Corona-Schließungen im Einzelhandel: Das Herz im Ahauser Zentrum schlägt spürbar langsamer

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Seit Dienstagabend gilt der Erlass des Landes NRW zu kontaktreduzierenden Maßnahmen auch im Einzelhandel. Am Mittwochmorgen sind die Folgen in der Ahauser Innenstadt schon spürbar.

Ahaus

, 19.03.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Wochenmarkt sorgt an diesem Mittwochmorgen noch für Belebung in der Ahauser Innenstadt. Das wird am Donnerstag schon anders sein. Dann wird die Tragweite des Erlasses des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW für den Einzelhandel mit Verfügung des Kreises Borken mit seinen Kommunen zur Eindämmung des Coronavirus erst richtig spürbar.

Der geschärfte Blick verrät aber: Das Gros der Ladenlokale ist bereits geschlossen, Schilder weisen fast flächendeckend auf die Folgen des Erlasses hin – mit der Bitte um Verständnis – „Bleiben Sie gesund“, heißt es überall. Bewegung herrscht – abseits des Wochenmarktes – allein in den Drogerien und Apotheken im Ortskern, dort wird Grundbedarf sichergestellt.

Einzelhändler reagieren besonnen

Iris Looks sattelt gerade ihr Fahrrad. Die Mitarbeiterin von Lesezeit Bücher & mehr „wird nun sportlich“, wie sie mitteilt. Kunden werden ab sofort auf Bestellung beliefert. Da sie zum Beispiel keine Zeitschriften anbietet, treffe sie der Erlass seit Dienstagabend nun auch, erklärt Inhaberin Barbara Pfeifer.

Das Geschäft bleibt vorerst geschlossen. Und die Resonanz der Kunden sei schon vernehmbar: „Viele machen sich Sorgen um den Einzelhandel. Und sie wollen auch nach der Krise uns alle in Ahaus noch wiedertreffen.“ Sie wünscht ihrer Mitarbeiterin noch kurz „Gute Fahrt“ – und dreht den Schlüssel im Schloss schnell wieder um.

Als Zeitschriftenhändler und Poststelle dürfen Frank und Michaela Schaten ihr Geschäft vorerst weiter betreiben - mit entsprechenden Hygienevorschriften.

Als Zeitschriftenhändler und Poststelle dürfen Frank und Michaela Schaten ihr Geschäft vorerst weiter betreiben - mit entsprechenden Hygienevorschriften. © Michael Schley

Da er eben Zeitschriften liefert und eine DHL-Poststelle betreibt, darf Frank Schaten sein Geschäft an der Bahnhofstraße vorerst weiter betreiben. Dass die zugelassenen Verkaufsstellen im Sinne des Ladenöffnungsgesetzes erforderliche Maßnahmen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen treffen müssen, das haben er und seine Frau Michaela, die selbst Handschuhe trägt, umgesetzt.

Besondere Hygienevorschriften werden befolgt

Ein Aushang weist darauf hin, dass nur der Nebeneingang geöffnet ist und dass jeweils nur ein Kunde Zugang erhält sowie Abstand zu wahren ist. Auch ein Abholdienst als Dienstleistung werde noch realisiert – zum Beispiel für wichtige Drucksachen. „Alles, was schnell geht“, bringt Frank Schaten das aktuell dringend Erforderliche auf den Punkt. Man werde nun wachsam mögliche „weitere Eskalationsstufen“ verfolgen und danach weiter handeln.

Ebenso eine Ausnahme zum Erlass des Landes NRW für den Einzelhandel erfüllt die Textilreinigung Queengard. Abrhet Beyene und Team führen unter anderem Rettungsdienste, Feuerwehr und DRK als Kunden.

Ebenso eine Ausnahme zum Erlass des Landes NRW für den Einzelhandel erfüllt die Textilreinigung Queengard. Abrhet Beyene und Team führen unter anderem Rettungsdienste, Feuerwehr und DRK als Kunden. © Michael Schley

In der Nachbarschaft ist die Filiale von Queengard ebenso geöffnet an diesem Mittwochmorgen. Auch (Textil-)Reinigungen zählen zu den Ausnahmen zum Erlass. Ein Aufhänger: „Wir reinigen auch für die Feuerwehr, fürs das Deutsche Rote Kreuz oder auch für Rettungssanitäter. Da muss es oft auch sehr schnell gehen“, berichtet Filialleiterin Abrhet Beyene.

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Auch sie sorgt für umfassende Hygienemaßnahmen: „Wir desinfizieren die Theke nach jedem Kundenkontakt.“ Zu diesen Vorsichtsmaßnahmen sehe man sich quasi verpflichtet – die Krise treffe nun mal jeden und man müsse nun „auch an seinen Nachbarn denken“. Und dies, obwohl nun die Hochsaison mit Schützenfesten, Kommunion oder auch Hochzeiten eigentlich starten würde.

Mehmet Gürbüz hat sieben die Mitteilung der Firmenzentrale erhalten: Der O2-Shop wird ab sofort ebenfalls bis auf Weiteres geschlossen.

Der Aushang macht es deutlich: Mehmet Gürbüz hat soeben die Mitteilung der Firmenzentrale erhalten: Der O2-Shop wird ab sofort ebenfalls bis auf Weiteres geschlossen. © Michael Schley

Am Mittwochmorgen habe man noch die Erlaubnis seitens des Unternehmens, zu öffnen, berichtet Mitarbeiterin Melanie Greifeld von Apollo Optik. Da Menschen auf eine Brille angewiesen sein können – beispielsweise auch für den Beruf -, falle man unter die Grundversorgung, erklärt sie.

Mehmet Gürbüz hat soeben eine Mitteilung aus der Firmenzentrale erhalten: Der O2-Shop am Markt wird ab Donnerstagmorgen ebenfalls geschlossen, den entsprechenden Aushang hat der Franchisenehmer soeben ausgedruckt. Das Gleiche gilt für den Vodafone-Shop nebenan. Vorbereitet auf die nun „enorm dynamische Entwicklung“ habe man sich schon länger, erklärt Gürbüz: „Wir haben schon durch Tische sichergestellt, dass der Abstand zum Kunden gewahrt wird.“

Unternehmen stellen Erreichbarkeit sicher

Auch wenn die Sicherstellung von Kommunikation wichtig sei, so stehe nun die Sicherheit im Mittelpunkt. In dringenden Fällen bleibe man erreichbar – zum Beispiel per WhatsApp. „Wir hatten uns schon vergangene Woche darauf eingestellt, dass diese drastischen Maßnahmen kommen können“, betont Gürbüz noch einmal.

So wie bei Steingrube Mode weisen nahezu flächendeckend Aushänge auf die Schließung der Ladenlokale hin. Petra Steingrube-Rittmann hatte als Vorsitzende des Gewerbevereins noch am Dienstagabend einen Appell an die Ahauser Einzelhändler gerichtet.

So wie bei Steingrube Mode weisen nahezu flächendeckend Aushänge auf die Schließung der Ladenlokale hin. Geschäftsführerin Petra Steingrube-Rittmann hatte als Vorsitzende des Gewerbevereins noch am Dienstagabend einen Appell an die Ahauser Einzelhändler gerichtet. © Michael Schley

Und Gürbüz zeigt noch eine Empfehlung des Ahauser Gewerbevereins, in der die Mitglieder am Dienstag darum gebeten wurden, auch die Geschäfte des „nicht alltäglichen Bedarf“ bis auf Weiteres zu schließen.

„Wir wollten mit einer Gemeinschaftsaktion ein Zeichen setzen – eine deutliche Vorsichtsmaßnahme. Nur wenn alle an einem Strang ziehen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, kommen wir durch diese Krise“, erklärt die Vorsitzende Petra Rittmann-Steingrube.

Die Empfehlung erfolgte auch, weil vielfach noch spürbar Unsicherheit geherrscht habe, da noch keine Meldung von offizieller Stelle vorgelegen hatte. Die Realität in ihre ganzen Dynamik hatte diese Empfehlung mittlerweile schon überholt…

Erlass für den Einzelhandel

  • Der Erlass des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW mit einer Fortschreibung vom Dienstag sieht für den Einzelhandel folgende Regelungen als kontaktreduzierende Maßnahme vor.
  • Bis auf einige Ausnahmen sollen ab dem 18. März alle Geschäfte geschlossen bleiben. Nicht betroffen sind Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Wochenmärkte, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Poststellen, Reinigungen, Waschsalons, der Zeitungsverkauf, Bau-, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte und der Großhandel.
  • In diese Ausnahmeregelung hatte das Land auch Frisöre inbegriffen, diese müssen aufgrund der Verfügung des Kreises Borken mit seinen Kommunen allerdings doch schließen.
  • Folgenden Geschäften ist bis Weiteres auch die Öffnung an Sonn- und Feiertagen von 13 bis 18 Uhr gestattet (dies gilt nicht für Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag): Geschäften des Einzelhandels für Lebensmittel, Wochenmärkten, Abhol- und Lieferdiensten sowie Apotheken, außerdem Geschäften des Großhandels.
  • Auch könnten Dienstleister und Handwerker ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen, heißt es in dem Schreiben des Gesundheitsministeriums an die Kommunen.
  • Sämtliche Verkaufsstellen im Sinne des Ladenöffnungsgesetzes müssen die erforderlichen Maßnahmen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen treffen.
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