Auf der Walz durch die Welt

Wandergesellen in Ahaus

Jetzt schwitzt David Nisters nicht mehr. Er ist am Ende eines heißen Tages in die Ahauser Aa gefallen, als er sich die strapazierten Füße kühlen wollte. Seine Hose ist triefend nass. Eine passende Sommergarderobe ist die schwarze Cordkluft ohnehin nicht. Aber sie ist Pflicht.

AHAUS

, 12.06.2014, 16:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der 27-Jährige aus Bremen ist schon seit zweieinhalb Jahren auf Wanderschaft durch ganz Deutschland. In seinem Wanderbuch finden sich aber auch Einträge aus Thailand, Dubai und den Kanaren. Heute kommen die beiden aus Billerbeck. Dort haben sie zwei Wochen auf einer Baustelle gearbeitet. Dann packte sie wieder das Fernweh. „Wenn der Hund nicht mehr bellt und dich der Postbote grüßt, dann ist es Zeit, weiterzuziehen“, zitiert Moritz Busch lachend einen alten Gesellenspruch. Den Weg von den Baumbergen an die Aa haben sie zu Fuß und trampend zurückgelegt. Eine Stippvisite im Ahauser Rathaus haben sie schon hinter sich: Hier gab es einen Stempel ins Wanderbuch und einen kleinen Zuschuss für eine Reisekasse. So ist es Tradition. Aber die beiden sind nur auf der Durchreise, sie wollen weiter in die Schweiz.

Öffentliche Verkehrsmittel sind unter Wandergesellen verpönt – es sei denn, man fliegt nach Übersee. Hotels oder andere bezahlte Unterkünfte sind ebenfalls tabu. Und auch ein Zelt passt nicht in ihren kleinen Wanderbeutel. „Wir schlafen im Freien, auf einer Parkbank zum Beispiel“, sagt Moritz Busch. Und wenn es zu nass oder zu kalt ist, dann auch gerne im Vorraum einer Bank neben dem Geldautomaten. Die Kluft mag im Sommer zu warm und im Winter zu kalt sein – auf der Reise ist sie ein wahrer Türöffner, beim Trampen, bei der Suche nach geschützten Schlafstellen und bei der Arbeitssuche. „Eigentlich werden wir überall freundlich aufgenommen und finden schnell Kontakt. Wandergesellen haben einen guten Ruf“, sagt Moritz Busch. Damit das so bleibt, prüft Busch den Aspiranten Nisters auf Herz und Nieren: Ist er ehrlich und ein guter Kerl? Und er macht ihn mit den Traditionen und Kniffen der Wanderschaft vertraut. Kennengelernt haben sich die beiden, als Moritz Busch am Niederrhein in der Zimmererei arbeitete, in der David Nisters sein Handwerk erlernt hatte. Und er ließ sich gerne vom Wandervirus infizieren.

Denn Moritz Busch kann begeisternd davon erzählen: „Auf der Wanderschaft lernst du nicht nur neue Menschen, Arbeitswelten und Kulturen kennen. Du lernst dich selber neu kennen: Wie komme ich mit Herausforderungen klar? Wie wirke ich auf andere Menschen?“ Und natürlich sei die Wanderschaft auch eine intensive berufliche Weiterbildung: „Von den Chefs lernst du viele Tricks und Kniffe. Und noch mehr: Du lernst ihn kennen, wie er leibt und lebt, auch privat. Wir wohnen ja oft bei ihm.“ Markus Nisters ist noch nicht so abgeklärt: „Für mich ist die Wanderschaft noch eine Berg- und Talfahrt. Es gibt Momente, die sind voller Zweifel. Und dann sind wir auf dem Weg, die Sonne scheint und ich kann mir nichts schöneres vorstellen.“ Außer vielleicht ein kühlendes Fußbad in der Ahauser Aa. 

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