Ein Schnelltest ist rund um Ahaus dank der Software Chayns meist nur wenige Klicks auf dem Smartphone entfernt. Ab 1. Dezember berechnen die Tobit.Labs den Betreibern der Testzentren einen Euro netto je vermitteltem Test. Das stößt auf unterschiedliche Resonanz. © Stephan Rape
Schnelltests

Chayns nicht mehr kostenlos: Teststellen zahlen bald einen Euro pro Test

Bisher haben die Tobit.Labs ihre Software Chayns für Testzentren kostenfrei zur Verfügung gestellt. Damit ist bald Schluss. Das bringt einige Betreiber von Testzentren auf die Palme.

Die Betreiber der Teststellen, die mit der Tobit.Labs-Software Chayns arbeiten, müssen ab 1. Dezember einen Euro zuzüglich Mehrwertsteuer pro Test an die Tobit.Labs bezahlen, wenn sie Chayns weiter für die Terminierung und Durchführung der Schnelltests nutzen wollen. Für den Endverbraucher bleiben Tests und Software kostenlos. Diese Ankündigung der Tobit.Labs erreichte die Teststellen-Betreiber am Montag (22. November) und trieb einige von ihnen auf die Barrikaden.

„Für mich wären das netto 25.000 Euro pro Monat“, sagt Bernd Busert aus Stadtlohn. Der Inhaber von Zelte Stockhorst war einer der Ersten, die Chayns im großen Stil für Testzentren eingesetzt haben.

Grobe Kalkulation ohne Personal: 6,50 Euro Gewinn pro Test

Er kalkuliert gegenüber unserer Redaktion grob: Pro Test erhalte er eine Vergütung von acht Euro. Dazu kommt eine Materialpauschale von 3,50 Euro für jeden Test. Die Ausgabenseite: Für Material, Miete und Fixkosten rechnet er mit rund fünf Euro je Test.

Der Stadtlohner Bernd Busert betreibt im Kreis Borken mehrere Testzentren. Die Einführung einer Gebühr für Chayns koste ihn in einem durchschnittlichen Monat 25.000 Euro, sagt er.
Der Stadtlohner Bernd Busert betreibt im Kreis Borken mehrere Testzentren. Die Einführung einer Gebühr für Chayns koste ihn in einem durchschnittlichen Monat 25.000 Euro, sagt er. © Laura Schulz-Gahmen © Laura Schulz-Gahmen

Dazu kommen Personalkosten, die er allerdings schlecht auf einen einzelnen Test herunterbrechen könne. Ein Mitarbeiter in einem seiner Testzentren verdiene jedenfalls 15 Euro pro Stunde. Ohne Personalkosten macht er damit rund 6,50 Euro Gewinn – pro Test.

Dennoch: „Tobias Groten hätte mit uns Betreibern sprechen oder uns fragen müssen, was wir bezahlen können“, sagt er in Richtung des CEO und Gründers der Tobit.Labs. Natürlich seien die Tests ein Geschäftsmodell. Und noch trage sich das. Die Frage sei aber, wie lange noch.

„1,20 Euro sind schon heftig, 50 Cent wären ok“

André Hörst, er betreibt Teststellen in Ottenstein und Alstätte, sieht das ähnlich: „Bei 50 Cent pro Test hätte niemand was gesagt“, sagt er. Natürlich könne er verstehen, dass die Tobit.Labs für ihre Arbeit Geld sehen wollen. „Aber 1,20 Euro sind schon heftig“, erklärt er.

Auch Jochen Terbeck aus Stadtlohn findet deutliche Worte. In seinen fünf Teststellen kommt er jeden Monat auf rund 30.000 Tests. „Der Preis ist jenseits von Gut und Böse“, schimpft er. Natürlich sei er dankbar, dass die Tobit.Labs Chayns bisher kostenlos zur Verfügung gestellt haben. „Ich habe auch damit gerechnet, dass es früher oder später kostenpflichtig wird“, fügt er hinzu. Er würde sich über 30 Cent pro Test nicht aufregen, gibt er unserer Redaktion gegenüber an. „Wir sind jetzt natürlich erpressbar“, erklärt er für sich und andere Teststellenbetreiber. Ohne Chayns gehe er davon aus, dass deutlich weniger Menschen zu seinen Teststellen kämen.

Trotzdem: Sollten die Tobit.Labs von ihrem Kurs nicht abrücken, werde er dennoch seinen Betrieb umstellen. „Der kann nicht machen, was er möchte“, sagt er in Richtung Tobias Groten.

Klinikum Westmünsterland freut sich über monatelangen Service

Beim Klinikum Westmünsterland sieht das anders aus: Hermann Niemeier, der dort die Schnelltest-Zentren organisiert, will die Aufregung nicht verstehen. „Wir haben sieben Monate lang einen superguten, kostenlosen Service von den Tobit.Labs bekommen und konnten uns zu 100 Prozent darauf verlassen“, sagt er. Vielleicht seien andere Teststellenbetreiber verärgert, weil zuletzt auch die Vergütung der Tests insgesamt reduziert worden sei. Das Klinikum sehe die neuen Kosten in der Quersumme mit dem bisherigen kostenlosen Service. „Da können wir sehr gut mit leben“, macht er ganz deutlich.

Deutsches Rotes Kreuz steht fest zu Chayns

Auch das Deutsche Rote Kreuz wird weiter mit Chayns arbeiten. Das bestätigt Björn Theyssen, Ehrenamtlicher Leiter Öffentlichkeitsarbeit beim DRK im Kreis Borken, auf Nachfrage. Aktuell betreibt der Kreisverband elf Teststellen im Kreis. „Das System hat sich bewährt“, sagt er. Es jetzt umzustellen, sei keine Alternative. Vor allem auch, weil ja die Alternativen auch nicht kostenfrei seien.

Ja, die Änderung komme mit einer gewissen Spontanität, er könne aber auch die Perspektive der Tobit.Labs verstehen: „Da steckt ja auch extrem viel Entwicklung drin“, sagt er. Die Höhe der Kosten mag er nicht beurteilen. „Ich kenne ja auch die Kostenstruktur bei Tobit nicht“, sagt er. Auf die digitale Form zu verzichten, sei jedenfalls keine Lösung: „Analog bekommen wir die PS nicht auf die Straße“, sagt er.

Chayns: 4,5 Millionen Schnelltests, 78 Millionen Euro Einnahmen

Tobias Groten erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion die andere Seite der Medaille und nennt beeindruckende Zahlen: Die an Chayns angeschlossenen Teststellen hätten seit einem halben Jahr 4,5 Millionen Schnelltests durchgeführt. Die Betreiber hätten dafür etwa 78 Millionen Euro bekommen. „Dafür haben wir mit unseren Entwicklungen gesorgt“, sagt er.

Tobias Groten, hier auf einem Archivbild im Atrium auf dem Tobit.Campus, rechtfertigt die Kosten für die Software. „Wir machen was alle Unternehmen machen müssen: Wir nehmen für unsere Leistung Geld.“
Tobias Groten, hier auf einem Archivbild im Atrium auf dem Tobit.Campus, rechtfertigt die Kosten für die Software. „Wir machen, was alle Unternehmen machen müssen: Wir nehmen für unsere Leistung Geld.“ © Stephan Rape © Stephan Rape

„Nun haben wir uns entschieden, dass wir das als offizielles Produkt und als offizielle Plattform richtig betreiben müssen“, fügt er hinzu. Genaue Zahlen nennt er nicht, allerdings arbeite der „halbe Laden“ an Dingen, die mit Corona zu tun haben. Und das seit Beginn der Pandemie: „Wir sind hier mit einer riesigen Mannschaft dran und nennen es einfach mal Arbeit.“

Er betont, dass die Tobit.Labs oder ihre angeschlossenen Gastronomiebetriebe nicht einen Cent „Überbrückungsghilfen“ oder Ähnliches bekommen hätten. „Ich denke, wir sind das einzige Unternehmen weit und breit, das keinen Cent bekommen hat – oder wollten. Das haben wir alles aus der Substanz gemacht“, erklärt er. Da das Unternehmen nun wirklich genug dafür ausgegeben habe, mache es das, was jedes Unternehmen machen müsse: „Wir nehmen für unsere Leistung Geld.“

Chayns in Testzentren ist nicht nur Software, sondern Netzwerk

Es sei die freie Entscheidung, wer nun welche Software einsetze. Wobei es ja bei Chayns nicht allein um Software gehe: „Bei uns schließen sich die Teststellen an ein Portal an, das die Tests vermittelt. So wie bei Lieferando“, sagt er. Genau das tun günstige Tools, wie die Betreiber sie angesprochen hatten, allerdings nicht.

Was die Teststellen nun machen, wisse er nicht. Es gebe ja Hunderte Lösungen oder Tools. „Wir haben ihnen angeboten, dass sie Chayns weiter nutzen können, wenn sie unsere professionellen Dienste wollen und wir ihnen Kunden vermitteln sollen. Da wird sicher jeder seine eigene Entscheidung fällen. Mir persönlich ist das egal“, sagt er.

Dann bringt er noch eine andere Zahl mit ins Spiel. Auch die Tobit.Labs betreiben eigene Teststellen: als Drive-Thru am Tobit.Campus oder in der Ahauser Innenstadt. Deswegen wisse er: Der Bund zahle drei Euro pro Testkit. Die Tests würden aber nur noch zwischen 1,25 und 1,45 Euro kosten. Auch diese Differenz bleibe also bei den Betreibern.

Und auch die Kritik, die Änderung sei zu kurzfristig gekommen, entkräftet er: „Vom 22. November bis 1. Dezember ist weder spontan noch kurzfristig.“ Dafür reiche ein Blick auf den Takt, mit dem Regierungen ihre Verordnungen herausbringen. Außerdem könnten die Teststellen von einer Sekunde auf die andere entscheiden, dass sie das jetzt mit einem anderen Tool machen. Dafür bräuchten sie keine 24 Stunden Vorlaufzeit.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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