Derzeit liegen auf der Intensivstation im St. Marien-Krankenhaus drei Patienten. © St. Marien Krankenhaus
Corona-Pandemie

Corona im St. Marien-Krankenhaus: „Wir hatten damals alle Angst“

Die vierte Corona-Welle hat das Land fest im Griff. Auch das St. Marien-Krankenhaus in Ahaus nimmt immer mehr Covid-Patienten auf. Hier hat man aus den vergangenen Pandemie-Jahren gelernt.

Die Infektionen steigen, immer mehr Covid-Patienten müssen in Krankenhäusern behandelt werden. Von der bundesweiten Entwicklung ist auch der Kreis Borken nicht ausgenommen, wenngleich die Lage bei weitem nicht so dramatisch ist wie etwa in Bayern und Sachsen. Trotzdem bekommen die Hospitäler die Corona-Welle bereits zu spüren: „Die Inzidenz ist gerade sehr hoch, Neuerkrankungen sind hoch, wir sehen das 14 Tage später“, sagt Dr. Thomas Westermann, Chefarzt der Inneren Medizin am St. Marien Krankenhaus in Ahaus.

„Die Corona-Station war zwischenzeitlich geschlossen, jetzt liegen hier 18 Patienten. Die Intensivstation war leer, jetzt haben wir hier drei Patienten. Die Kurven spiegeln sich eins zu eins wider.“

Die Lage im Kreis Borken ist momentan überschaubar: „Derzeit kommen fast alle Patienten in Ahaus aus dem Nordkreis“, unterstreicht Dr. Thomas Westermann. Gleichwohl: Das ist möglicherweise nur die Ruhe vor dem Sturm. Wenn die Krankenhäuser in anderen Teilen der Republik oder in den Niederlanden überlastet sind, werden Covid-Patienten vielleicht auch nach Ahaus verlegt.

„Derzeit gibt es noch keine Zuweisungen“, so Dr. Thomas Westermann. „Aber das kann sich schnell ändern.“

Impfdurchbrüche keine Ausnahmeerscheinung mehr

Am St.-Marien-Hospital gibt es 17 Intensivplätze, auf allen können die Patienten, wenn nötig, beatmet werden. Fünf weitere Betten können bei Bedarf hinzugeschaltet werden. Derzeit befinden sich auf der Intensivstation in Ahaus drei Menschen jenseits der 50 Jahre. Zwei von ihnen sind geimpft.

„Es ist erkennbar, dass die Booster-Impfung wichtig ist“, betont Thomas Westermann. „Gerade bei älteren Menschen lässt die Wirkung der Impfung nach.“ Impfdurchbrüche seien im Frühjahr noch seltener vorgekommen – inzwischen sind sie nicht mehr ungewöhnlich: „Andererseits sehen wir nur die Negativfälle und nicht die Hunderttausenden, bei denen die Impfung gut und zuverlässig vor einem schweren Krankheitsverlauf schützt.“

Um die Auffrischungsimpfung hat bekanntermaßen ein regelrechtes Rennen eingesetzt, die Hausärzte kommen nicht mehr hinterher, auch die Angebote des Kreises sind bislang nicht ausreichend. Wo die mobilen Impfteams ihre Zelte aufschlagen, stehen die Menschen in mehrere hundert Meter langen Schlangen an, um den dritten Piks zu bekommen.

Auch wer fit ist, sollte sich impfen lassen

Auf der anderen Seite gibt es immer noch Menschen, die eine Impfung ablehnen. 283.000 Menschen im Kreis sind bereits geimpft, das entspricht 76 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im bundesweiten Vergleicht ist das ein überdurchschnittlicher Wert.

Auch das Team des St. Marien hat mit Menschen zu tun, die sich nicht impfen lassen wollen und die deswegen einem stark erhöhten Risiko ausgesetzt sind, bei einer Infektion schwer zu erkranken. Erst am Montag sein ein Patient eingeliefert worden, der die Impfung verschmähte, berichtet Dr. Thomas Westermann: „Der sagt inzwischen, dass das ein Fehler war.“

Dr. Thomas Westermann ist Chefarzt der Inneren Medizin am St. Marien Hospital in Ahaus.
Dr. Thomas Westermann ist Chefarzt der Inneren Medizin am St. Marien Hospital in Ahaus. © St. Marien Hospital © St. Marien Hospital

Mit der vierten Welle ist die Diskussion über Impfverweigerer – und wie mit ihnen umzugehen ist – wieder neu aufgeflammt. Gerade erst hat die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen deutliche Verschärfungen für freiwillig Ungeimpfte beschlossen. Deren Argumentationen sind nur schwerlich nachvollziehbar: Ein Patient aus dem St.-Marien-Krankenhaus etwa war überzeugt, dass er eine Covid-Infektion überstehen würde – schließlich sei er fit.

Aus Ischgl nach Ahaus

„Das aber ist kein Argument. Auch viele Sportler können schwer erkranken“, erläutert Dr. Thomas Westermann. „Wir hatte immer auch auf der Intensivstation Patienten, die wirklich fit waren.“ Gerade zu Beginn der Pandemie seien viele aus dem österreichischen Corona-Hotspot Ischgl ins Ahauser Krankenhaus gekommen. „Der Kreis Borken fährt gerne Ski.“

Bei manchen Impfverweigerern hingegen ist die Problematik anders gelagert. Sie lehnten die Impfung nicht grundsätzlich ab, hätten aber medizinische Bedenken. Gerade bei jungen Frauen kursiert die Angst vor einer möglichen Unfruchtbarkeit durch die Impfung – ein Impfmythos, der jeglicher Grundlage entbehrt. „Viele sind nicht optimal informiert“, hat der Chefarzt beobachtet.

Dr. Thomas Westermann schätzt den Anteil der Ungeimpften auf der Corona-Station – nicht auf der Intensivstation – des Krankenhauses auf zehn Prozent. Zum Vergleich: Laut Daten des Robert Koch-Instituts waren zuletzt rund 70 Prozent der Covid-Patienten auf den Intensivstationen der Republik ohne jeglichen Impfschutz.

Die Angst ist der Routine gewichen

Immerhin: Das Personal im St.-Marien-Krankenhaus hat in den letzten beiden Jahren gelernt, mit der Pandemie umzugehen. „Die Stimmung ist gut“, sagt Oliver Anders, pflegerischer Leiter der Intensivstation. „Die Mitarbeiter sind motiviert, kennen sich mit Covid-Infektionen mittlerweile aus.“

Das sei am Anfang noch nicht so gewesen: Eine unbekannte Erkrankung, hohes Infektionsrisiko, die Bilder aus dem italienischen Bergamo, wo das Gesundheitssystem kollabiert war. „Jetzt ist das Routine, fast Normalität“, so Oliver Anders weiter. In der ersten Welle sei das nicht der Fall gewesen: „Da hatten wir Angst.“ Dr. Thomas Westermann pflichtet bei: „Die hatten wir alle.“

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