Ahauser Schulleiter üben scharfe Kritik an Online-Bewertungs-Apps für Lehrer und Schulen

mlzLehrer online bewerten

Die umstrittene Online-Bewertungs-App „Lernsieg“ ist wieder online. Die Ahauser Schulleiter kritisieren sie aufs Schärfste. Eine Schule hat in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen gemacht.

Ahaus

, 29.02.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kurz mit der Mobilnummer registriert; zwei, drei Klicks – und schon ist die Bewertung für alle Welt sichtbar. Vier Sterne für die Mensa, einer für die Sauberkeit, zwei für die Sportanlage. Doch in der App „Lernsieg“ kann nicht nur jede deutsche Schule bewertet werden, sondern auch jeder Lehrer – mit Klarnamen. Die Kategorien zum Beispiel: Pünktlichkeit, Vorbereitung, Geduld, Fairness, Motivationsfähigkeit...

Obwohl sich jeder Nutzer verifizieren muss, bleibt die Bewertung anonym. Es findet keine Kontrolle statt, ob jemand wirklich die Schule besucht hat, die er gerade bewertet. Schon als die App erstmals im November 2019 auf den Markt kam, war die Kritik riesig. Gewerkschaften und Lehrerverbände in Deutschland liefen Sturm. Benjamin Hadrigan, der erst 17-jährige Gründer aus Österreich, reagierte umgehend und stellte die App nur vier Tage später wieder offline. Laut Hadrigan wegen zahlreicher Hass-Mails.

In Ahaus sorgt die App für Kopfschütteln

Doch seit drei Tagen ist Lernsieg zurück. Allein auf Android-Smartphones wurde sie seitdem über 10.000 Mal installiert. Bei den Leitern der weiterführenden Ahauser Schulen sorgt das durch die Bank für Kopfschütteln. „Ich halte von diesen Bewertungs-Apps gar nichts. Dass ich Lernsieg nicht mal kenne, zeigt, wie egal sie mir sind. In meinen Augen ist sowas kein Feedback-Instrument“, sagt Niels Hakenes, Schulleiter der Bischöflichen Canisiusschule Ahaus. Und ergänzt: „Wenn einer an unserer Schule ein Problem hat, kann er das immer ansprechen.“

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Niels Hakenes stört vor allem die Anonymität der Bewertung: „Ich kann mit dieser Art von Kritik wenig anfangen, weil man nie weiß, was dahinter steckt. Hat die Person vielleicht gerade eine schlechte Arbeit zurückbekommen – oder vielleicht auch einfach Stress mit seinem Lieblingshund. So etwas erfährt man erst im Dialog.“

Michael Hilbk: „Schüler sollen Kompetenz entwickeln“

Sein Kollege Michael Hilbk, Direktor des Alexander-Hegius-Gymnasiums (AHG), sieht das sehr ähnlich: „Ich halte nichts davon, anonym im Internet irgendwelchen Noten zu vergeben.“ Er regt an, immer das direkte Gespräch zu suchen. „Kritik ist immer willkommen, aber sie sollte zwischen den Betroffenen direkt geklärt werden. Das Gespräch darf dann gerne mal kontrovers geführt werden. Anders als im Internet gehört da aber Courage zu.“

Michael Hilbk (l.) und Niels Hakenes sehen Bewertungsportale für Schulen und Lehrer sehr kritisch.

Michael Hilbk (l.) und Niels Hakenes sehen Bewertungsportale für Schulen und Lehrer sehr kritisch. © Stefanie Müller

Der AHG-Schulleiter sieht in diesem Bereich auch die Schule in der Pflicht: „Eine konstruktive Streitkultur – ohne respektlos zu werden – ist eine Kompetenz, die Kinder und Jugendliche im Laufe ihres Lebens erwerben müssen. Da sind wir auf jeden Fall gefragt.“

Schlechte Erfahrungen an der Anne-Frank-Realschule

Bärbel Fleer ist Schulleiterin der Anne-Frank-Realschule. Während ihre Kollegen von den beiden Ahauser Gymnasien der App keine größere Bedeutung zumessen, macht sie sich regelrecht Sorgen. Um ihr Kollegium, um ihre Schüler. „Wir haben in der Vergangenheit bereits schlechte Erfahrungen gesammelt, gerade wenn anonym im Internet irgendwas veröffentlicht wird.“

Sie berichtet von Verleumdung und Beleidigungen gegenüber Schülern und Lehrern. „Die Menschen machen sich keine Gedanken, was sie damit anrichten. Nur in den seltensten Fällen gibt es hier wertvolle Anregungen“, sagt Bärbel Fleer.

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Sie selbst ist ausgebildete Streitschlichterin und steht im Fall der Fälle auch selbst bereit, um zwischen zwei Parteien zu vermitteln. Außerdem gibt es an der Anne-Frank-Realschule eine Mecker-Box, in die anonyme Kritik eingeworfen werden kann. „Die dort angesprochenen Punkte werden dann mit der Schulsozialarbeiterin aufgearbeitet“, erklärt Bärbel Fleer.

Ihr Kollege Niels Hakenes kann diese Sorgen zwar verstehen, glaubt aber nicht, dass es an einer App wie Lernsieg liegt: „Die Gefahr, dass Leute im Internet beleidigt werden, besteht immer.“ Er glaubt: „Die Menschen haben mittlerweile gelernt, mit diesen Schmähungen im Internet besser umzugehen.“ Die gute Nachricht für alle Ahauser Schulen: Bisher gibt es hier nicht eine einzige Bewertung.

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