Bernhard Heying: Auch mit 93 Jahren Mahner für Frieden und Versöhnung

mlzKrieg und Nachkriegszeit

Bernhard Heying hat 1948 ein Versprechen gegeben: sich für Frieden und Versöhnung einzusetzen. Im niederländischen Fernsehen sprach der 93-jährige Ahauser über die Kriegs- und Nachkriegszeit.

Ahaus

, 12.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bernhard Heying ist 93 Jahre alt. Das hindert den Ahauser nicht daran, sich in vielfältiger Weise in Gesellschaft und Politik zu engagieren. Vor Kurzem war er auf Einladung eines niederländischen TV-Senders in Haaksbergen.

„Es ging für eine Sendung darum, von deutschen Zeitzeugen noch etwas über die Kriegs- und Nachkriegszeit zu hören“, berichtet er in einem Telefonat mit unserer Redaktion.

Schriftliche Notizen

Vor der Fernsehkamera in Haaksbergen erzählte der 93-Jährige aus seinem Leben. Wir haben seine schriftlichen Notizen, die er für die Fernsehsendung anfertigte, zusammengefasst und geben sie in Auszügen wieder.

Geboren wurde Bernhard Heying am 3. Oktober 1926. Ostern 1933 wurde er als Sechsjähriger eingeschult und ging zur Volksschule in der Bauerschaft Ahler Kapelle, die zur Kirchen- und Dorfgemeinde Heek gehörte. „Damals konnte ich nur Platt sprechen.“

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Ostern 1939 wurde er Schüler im Progymnasium für Jungen der Stadt Ahaus, geleitet wurde die Schule von einem katholischen Priester. 1943 mussten die Kreuze aus allen Räumen der Schulen entfernt und ein Hitlerbild aufgehängt werden. „Unser Schulleiter hat zwar das Aufhängen des Bildes zugelassen, aber entschieden, dass in allen Klassenräumen das Kreuz hängen bleibt. Das war damals eine sehr mutige Entscheidung.“

Bomber abgeschossen

Ab 1943 gab es auch in Ahaus oft Fliegeralarm. „Wir mussten dann alle in den Keller, Unterrichtsstunden fielen aus, Ferien wurden länger. Einmal haben wir erlebt, wie ein von deutschen Jagdflugzeugen angeschossener Bomber nicht weit von uns in den Busch von Riddebrock abstürzte. Am nächsten Morgen sind wir Schüler dorthin gegangen und haben das Flugzeug im Wald liegen gesehen.“ Teile schmorten noch, die Schüler sahen tote Soldaten am Wrack. „Es war ein grausamer Anblick.“

Im Januar 1944 mussten die jungen Männer des Geburtsjahrgangs 1926 zur Musterung, die beim Ahlschken Preer stattfand (Gaststätte Hörst an der B 70). Die Prüfung war kurz und oberflächlich: tauglich.

Anfang Februar kam Bernhard Heying für drei Monate zum Reichsarbeitsdienst auf die Insel Sylt. Nach der Rückkehr im Mai wurde er sofort zum Militärdienst einberufen. „Ich kam nach Gondreville, ein Dorf in der Nähe von Toulouse in Frankreich.“ Bernhard Heying, damals 17 Jahre alt, wurde gedrillt.

An die Front

„Anfang September kamen wir an die Front in Frankreich. Für uns Schüler, die nur Elternhaus und Schule kannten, waren das schreckliche Erlebnisse. Viele haben vor Angst geschrien. Schon kurz nach dem ersten Einsatz sind viele gefallen und verwundet worden.“ Ende September waren von der 180-Mann-Truppe nur noch sechs übrig.

„Anfang Oktober bekam ich einen Steckschuss im linken Unterschenkel. Ich kam ins Lazarett nach Seledestadt/Elsass und von dort in ein Krankenhaus in Emmendingen im Schwarzwald.“

Ende November 1944 musste Bernhard Heying wieder an die Front. In der zweiten Januarhälfte wurde er mit seiner Einheit in den Vogesen eingekesselt. Anfang Februar 1945 hieß es plötzlich: Rette sich wer kann.“

Kriegsgefangenschaft

Bernhard Heying geriet in Kriegsgefangenschaft. „Wir wurden in einen Keller eingepfercht und kamen dann mit vielen anderen in eine zerstörte Fabrik. Wir lagen auf Brettern, es war sehr kalt.“ Zu essen gab es eine dünne Kohlsuppe und wenig Brot. „Pro Tag starben mindestens 15 Männer, manchmal mehr, an Unterernährung und der Ruhr.“

Kurz darauf wurde er zusammen mit rund 2400 anderen Kriegsgefangenen in eine Kaserne in Muhlhouse/Elsass gebracht. Ab März 1945 musste Bernhard Heying Spanndrahtminen räumen. „Wir kamen von Ort zu Ort und mussten in Zelten schlafen, auch im Winter.“ Einheimische warfen ihnen oft Brot und anderes zu.

Das Minenräumen war ein Himmelfahrtskommando. „Keiner von uns kannte Minen. In der ersten Zeit hatten wir nur einen Eisenstock mit einer Spitze.‘“ Es kam zu schrecklichen Unfällen. „Einmal gab es 19 Tote an einem Tag und die mussten wir Kriegsgefangene im Wald begraben. Später bekamen wir Geräte dazu; an einer Stange war unten ein „Teller“ mit Batterie und Magnet, der auf Eisen reagierte.“

Im Frühjahr 1947 wurden deutsche Kriegsgefangene als Landwirte von Familien im französischen Elsass gewünscht. „Ich habe mich als Landwirt im Gefangenenlager aufgestellt.“ Es kam ein Mann auf ihn zu und sagte „Komm mit.“

Der Mann, Marcel Schwob, hatte erkannt, dass Bernhard Heying nicht nur körperlich am Ende war. Bernhard Heying kam in das Dorf Diefmatten in der Nähe von Belfort, an der Schweizer Grenze.

„Deutsche waren verhasst“

Am vierten Tag nach seiner Ankunft sagte Marcel Schwob zu ihm: „Bernhard, du bist kein Landwirt, du bist Schüler.“ Der Deutsche wurde blass. Schwob beruhigte ihn: „Hab keine Angst, ab heute gehörst zu unserer Familie.“ Das sei eine überaus mutige und lobenswerte Zusage gewesen. „Deutsche, auch im wieder französisch gewordenen Elsass, waren verhasst.“

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Bernhard Heying gesundete und wurde am 6. Februar 1948 in die Heimat entlassen. Er verabschiedete sich von der Familie Schob mit einem Versprechen: „Dass ich mich in meinem zukünftigen Leben für Frieden und Versöhnung einsetzen werde, wo immer ich das kann.“

Motor der Städtepartnerschaft

Der gebürtiger Ahler war später, von 1976 bis 1991, einer der drei leitenden Dezernenten der Stadt Ahaus und verantwortlich für die Bereiche Schule, Kultur, Soziales, Jugend, Senioren, Standesamt, Archiv, Tourismus und Ausländerbetreuung.

Er setzte sich maßgeblich für das Zustandekommen der Partnerschaft von Ahaus mit der niederländischen Gemeinde Haaksbergen ein. Eine Partnerschaft, die ihm auch wegen seines 1948 gegebenen Versprechens noch immer eine Herzensangelegenheit ist. Auch mit 93 Jahren hat sich daran nichts geändert.

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