Der Ton in Altenheimen wird rauer – Mitarbeiter müssen es ausbaden

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Gerne freitags verkündet Minister Karl-Josef Laumann Lockerungen für Altenpflegeheim-Besuche. Aber: Nach wie vor gelten dort viele Regeln. Das sorgt für Ärger. Den bekommen die Mitarbeiter ab.

Ahaus

, 25.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vergangenen Freitag war es wieder einmal soweit: Caritas-Vorstand Matthias Wittland hört auf dem Nachhauseweg im Radio von Lockerungen bei Besuchen von Angehörigen bei Senioren, die in Pflegeheimen leben. Umarmungen seien „ab jetzt“ möglich, hieß es da über die neue Allgemeinverfügung, die das zuständige NRW-Ministerium veröffentlicht hatte. Die Einrichtungen im Land aber hatten darüber keine Info erhalten. Und somit keine Zeit, sich vorzubereiten.

Vor der Umarmung ist noch einiges zu beachten

„Was nicht gesagt wurde, ist ja, welcher Ablauf damit verbunden ist“, sagte Matthias Wittland im Gespräch mit der Redaktion. Denn vor der Umarmung muss der – zuvor angemeldete – Besucher sich mit Namen in eine Liste eintragen und muss seine Temperatur messen lassen. Dann müssen er und sein Angehöriger sich die Hände desinfizieren, dürfen sich umarmen – und dann wieder tunlichst 1,50 Meter Abstand halten. Und nach dem Besuch heißt es wieder: Hände desinfizieren.

Er hat durchaus Verständnis für Angehörige, die angesichts von erlaubten Stammtisch-Treffen und offenen Freibädern davon ausgehen, dass es auch bei Besuchen im Pflegeheim lockerer zugeht. Gleichwohl appelliert er an alle, Verständnis für die Leitungen der Einrichtungen aufzubringen, die allzu großer Lockerheit einen Riegel vorschieben. „Die Regelungen sind dringend notwendig. Wir haben es doch hier erlebt in Gronau“, sagt Wittland mit fast flehendem Unterton.

13 Bewohner und zehn Mitarbeiterinnen im City-Wohnpark in Gronau, eine von sechs Einrichtungen des Caritas-Verbandes, hatten sich insgesamt infiziert, drei Bewohnerinnen verstarben mit Covid-19. Eine schlimme Zeit. Deswegen ist für den Caritas-Vorstand wichtig, dass nach wie vor die Hygienevorgaben eingehalten werden. „Wir werden die Verordnung anwenden“, sagt er mit Blick auf die jüngsten Ankündigungen. Nicht nur die Umarmungen, sondern auch, dass die Bewohner mit ihren Gästen zum Beispiel ins Café gehen dürfen oder dass ab dem 1. Juli Bewohner ihre Besucher wieder auf ihren Zimmern besuchen können.

Großer Personaleinsatz in den Einrichtungen nötig

Das bedeute nur längst nicht, dass jederzeit Besuche möglich seien, schränkt Wittland ein. „Die Tücke liegt ja im Detail“, sagt er. Und damit alles so läuft wie vorgeschrieben, ist ein großer Personaleinsatz in den Einrichtungen nötig. Eine Anmeldung ist nach wie vor notwendig. Und dann muss ja jeder Gast wie oben beschrieben empfangen werden. Das ist zeitaufwendig. „Auch wenn wir unsere Zusatzkosten geltend machen können, wie in der Verordnung steht: Wir haben gar keine Leute dafür“, zeigt der Caritas-Vorstand das Problem auf.

Nach den anstrengenden Wochen hätten nun Mitarbeiter auch mal gerne ein Wochenende frei. „Das ist verständlich“, betont Matthias Wittland. Um den organisatorischen Aufwand der Besuche überhaupt zu bewältigen, habe die Caritas Ahaus-Vreden in ihren Einrichtungen mittlerweile Mitarbeiter aus der Verwaltung für die Koordination abgestellt, berichtet er: „Dann müssen andere Sachen eben mal liegen bleiben.“

Appell an Angehörige, verantwortungsbewusst zu sein

Dass die Angehörigen sich bei den Besuchen an den Abstand halten, sich die Hände nachher desinfizieren oder bei den Außer-Haus-Gängen vernünftig verhalten – da können alle nur appellieren und nicht kontrollieren, sagt der Caritas-Vorstand. Allerdings gebe es auch in der Verordnung Widersprüche. „Ein Besuch im Heim ist schwieriger als mit Bewohnern draußen spazieren zu gehen“, erklärt Matthias Wittland.

Beim Verlassen des Hauses müsse lediglich unterschrieben werden, dass man sich an die Schutzregeln halte, aber eine Kontrolle sei natürlich nicht möglich. Neulich habe ein Bewohner mit einem Angehörigen den im Krankenhaus liegenden Bruder besucht. Das bleibe ohne Konsequenzen, andererseits müssten aus einer Klinik aufgenommene Bewohner erst einmal 14 Tage isoliert werden. Das Gleiche gelte für Gäste der Kurzzeitpflege.

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Wenn es denn zu einem Corona-Ausbruch in einer Einrichtung komme, dann kämen schnell die Angestellten in den Fokus, wenn es um die Verantwortung geht. Matthias Wittland möchte sich vor die Mitarbeiter stellen. Auch, was sie als Blitzableiter angeht. Denn eins haben alle festgestellt. Der Ton wird rauer, Angehörige fordern teilweise immer nachdrücklicher mehr Besuchsmöglichkeiten in den Altenheimen ein. Und die Mitarbeiter bekommen den Ärger ab.

Soziale Kontakte sind wichtig für das Wohlbefinden

Allen Verantwortlichen in den Einrichtungen sei bewusst, wie wichtig der soziale Kontakt für das seelische und damit auch körperliche Wohlbefinden der Bewohner sei. Aber: „Nach wie vor aber bleiben die Bewohner in den Altenheimen besonders gefährdet und die Heimleitungen verantwortlich, wenn das Corona-Virus einen Weg hinein findet“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der Diözesan-Caritas.

Caritas verweist bei Beschwerden an Schlichtungsstelle

Unbefriedigend bleibt die Situation insgesamt für den Caritas-Vorstand. Können sich Angehörige und Heimleitungen über Besuche nicht einigen und eskaliert der Streit, rät er den Heimleitungen, auf die im Landesgesundheitsministerium dazu eingerichtete Schlichtungsstelle zu verweisen. Wobei die nicht einfach zu finden sei. Mit etwas Spürsinn könne man die Mailadresse dialogstelle@lbbp.nrw.de und die Telefonnummer 0211-855 4780 finden.

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