Christiane Betting und Stefanie Brunsmann haben gemeinsam mit ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen im Bereich, wo das Baugebiet Wüllen-Nord Abschnitt II entstehen soll, zahlreiche Plakate aufgehängt. Unter anderem an diese circa 80 Jahre alte Kopfweide. © Johannes Schmittmann
Naturschutz

Baugebiet Wüllen-Nord: Bürgerinnen wollen Baumfällung verhindern

Um mehr Bauplätze im geplanten Neubaugebiet Wüllen-Nord Abschnitt 2 zu schaffen, sollen insgesamt 37 Bäume gefällt werden. Doch Widerstand formiert sich. An der Spitze: zwei Wüllenerinnen.

Die Interessenten scharren schon mit den Hufen. Im zweiten Abschnitt des Baugebiets Wüllen-Nord könnte noch in diesem Jahr das Vergabeverfahren für die insgesamt 48 geplanten Grundstücke beginnen. Im Frühjahr liegt der Bebauungsplan aus, vier Wochen haben die Bürgerinnen und Bürger dann Zeit, Einwände einzubringen. Schon jetzt ist klar: Es wird Widerstand geben.

Denn seit einigen Wochen machen im Hintergrund mehrere Wüllenerinnen mobil. Eine Online-Petition ging vor wenigen Tagen online. 192 Unterschützer gibt es, Stand Donnerstagnachmittag, bisher. Das erklärte Ziel: die Rettung zahlreicher Bäume.

Vor allem die Fällung der zehn Kopfweiden, die wallheckenähnlich in der Nähe des Kaikhoffs Weg seit rund 80 Jahren ihre Wurzeln schlagen, ist ihnen ein Dorn im Auge. „Wir wollen verhindern, dass ein geschützter Landschaftsbereich weichen muss, nur damit an dieser Stelle ein paar wenige Baugrundstücke mehr erschlossen werden können“, sagt die Wüllenerin Christiane Betting.

Baugebiet soll nicht verhindert werden

Gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Stefanie Brunsmann organisiert sie den Protest. Sie betonen: „Uns geht es nicht darum, das Baugebiet Wüllen-Nord 2 zu verhindern. Wir wissen, dass es gerade für junge Menschen einen Mangel an Bauplätzen gibt.“ Trotzdem müsse man an dieser Stelle Rücksicht auf die Natur nehmen. „Es ist ja nicht so, dass sich beide Interessen gänzlich ausschließen“, sagt Stefanie Brunsmann.

Die Gruppe, die sich für den Erhalt der alten Bäume starkmacht, wächst. Unterstützung erhalten die Wüllenerinnen vom Nabu.
Die Gruppe, die sich für den Erhalt der alten Bäume starkmacht, wächst. Unterstützung erhalten die Wüllenerinnen vom Nabu. © Johannes Schmittmann © Johannes Schmittmann

Genau wie Christiane Betting plädiert sie dafür, die Bäume zu erhalten und in das Neubaugebiet zu integrieren. „Für mich – und auch viele andere Wüllenerinnen und Wüllener – ist es ein Stück Heimat. Viele Tiere sind hier zu Hause. Wo haben wir denn sonst in Dorfnähe noch solch ein unberührtes Stück Natur?“, fragt Christiane Betting rhetorisch. Stefanie Brunsmann ergänzt: „Wir haben hier ein Kleinod mit Seltenheitswert. Dass in der Wallhecke zum Beispiel der Kiebitz brütet, wissen die wenigsten.“

Beim Naturschutzbund (Nabu) rannten sie mit dem Thema offene Türen ein. Seitdem berät sie Herbert Moritz von der Ortsgruppe Heek. Der Nabu finanzierte auch die Flyer, die im Dezember vergangenen Jahres an über 500 Haushalte verteilt wurden. „Darin haben wir den Sachverhalt genau erklärt“, sagt Christiane Betting.

Abstimmung im Bauausschuss eindeutig

Zum Hintergrund: Der Bauausschuss der Stadt Ahaus beschäftigte sich im Juni 2020 intensiv mit der Thematik. Schon damals entwickelte sich zwischen den Mitgliedern eine lebhafte Diskussion über erhaltenswerte Grünstrukturen und Bäume. Zwei Varianten standen zur Debatte. Bei Variante B sollten die Kopfweiden und andere schützenswerte Bäume erhalten bleiben. Dafür hätten fünf bis sechs Baugrundstücke weniger erschlossen werden können. Variante A sah, vereinfacht gesagt, maximale Bebauung vor.

Die Plakate sollen den Prostet der Gruppe zum Ausdruck bringen und zur Diskussion anregen.
Die Plakate sollen den Protest der Gruppe zum Ausdruck bringen und zur Diskussion anregen. © Johannes Schmittmann © Johannes Schmittmann

Bürgermeisterin Karola Voß warb zwar für Variante B, stand damit am Ende aber relativ alleine da. Mit elf zu fünf stimmten die Ausschussmitglieder für Variante A und damit gegen den Erhalt der Bäume. Auf Anfrage der Redaktion erklärte die Verwaltung, dass für den zweiten Bauabschnitt nun insgesamt 37 Bäume gefällt werden sollen. Wann genau, ist noch unklar.

Kopfweiden, Kastanien und Buchen müssen weichen

Neben den zehn Kopfweiden müssen unter anderem auch neun Kastanien, drei Bergahorne und zwei Buchen weichen. Grundlage dafür ist ein Gutachten aus dem Mai vergangenen Jahres. „Die Vitalitätsstufen der zu fällenden Bäume bewegen sich zwischen Stufe 0 (gesund bis leicht geschädigt) und Stufe 4 (absterbend bis tot)“, heißt es in einer Stellungnahme der Verwaltung. Zurzeit erarbeitet ein Fachbüro den Umweltbericht zu den Ausgleichsmaßnahmen.

Die Wüllenerinnen wollen sich damit aber nicht abfinden. Um ihren Protest zum Ausdruck zu bringen, hängten sie in der vergangenen Woche zahlreiche Plakate an den Bäumen auf. Die Botschaften: „Finger weg!“, „Ich biete Wohnraum für Tiere“ oder „Ich mache unser Dorf schöner und lebenswert“. Damit möchten die Frauen ein Bewusstsein für das Thema schaffen. „Es muss darüber diskutiert werden“, sagt Stefanie Brunsmann. Einige Mitstreiterinnen haben sie im Dorf schon gefunden. Gemeinsam trafen sie sich in dieser Woche an der Wallhecke am Kaikhoffs Weg.

Beim Vor-Ort-Termin gibt es Widerstand

Kaum haben die Frauen und die Vertreter des Nabus sich für das Foto aufgestellt, formiert sich am Straßenrand der erste Widerstand. „Wollt ihr, dass junge Menschen weiterhin keine Chance auf ein Eigenheim haben?“, ruft ein Mann den Protestlern zu. Die Stimmung ist aufgeladen.

Auch Norbert Frankemölle, Ratsherr der WGW, hat von der Zusammenkunft erfahren. Im großen Kreis – mit ausreichend Abstand und Masken – entsteht eine teils hitzige Debatte über Für und Wider. Plötzlich geht es um abgelehnte Lärmschutzwände, den Fürst zu Salm-Salm und Doppelmoral, weil die Protestlerinnen schließlich auch irgendwann in Wüllen ihre Einfamilienhäuser gebaut hätten. Christiane Betting und Stefanie Brunsmann haben zumindest ein Ziel bereits erreicht: Es wird diskutiert.

Info:

Die Online-Petition finden Sie unter www.openpetition.de mit dem Titel: „Dorfidylle bald Geschichte?“

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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