Im engen Versteckschrank dem Schicksal jüdischer Mädchen nachspüren

mlzAusstellung in Ahaus

Fotos und Briefe dokumentieren im Ahauser Rathaus das Schicksal zweier jüdischer Mädchen in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Versteckschrank bietet Besuchern einen besonderen Zugang.

Ahaus

, 28.01.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Josefa und Stine haben es am Dienstag zwei Minuten ausgehalten in dem original nachgebauten Schrank, in dem sich Johanna Reiss als Kind vor den Nazis verstecken musste. Zwei Jahre, sieben Monate und ein paar Tage mussten Annie und ihre Schwester sich immer wieder in den kleinen Anbau hinter den Wäscheschrankregalen retten.

Bei der Ausstellung über die Lebensgeschichten von Johanna Reiss und Marga de Jong im Ahauser Rathaus können die Besucher versuchen, sich in eine solche Lage hineinzuversetzen.

Im engen Versteckschrank dem Schicksal jüdischer Mädchen nachspüren

Josefa (l.) und Stine, Siebtklässlerinnen der Canisiusschule, haben es zwei Minuten im original nachgebauten Versteck von Sini und Annie ausgehalten. Jetzt sind sie froh, wieder draußen zu sein: "Fast drei Jahre – niemals", sagt Stine. © Anne Winter-Weckenbrock

40 Zentimeter tief ist das Versteck hinter den Regalen. Josefa und Stine kommen kichernd heraus – ihre Mitschüler hatten mit ihren Smartphones die Zeit gestoppt. Zwei Minuten gegen fast drei Jahre. Drei Jahre, das können sich die beiden Siebtklässlerinnen der Canisiusschule nicht vorstellen.

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„Niemals“, sagt Stine. Schränkt dann aber ein: „Wenn man es müsste...“ Wie schlimm das wohl gewesen sei, weil die beiden jüdischen Mädchen ja auch nicht wissen konnten, ob sie wieder herausgelassen werden, finden die beiden.

Ausstellung „Leben, um davon zu erzählen“

Zuvor hatten die Schüler im Ratssaal einen Film gesehen, in dem Johanna Reiss über ihre Zeit im Versteck erzählte und über die Familie Oosterveld, die so mutig war, sie in ihrem Haus in Usselo (heute Enschede) zu verstecken. Eigentlich wollte die heute in New York lebende Autorin des Buchs „Im Fenster der Himmel“ nach Ahaus gekommen sein zur Ausstellungseröffnung, aber der Arzt verbot ihr, zu fliegen.

Im engen Versteckschrank dem Schicksal jüdischer Mädchen nachspüren

Bei der Ausstellungseröffnung im Ahauser Rathaus (v. l.) Sixtina Harris von der Stiftung Kolle Kaal, Bürgermeisterin Karola Voß und Beigeordneter Werner Leuker. © Anne Winter-Weckenbrock

„Sie ist kreuzunglücklich“, sagte Sixtina Harris, die mit ihr telefoniert hatte. Die Borkenerin kennt Johanna Reiss seit vielen Jahren persönlich, hat die Ausstellung „Leben, um davon zu erzählen“ maßgeblich mitkonzipiert.

Es geht in der Ausstellung im Ahauser Rathaus um Johanna Reiss, geborene Annie de Leeuw, aber auch um Marga de Jong, die in Ahaus geboren wurde. „Die Besucher haben jetzt die Möglichkeit, am Beispiel zweier Personen zu sehen, wie das damals war“, sagte Bürgermeisterin Karola Voß.

Viele Gruppen sind schon angemeldet

Sie freute sich, dass schon viele Gruppen angemeldet seien für die Ausstellung, und darüber, dass die weiterführenden Ahauser Schulen alle einen Beitrag geleistet hätten zu den Gedenkveranstaltungen rund um den 75. Jahrestag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am Montag.

Im engen Versteckschrank dem Schicksal jüdischer Mädchen nachspüren

Viele Schüler der Ahauser Schulen waren zur Ausstellungseröffnung gekommen und erfuhren einiges über die Lebensgeschichten von Johanna Reiss und Marga de Jong. © Anne Winter-Weckenbrock

Hermann Löhring, ehemaliger Lehrer der Anne-Frank-Realschule und Mitglied im VHS-Arbeitskreis Ahauser Geschichte 1933-1945, erzählte am Dienstag über Marga de Jong, die 1922 geboren wurde und mit ihrer Familie an der Coesfelder Straße lebte. Bis zur Pogromnacht 1938, dann floh die Familie und wurde auseinandergerissen. Ihr Vater und zwei Geschwister wurden in Auschwitz ermordet, sie überlebte in Verstecken im niederländischen Aalten.

Marga de Jong war einmal in Ahaus zu Besuch

Sie wanderte später nach Australien aus. Viele Jahre später gelang es, Kontakt herzustellen zu ihrer Jugendfreundin aus Ahaus. Deren Tochter Mechtild Hueske erzählte vom Wiedersehen ihrer Mutter und Marga de Jong in Nordwalde, wo sie lebt. Und von einem Ausflug nach Ahaus, vor dem Marga de Jong große Zweifel gehabt habe, ob sie ihn schaffe.

Im engen Versteckschrank dem Schicksal jüdischer Mädchen nachspüren

Besucher der Ausstellung betrachten das Foto von Dini Hannink. Die damals 14-jährige fuhr mit dem Rad zu den Oostervelds und sagte Bescheid, wenn Gefahr für die versteckten jüdischen Mädchen Sini und Annie drohte. © Anne Winter-Weckenbrock

Viele Fotos und Dokumente informieren nun bis zum 10. Februar im Rathaus über die beiden jüdischen Mädchen und über ihre vielen mutigen Helfer. Und auf eine Besonderheit wies Hermann Löhring hin: Sini de Leeuw und Marga de Jong lernten sich in den ersten Jahren der Flucht aus Deutschland in Winterswijk kennen und wurden Freundinnen.

Nach dem Ausstellungsbesuch sensibel sein für Warnsignale

Sixtina Harris hofft nun, dass vor allem die Schüler nach dem Besuch der Ausstellung für sich mitnehmen, wachsam zu sein: „Wenn einer sagt, Ihr müsst eine Gruppe von Menschen hassen, dann ist das ein Warnsignal“, sagte sie eindringlich.

Im engen Versteckschrank dem Schicksal jüdischer Mädchen nachspüren

Vier Tischlergesellen, die am Berufskolleg für Technik eine Fortbildung zum Techniker absolvieren, haben in einem Unterrichtsprojekt den Schrank, in dem Sini und Annie fast drei Jahre versteckt waren, originalgetreu nachgebaut. Ein besonderes Projekt, finden Maik Lohaus, Lars Meier, Felix Bückemeyer und Tobias Busch und ihr Lehrer Thomas Gröning. © Anne Winter-Weckenbrock

„Johanna Reiss – Leben, um davon zu erzählen“

  • Die Ausstellung ist vom 28. Januar bis zum 10. Februar im ersten Obergeschoss des Ahauser Rathauses, Rathausplatz 1, zu sehen.
  • Es geht um Johanna Reiss, geb. Annie de Leeuw, die niederländisch-amerikanische Autorin des sehr bekannten Buches „Und im Fenster der Himmel“.
  • Im Mittelpunkt des Romans stehen die Erinnerungen an eine jüdische Kindheit, die eigentlich gar keine ist, denn sie ist bedroht von Verfolgung und Deportation, von Einschränkungen und Rechtlosigkeit und dem Auseinanderreißen gewohnter und gewachsener Familienbeziehungen.
  • Annie de Leeuw aus Winterswijk musste während des Zweiten Weltkrieges als junges jüdisches Mädchen untertauchen, um zu überleben. Sie und ihre Schwester Sini waren fast drei Jahre im niederländischen Usselo, heute Enschede, versteckt. Ein umgebauter Wandschrank im Haus der Familie Osterveld diente als Notversteck.
  • Zudem geht es um die Jüdin Marga de Jong aus Ahaus, die nach der Flucht ihrer Familie in die Niederlande bei Aalten (bei Winterswijk) die NS-Verfolgung ebenfalls überlebte. Hier werden neueste Rechercheergebnisse gezeigt.
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