Corona-Lage für Ahauser Psychologen Bedrohung, aber keine große Krise

mlzPsyche und Corona

Die Corona-Einschränkungen sind für jeden eine Belastung. Ein Ahauser Psychologe sieht eine Bedrohung für die Psyche und will der aus seiner Sicht überzogenen Krisenstimmung entgegenwirken.

Ahaus

, 22.11.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kontaktbeschränkungen, Lockdown, Einsamkeit: Die Corona-Pandemie ist für jeden eine besondere Situation. Welchen Einfluss hat die aktuelle Lage auf die psychische Verfassung? Dr. Stefan Plate, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Ahaus, gibt einerseits zu: „Wir haben eine Bedrohungslage und kriegen jeden Tag etwas um die Ohren.“ Das sei natürlich belastend und auch jeden Tag Thema bei den Gesprächen in seiner Praxis.

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Andererseits lenkt er aber ein: „Das ist keine riesige Psycho-Krise, sondern eine Bedrohung wie jede andere auch.“ Beim Gespräch mit Patienten würden diese zunächst betonen, wie schlimm alles sei. Wenn man aber genauer nachfrage, würden sie auch von positiven Aspekten wie der Entschleunigung des Alltags erzählen.

Psychologe übt Kritik an medialer Berichterstattung

„Es gibt für jeden eine individuelle Bedrohungslage“, macht Stefan Plate deutlich. Manche seien durch Krankheitsfälle in der Familie oder Einschränkungen im Beruf stärker betroffen als andere. „Die Thematik ist sehr komplex“, betont der Psychologe.

„Alle sind belastet. Die Berichte in den Medien verunsichern viele Menschen sehr. Die gefühlte Bedrohung ist ja deutlich stärker als die tatsächliche“, glaubt Stefan Plate. Der 46-Jährige kritisiert, dass den Corona-Gegnern in der Berichterstattung zu viel Raum geboten werde und ständig bedrohliche Szenarien besprochen würden.

Quarantäne-Erlebnisse sind individuell unterschiedlich

„Es gibt in Ahaus aktuell etwa 150 Infizierte. Wir versuchen, unseren Patienten zu vermitteln, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass man einem über den Weg läuft“, schildert er seine Strategie.

Auch das Erleben der Erfahrungen in der Quarantäne sei von Person zu Person unterschiedlich. „Alle empfinden das als bedrohlich, egal ob ich mit meinen Patienten oder mit Bekannten spreche. Bei manchen kommt die Unklarheit, ob man nun infiziert ist, dazu“, fasst Stefan Plate zusammen.

Erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen

Die Gefahr, psychisch zu erkranken, sei in diesem Bedrohungsszenario natürlich größer. „„Eine alleinerziehende Verkäuferin im Einzelhandel kann in Zeiten des Home-Schoolings natürlich in eine Schieflage geraten“, nennt Stefan Plate ein Beispiel.

Auch für Patienten mit einer schweren Angststörung seien die Einschränkungen im Krankheitsverlauf nicht optimal. „Entweder bleiben sie eher zu Hause, was die Ängste nicht besser macht. Oder sie schotten sich von allen ab“, erklärt der Arzt.

Bei Schwierigkeiten auf jeden Fall Hilfe suchen

Wenn jemand psychische Schwierigkeiten mit der jetzigen Situation haben sollte, rät ihm Stefan Plate: „Man sollte rausgehen und sich Hilfe holen. Das muss nicht unbedingt ein Arzt sein.“ Wenn man ärztliche Unterstützung braucht, ist das nächste Problem nicht weit. „Man muss sich auf Wartezeiten im System einstellen. Das ist eine Never-Ending-Story“, weiß der Psychologe aus Erfahrung.

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In der Corona-Zeit kommen zwar weniger Menschen in seine Praxis, allerdings sei der Rückgang gering. „Man kann auf die direkten Kontakte verzichten und vieles telefonisch regeln, wenn man die Patienten kennt“, erlebt Stefan Plate.

Längere Krankschreibungen haben gesellschaftliche Ursachen

Der Trend der letzten Jahre zu immer längeren Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen bekam im Pandemie-Jahr 2020 einen weiteren Schub. Die Dauer eines durchschnittlichen psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfalls stieg bei den AOK-Mitgliedern im Kreis Borken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,4 Tage auf 32,3 Tage.

Für Stefan Plate hängt diese Entwicklung mit gesellschaftlichen Problemen zusammen: „Wenn jemand heute mit Mitte 50 einen Bandscheibenvorfall hat, ist er weniger abgesichert als früher. Irgendwann kommt man finanziell in die Bredouille, entwickelt Ängste und wird depressiv.“ Rente und Krankschreibungen seien in den Gesprächen nicht selten Thema. Auch die mediale Reizüberflutung und die Überalterung der Gesellschaft seien wesentliche Faktoren.

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