Stefan Jürgens: Nach der Corona-Krise den Klimawandel mit mehr Verantwortung angehen

mlzInterview mit Pfarrer Stefan Jürgens

Wie sehr die katholische Kirchengemeinde von der Corona-Krise betroffen ist und wie es um die Job-Sicherheit der Mitarbeiter bestellt ist, das berichtet Pfarrer Stefan Jürgens im Interview.

Ahaus

, 28.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Pfarrer Jürgens, ihr erstes Fazit nach 100 Tagen im Amt könnten Sie sich in Zeiten der Corona-Krise sicher schöner vorstellen. Wie stark ist aktuell das kirchliche Leben in Ahaus eingeschränkt?

Das kirchliche Leben ist einerseits stark eingeschränkt. Wie alle öffentlichen Veranstaltungen, sind auch Gottesdienste bis zum 19. April verboten. Um die Ansteckungsgefahr zu mindern, sind alle weiteren sozialen Kontakte reduziert worden. Seelsorge lebt aber von der persönlichen Begegnung.

Andererseits: Über die Medien und übers Telefon ist einiges an Kommunikation möglich. Viele Menschen beten und tun Gutes, manchmal auch durch Verzicht. Also ist Kirche auch jetzt lebendig.

Jetzt lesen


Sind die Kirchen komplett geschlossen?

Nein. Alle Kirchen sind geöffnet, es kommen auch sehr viele Beterinnen und Beter, selbstverständlich einzeln und mit Abstand zueinander. Den ganzen Tag brennen viele Kerzen, jeden Abend läuten die Glocken.


Wie stark sind sie als Pfarrer eingeschränkt?

Dass es keine Messfeiern gibt, tut mir in der Seele weh. Denn das ist für mich die Mitte meines Dienstes als Priester. Dennoch habe ich derzeit den ganzen Tag gut zu tun.

Ich pflege Kontakte, rufe jeden Tag Menschen an, schreibe meinen Internet-Blog mit der kleinen Gebetsschule, nehme Morgenandachten im WDR auf. Mit einigen Mitarbeitern gibt es regelmäßige Treffen, damit wenigstens eine kirchliche Task-Force wichtige und dringende Dinge regeln kann. Die Mitarbeiterinnen in den Pfarrbüros arbeiten fleißig und sind telefonisch erreichbar.

Jetzt lesen

Gerade als Pfarrer hat man mit Menschen zu tun. Wie sehr belastet Sie die aktuelle seelsorgerische Ausnahmesituation?

Die meisten Menschen gehen mit der Situation sehr verständnisvoll, ruhig und verantwortlich um. Bei allen Gesprächen ist Corona das bestimmende Thema; es gibt Sorgen und Ängste, aber auch ein hohes Potenzial an Mitmenschlichkeit.

Wie sieht Ihr aktueller Tagesablauf als Pfarrer aus?

Die Messe fehlt mir doch sehr, auch der persönliche Kontakt zu vielen Menschen, zu den Leitungsgremien, den sozialen Einrichtungen, Kindergärten und Schulen. Dennoch: Ich bete und meditiere wie sonst auch, führe viele Telefongespräche, stimme mich mit Mitarbeitern ab, schreibe deutlich mehr E-Mails als sonst, bereite schon mal Veranstaltungen vor, die in weiter Ferne liegen.

Die Kirche beschäftigt auch in Ahaus Mitarbeiter. Wie sicher sind die Jobs der kirchlich Beschäftigten?

Die Jobs – wir sprechen von einer Dienstgemeinschaft mit Mitarbeitern – sind sicher. Denn in unseren Kindergärten, sozialen Einrichtungen und Kirchen wird das Leben nach der Corona-Krise weitergehen. Die Menschen, für die wir da sein möchten, sind ja nicht weg, sie brauchen weiterhin Unterstützung und Begleitung.

Pfarrer Stefan Jürgens

Pfarrer Stefan Jürgens © Christof Haverkamp

Wird es durch die Corona-Krise für die Kirche Finanzprobleme geben?

Auf lange Sicht ganz bestimmt. Die Kirchensteuer richtet sich nach der Einkommensteuer, also nach der wirtschaftlichen Lage insgesamt. Geht es der Wirtschaft gut, ist die Kirchensteuer noch auskömmlich, gibt es hingegen wirtschaftliche Probleme, hat auch die Kirche weniger Geld zur Verfügung. Das meiste der Kirchensteuereinnahmen ist fürs Personal, das sollte man dabei immer mit bedenken.

Jetzt lesen

Oft heißt es, in jeder Krise liegt auch eine Chance – zum Beispiel sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Was wäre das aus Ihrer Sicht?

Die Chance besteht darin, dass wir mehr Gemeinsinn entwickeln, weniger egoistisch sind, stattdessen aufeinander Rücksicht nehmen. Der neokapitalistische Machbarkeitswahn ist definitiv an sein Ende gekommen, wir haben eben nicht alles in der Hand, wir sind als Menschen eine Schicksalsgemeinschaft und müssen besser zusammenhalten.

Im besten Fall werden wir nach der Corona-Krise auch den Klimawandel mit mehr Verantwortung angehen und die Flüchtlinge an Europas Grenzen endlich wie Menschen behandeln.

Wie digital sind Sie, wie digital sind die Ahauser Kirchengemeinden?

Ich bin kein Technik-Freak, aber ein bodenständiger Anwender. So versuche ich, über soziale Medien in Kontakt zu bleiben. Auch die Homepages der beiden Pfarreien, die ich leite, werden möglichst aktuell gehalten.

Im Moment versuchen wir, wenigstens die Hauptgottesdienste online zu streamen. Hier gibt es schon viele Angebote, aber eben noch nicht aus Ahaus und Alstätte-Ottenstein. Unsere Kirchenmusiker sind bereits sehr kreativ und stellen manchen musikalischen Moment ins Netz.

Die Marienkirche in Ahaus

Die Marienkirche in Ahaus © Christian Bödding

Es gibt aktuell in vielen Gemeinden Online-Gottesdienste, zu denen sich mehr Personen zuschalten, als wohl in der Kirche Platz genommen hätten. Sollten solche Angebote auch nach der Corona-Krise aufrechterhalten werden?

Es gibt gerade in Krisenzeiten eine erhöhte Sensibilität für Geistiges und Geistliches. Menschen spüren: Wo wir am Ende sind, macht Gott einen Anfang. Er verlässt uns nicht, sondern geht alle Wege mit.

Wenn bei uns in Ahaus die Webcam installiert ist, werden auch wir weiterhin Gottesdienste online streamen, aber dann werden hoffentlich die meisten Mitfeiernden in der Kirche sein und nicht am Bildschirm.

Jetzt lesen

Wie können Sie gerade die älteren Menschen erreichen, die nicht so online-affin sind?

Das ist gar nicht so einfach. Wer sich digital schwer tut, ist leider gesellschaftlich etwas abgehängt, denn das Bedienen eines Computers gehört mittlerweile zur Allgemeinbildung.

Wer nicht online-affin ist, darf aber gerne in den Pfarrbüros anrufen, es wird sich eine Seelsorgerin oder ein Seelsorger telefonisch melden und nach der Corona-Krise auch zum Gespräche einladen. Außerdem gibt es noch allerhand Drucksachen aus unseren beiden Pfarrgemeinden.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt