diesen Tagen.

„Aber ihr seht ja“, ergänzt der Israeli und zeigt ausladend auf das Gewirr der Gassen vor ihm, durch das sich zahllose Menschen unterschiedlichster Herkunft und Glaubens schieben: „Es funktioniert. Eine friedliche Koexistenz ist möglich.“ Als die 42 Ahauser zwei Stunden später aus dem kühlen, dunklen Klagemauer-Tunnel auf die in der Mittagshitze lärmende Via Dolorosa treten, erfahren sie, was ihr Reiseführer meint: Die Händler des arabischen Basars bieten lauthals ihre Waren an: exotische Gewürze, Textilien made in China und Andenkenkitsch für Jedermann.

Ungerührt von der Popmusik, die aus den vielen Radios plärrt, stimmen dänische Pilger ein „Ave Maria“ an – neben einem Granatapfelsaftstand und einer winzigen Tischlerwerkstatt, wo Veronika vor 2000 Jahren Jesus auf dem Weg zu seiner Kreuzigung das Schweißtuch überreicht haben soll. Als wenn das Stimmengewirr noch nicht laut genug wäre, ruft jetzt auch der Muezzin zum Gebet in die Al Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg – nur wenige hundert Meter von der Klagemauer entfernt, in deren Ritzen nicht nur orthodoxe Juden in schwarzen Anzügen und Hüten kleine Zettelchen mit Gebeten schieben.

Endlich: Die Besucher aus Ahaus erreichen die Grabeskirche, eine der heiligsten Orte der Christenheit – aber kein Schutz vor der lauten Kakophonie der Glaubensüberzeugungen. Das düstere, verbaute Gotteshaus erweist sich als Labyrinth: Sechs Religionsgemeinschaften teilen sich die Kirche, jede hat ihren eigenen Bereich, jede betet und singt nach ihrem eigenen Ritus – gleichzeitig – und alle erheben Anspruch darauf zu wissen, wo genau sich das Grab Jesu befindet. Zehn Tage und zahlreiche Begegnungen später im sonnigen, freizügigen Tel Aviv, das wie ein Stück Amerika mitten im nahen Osten wirkt: Die Reisegruppe feiert in einem Park Abschied. Alle stellen sich im Kreis auf zum Tanz  – längst angesteckt von der levantinischen Lebensfreude.

Wenig später müssen sie zur Seite treten. Eine jüdische Hochzeitsgesellschaft versammelt sich, um mit Blick aufs Mittelmeer die Trau-Zeremonie durchzuführen. Aber Ja! Die Gäste aus Deutschland – dem Land, das vor 60 Jahren auch Angehörige der Festgesellschaft ermordete – sind eingeladen zu bleiben. Sie applaudieren beim Ja-Wort – genauso wie die arabischen Jugendliche, die wenige Meter weiter grillen. „Ich sage es doch“, schmunzelt Shmulik Lahar: „Frieden ist hier möglich.“   

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