Alana Graw und Kevin Böyer arbeiten als Containment-Scouts beim Kreis Borken. © Nils Dietrich
Pandemie

Corona-Detektive: Ein Ahauser und eine Vredenerin entscheiden über Quarantäne

Ohne Menschen wie sie wäre der Kampf gegen Corona aussichtslos: Alana Graw und Kevin Böyer arbeiten beim Kreis Borken als Containment-Scouts - und entscheiden, wer in Quarantäne muss.

Kevin Böyer verbringt seine Arbeitszeit vor allem damit, schlechte Nachrichten zu überbringen. Wer im Kreis Borken positiv auf Corona getestet worden ist, bekommt einen Anruf von dem Containment-Scout und seinen Kollegen. Die sollen die weitere Verbreitung des Virus eindämmen, deswegen auch der englische Begriff „Containment“ (Eindämmung).

Und das ist häufig detektivische Kleinarbeit: Seit wann haben sie Symptome? Wo arbeiten sie? Mit wem wohnen sie zusammen? Die Infektionsketten müssen unterbrochen werden, um die weitere Verbreitung zu verhindern. Für die Betroffenen bedeutet das im Regelfall Quarantäne. „Bei manchen Leuten gehen die Telefonate sehr schnell – die sagen dann ok, alles klar“, berichtet Kevin Böyer.

Neuer Beruf dank Corona


Das seien die leichten Fälle. Andere wiederum haben einen größeren Beratungsbedarf, viele Fragen, andere wiederum seien aggressiv oder total aufgelöst ob der schlechten Nachricht und müssten beruhigt werden: „Da nimmt man sich dann schonmal zehn oder 15 Minuten.“

Kevin Böyer arbeitet seit Jahresbeginn als Containment-Scout beim Kreis Borken. Ein Beruf, der erst im Zuge der Corona-Krise entstanden ist. Die Scouts treten auf den Plan, wenn irgendwo ein positiver Corona-Test gemeldet worden ist. Die Daten werden ihnen automatisch und digital zugespielt.

Der 20-Jährige und seine Kollegen kontaktieren dann die positive Person, schicken sie in Quarantäne und – was noch viel wichtiger ist – fragen das persönliche Umfeld ab. Allein das kann sehr aufwändig sein: „Eine Person hatte neulich 70 Kontakte, für die Bearbeitung haben zwei Leute einen ganzen Tag gebraucht“, erzählt Kevin Böyers Kollegin Alana Graw.

Und dann gibt es noch Vorfälle wie kürzlich in der Großdiskothek Index in Schüttorf. Trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen waren infizierte Personen bei dem Ereignis – ebenso wie 600 Menschen aus dem Kreis Borken. „Aber weil zwei, drei Leute infiziert sind, können wir nicht 600 Leute in Quarantäne schicken“, sagt Michael Heistermann, Leiter des Kreisgesundheitsamtes. Aber die 600 Index-Besucher bekamen allesamt Anrufe aus Borken.

Ereignisse wie im Index sind derzeit – trotz aller Lockerungen – die Ausnahme. Die Fälle seien insgesamt weniger, so Alana Graw, aber dafür gebe es mehr Kontaktpersonen: „Jetzt im Sommer sind viele Leute bei Anlässen wie Familienfeiern, da hat man nun mehr zu tun.“ Die meisten Infektionen spielen sich ihrer Erfahrung nach im privaten Bereich ab, weniger auf der Arbeit, wo im Regelfall Hygienevorschriften greifen.

Langeweile kommt bei den Containment-Scouts nicht auf. Allerdings ist die Lage kaum vergleichbar mit der letzten Welle. Seinerzeit waren Überstunden der Regelfall, die Scouts konnten gar nicht so schnell arbeiten, wie die neuen Meldungen hereinkamen. In den Hochzeiten mussten bis zu 140 Fälle am Tag abgearbeitet werden – Kontaktpersonen inklusive. Darum sollten sich dann in der Spitze bis zu 50 Scouts kümmern.

Der Kreis bereitet sich auf den Herbst vor

„Die Fallzahlen knallten seinerzeit durch die Decke“, erinnert sich Michael Heistermann, als Leiter des Kreisgesundheitsamtes sozusagen der Herr der Scouts. Seinerzeit deckte der Kreis den Personalbedarf noch mit eigenen Kräften ab: „Wir mussten erst Strukturen und Workflows entwickeln. Das haben wir zunächst mit internen Kollegen gemacht.“ Damals, zu Beginn der ersten Welle, habe man die Dimension noch gar nicht erahnt, die die Pandemie annehmen würde.

Zu Beginn des Jahres gab es Verstärkung für das Team. Kevin Böyer hatte gerade sein Abitur gemacht und überbrückt nun die Zeit, bis er bei der Polizei anfängt. Alana Graw aus Vreden war zuvor Übungsleiterin und Kellnerin. Nun will sie eine Verwaltungsausbildung beim Kreis beginnen – und könnte im Bedarfsfall auch künftig als Containment-Scout zur Verfügung stehen. Michael Heistermann will jedenfalls keine Prognose abgeben, wie lange die Scouts noch benötigt werden: „Wir bereiten uns auf den Herbst vor.“

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