Autor Rei Gesing hat Interview mit Sterbenden geführt und veröffentlicht eine Buchreihe darüber. © privat
Interview

Autor Rei Gesing wagt mit Buchreihe einen Blick in die Endlichkeit

Über den eigenen Tod zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Autor Rei Gesing hat Sterbende und Betreuer interviewt und dies in der beeindruckenden Reihe „Von der Endlichkeit“ veröffentlicht.

Der gebürtige Wüllener Reinhard Gesing hat mit seiner neuen Reihe etwas Besonderes geschaffen. Die schmalen Heftchen sind zwar schnell zu lesen, aber bleiben noch lange Zeit im Gedächtnis. Im Gespräch mit Anna-Lena Haget erzählt er von unvergesslichen Begegnungen und wie er dadurch seine eigene Angst vor dem Tod besiegt hat.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen?

Vor ein paar Jahren habe ich für ein Buch sehr alte Menschen interviewt. Diese Menschen waren ganz und gar versöhnt mit ihrer Endlichkeit und konnten ganz unverkrampft, teilweise sogar heiter und humorvoll über ihren eigenen Tod sprechen. Das hat mich sehr beeindruckt, wo doch das Thema Tod und Sterben für viele Menschen noch immer ein echtes Tabuthema ist. Auch für mich war es das damals noch. Das Thema machte mir Angst; und getreu dem Motto „der Weg aus der Angst führt durch die Angst hindurch“, entschloss ich mich, mit Menschen zu sprechen, die nur noch kurze Zeit zu leben haben, aber damit versöhnt sind und Lust und noch die Kraft haben, offen und ohne Tabus darüber zu sprechen. Auch mit Menschen, die jeden Tag mit dem Tod zu tun haben, und Menschen, die Zugehörige verloren haben, konnte ich sehr intensive Gespräche führen. Es hat mich total gefreut und zum Teil auch sehr überrascht, wie viele Menschen bereit waren, mit mir über diese Thematik zu sprechen.

Mit Gerda Piasta haben Sie schon in „Die Weisheit der 100-Jährigen“ zusammengearbeitet. Wie hat sie reagiert, als Sie sie zum Sterben interviewen wollten?

Sie antwortete prompt: „Sehr gerne, aber nicht mehr heute“. Sie fügte hinzu, dass sie besonders die Frage danach, was von ihr bleiben soll, sehr berühre und beschäftige. Sie müsse noch eine Nacht darüber schlafen. Ihre Offenheit und vor allem ihre schonungslose Ehrlichkeit bei der Beantwortung meiner Fragen am Tag darauf haben mich gerade angesichts ihres biblischen Alters sehr beeindruckt; um nicht zu sagen begeistert.

Ihr Interviewpartner Patrick Hürlimann-Stocker war in Ihrem Alter und am Ende seines Lebens. Was hat diese Begegnung mit Ihnen gemacht?

Für Patrick war es sehr wichtig, nach seinem Tod kein „Chaos“ zu hinterlassen, wie es wohl nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, der nichts geregelt hatte, geherrscht hatte. Patrick hatte alles geregelt und so konnte er in der Zeit, die ihm noch blieb, „mit einem guten Gefühl“ soweit möglich mit seinen Lieben „einfach zusammen sein“. Er erzählte, dieses Organisieren und bewusste Auseinandersetzen mit dem Sterben hätte ihm die Angst vor dem Tod genommen und er könne nur jedem empfehlen, es ihm gleichzutun, denn das nehme die Angst vor dem Tod und auch die Angst vor dem Leben. Das hat mich dazu ermutigt, auch jetzt schon alles zu tun, was im Zusammenhang mit meinem eigenen Tod zu erledigen ist.

Für Ihr Gespräch mit Christel Sümpelmann haben Sie das Elisabeth-Hospiz in Stadtlohn besucht.

Christel Sümpelmann hatte das Hospiz, viele Jahre bevor sie dort einzog, mit einer Gruppe Ehrenamtlicher eines hiesigen Vereins besucht und damals für sich beschlossen: „Wenn es irgendwann einmal nötig werden sollte, dann gehe ich dorthin, ins Elisabeth-Hospiz“, weil ihr die Stille und die friedliche Atmosphäre dort so gefallen hatten. Nun war sie dort und saß auf „ihrer“ Terrasse in einem Strandkorb und hat mich sehr wohlwollend und herzlich aufgenommen, so fiel es mir dank Frau Sümpelmanns offener Art und der guten Gesprächsatmosphäre eigentlich leicht, mich auf diesen besonderen Ort einzustellen.

Sie haben auch Elisabeth Steiner, Seelsorgerin in einem Kinderhospiz, interviewt. Was hat sie an der anderen Seite des Sterbens gereizt?

Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, ist sicherlich eine lebensbedrohliche Krankheit bei und den Tod von Kindern. Ich bin immer auf der Suche nach Vorbildern. Stelle mir die Frage: „Wie bewältigt jemand diese oder jene Herausforderung?“. Jemand wie Elisabeth Steiner hat jeden Tag mit dem Tod von Kindern und der unermesslichen Trauer von Eltern zu tun. Und trotzdem ist sie ein heiterer, lebensfroher, humorvoller Mensch, der anderen Halt und Kraft schenken und ihnen eine Perspektive aufzeigen kann. Solche Menschen kennenzulernen, ist nicht einfach „reizvoll“, sondern ein echtes Geschenk!

Ist es Ihnen schwergefallen, Gesprächspartner zu finden?

Ich habe vorher mit vielen Menschen, die in der Hospizarbeit tätig sind, über die Buchidee gesprochen und sie nach ihrer Einschätzung gefragt. Es herrschte übereinstimmend die Auffassung, dass etwa einer bis zwei von zehn Hospizgästen nicht nur die Bereitschaft, sondern bestenfalls sogar das Bedürfnis haben könnten, sich noch einmal auf diese Weise mit ihrem Tod und ihrem Leben auseinanderzusetzen. Das hat sich bewahrheitet. Vielen meiner Gesprächspartner gefiel auch der Gedanke, dass nun in Form eines veröffentlichten Interviews etwas von ihnen bleibt.

Werden Sie die Buchreihe fortsetzen?

Ja, Band vier und Band fünf sind in Arbeit, geplant sind circa zehn bis zwölf Ausgaben der Minibuch-Reihe in Form dieser Picky Booklets. Am Ende sollen dann nochmal alle Interviews in einem Hardcover-Format, ähnlich wie „Die Weisheit der 100-Jährigen“ herausgebracht werden. Dieses Buchprojekt war und ist für mich persönlich sehr bereichernd und prägend. Erst gestern habe ich es im Gespräch mit meinem Verleger als beste „Weiterbildung“ meines bisherigen Lebens beschrieben.

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Anna-Lena Haget

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