So sah es bei der Impfaktion des Kreises am Samstag in Ahaus aus. Ohne Termine konnten sich die Menschen für eine Impfung anstellen. © Stephan Rape
Digitalisierung

Arztpraxis in der Coronakrise: 1000 Anrufe pro Tag rauben wertvolle Zeit

Wer momentan einen Arzt anruft, landet in der Regel lange in der Warteschleife. Dabei sind viele Anrufe unnötig, sagt Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus. Er setzt auf Digitalisierung.

Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus hat durchgezählt: Rund 1000 Telefonate laufen in seiner Praxis im Kreishaus auf. Jeden Tag. „Das wird selbst bei acht Leitungen zu viel“, sagt der Mediziner. Die Praxis – oder zumindest ihre Telefonaanlage – laufe in der Coronazeit an der Belastungsgrenze. Endlose Warteschleifen sind die Folge. Die Praxis ist oft nicht erreichbar. „Das geht allen Haus- und Fachärzten so“, sagt er.

Und etwa die Hälfte der Gespräche sei eigentlich gar nicht nötig, denn es gehe immer wieder um die gleichen Nachfragen, etwa zu Impfungen oder Impfterminen. Etwa ob eine Booster-Impfung nicht doch schon vor Ablauf der sechs Monate nach der zweiten Impfung verabreicht werden könne.

Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus von der Praxis im Kreishaus – hier auf einem Archivbild – wirbt eindringlich für digitale Verfahren zur Terminvergabe. Die Praxen und ihre Mitarbeiter arbeiten demnach an der Belastungsgrenze.
Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus von der Praxis im Kreishaus – hier auf einem Archivbild – wirbt eindringlich für digitale Verfahren zur Terminvergabe. Die Praxen und ihre Mitarbeiter arbeiten demnach an der Belastungsgrenze. © Nils Dietrich © Nils Dietrich

„Das hat dann wieder irgendein Politiker in einer Talkshow herausposaunt und hier laufen die Drähte heiß“, sagt er. Dieser Idee erteilt er pauschal eine Absage, zumindest nach aktuellen Regelungen: „Solche Patienten schicken wir auch wieder zurück.“

Denn einmal abgesehen von Sinn oder Folgen der zu frühen Booster-Impfung, gebe es sogar Schwierigkeiten für den Mediziner: Die Kassenärztliche Vereinigung habe darauf hingewiesen, dass Booster-Impfungen unter Umständen nicht einmal abgerechnet werden könnten, falls sie vor dem Ablauf der sechs Monate verabreicht werden.

Telefonate kosten wertvolle Zeit im Praxisalltag

Immer und immer wieder müsse man das erklären, ärgert sich der Arzt. Diese Gespräche würden immens viel Zeit binden. Bei allem Verständnis für die Fragen und Sorgen der Patienten, die Zeit sei im Moment extrem knapp.

Kleine Bitte: Wer einen Termin vereinbart, wird von der Praxis im Kreishaus auf die aktuelle Situation hingewiesen – und um ein kleines Lächeln gebeten.
Kleine Bitte: Wer einen Termin vereinbart, wird von der Praxis im Kreishaus auf die aktuelle Situation hingewiesen – und um ein kleines Lächeln gebeten. © Stephan Rape © Stephan Rape

Im ohnehin schon stressigen Praxisalltag zwischen Corona-Impfungen, Grippeimpfungen und dem regulären Betrieb werde es einfach eng: „Ich habe meine MFAs (medizinische Fachangestellten; Anm. d. Redaktion) angewiesen, die Telefonate so kurz wie nur möglich zu halten“, sagt er. Das möge etwa rüde wirken, sei aber alternativlos: „Sonst schaffen wir die Arbeit ganz einfach nicht.“

Digitalisierung als Rettung im Praxisalltag

„Die Digitalisierung ist unsere Rettung im Praxisalltag“, erklärt er. Seit Juni hat er seine Praxis bei einem Ärzteportal gelistet, über das Patienten Termine buchen und verschieben, Nachrichten empfangen oder auch Dokumente austauschten können.

Seine Praxis ist damit in Ahaus und den Ortsteilen die erste Hausarztpraxis, die so ein System nutzt. Dadurch können die Patienten 24 Stunden am Tag Termine buchen – nicht nur, wenn sie gerade Zeit haben zu telefonieren und passend durch die Warteschleife kommen.

Ein Beispiel: Für einen Samstag im Dezember hatte er vor kurzem eine ganze Reihe von Impfterminen online gestellt. „Binnen zweieinhalb Stunden waren die vergeben. Per Telefon hätte das nie funktioniert“, sagt er.

Digitale Systeme bereits bei Fachärzten und Impfterminen im Einsatz

Auch in der Corona-Pandemie ist die digitale Terminvergabe nichts Neues: Etwa bei den Schnelltests oder bei den verschiedenen Impfaktionen, die Ärzte gemeinsam im Next durchgeführt haben: Auch bei der kommenden Impfaktion von mehreren Haus- und Fachärzten am 4. und 5. Dezember etwa wurden sämtliche Termine über die Chayns-App vergeben.

Akin Yilmaz-Neuhaus wird allerdings nicht müde, den Wert der Impfung wieder und wieder zu betonen. Er blickt dabei nur auf seine Praxis: „Ja, es gibt Impfdurchbrüche“, räumt er ein. Seit zwei oder zweieinhalb Monaten kenne er solche Fälle. „Die sind aber alle nicht schwer krank und konnten sich teils nach fünf Tagen schon wieder freitesten – waren also wieder negativ“, sagt er. Kein einziger dieser Durchbrüche sei ins Krankenhaus gekommen. Unter den ungeimpften Patienten hingegen gebe es schon Todesfälle zu beklagen.

Er sagt aber auch: „Wer bis jetzt noch keine Impfung hat, wird sich auch nicht mehr impfen lassen.“

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Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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