Doktorand bei VW und Finanzblogger: Raphael Stange (27) meistert beruflichen Spagat

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Der gebürtige Ottensteiner Raphael Stange (27) hat trotz seines jungen Alters schon viel erlebt. Studium in Enschede und Schweden, Doktorand bei Volkswagen und selbstständiger Finanzblogger.

Ahaus

, 04.06.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Raphael Stange wechselte nach seinem Realschulabschluss 2008 auf die Canisiusschule. Die Hürde Abitur übersprang er mit Leichtigkeit und trat danach sein Studium auf der anderen Seite der Grenze an der Universität Twente an. Im vergangenen Jahr wurde er ins Doktorandenprogramm von Volkswagen aufgenommen und hat sich nebenbei selbstständig gemacht. In Teil fünf unserer Serie „Erst das Abi, und was dann?“ spricht er über seinen spannenden Berufsweg.

Nur 25 Kilometer trennen ihre Heimat Ottenstein und die Uni Twente. War das der Grund, warum Sie ihr Studium in Enschede antraten?

Ich wusste, dass ich direkt nach dem Abi studieren möchte. Aus verschiedenen Gründen wollte ich aber nicht aus der Region weg. Da gab es nicht so viele Optionen, und die Uni Twente genießt einen sehr guten Ruf in den Wirtschaftswissenschaften. Die Studiengebühren sind mit 1750 Euro pro Jahr außerdem vergleichsweise überschaubar.

Wie war der erste Eindruck?

Es ist eine riesige, sehr moderne Universität. Technisch immer auf dem neusten Stand.

War die Sprache kein Hindernis?
Ich hatte vier Jahre Niederländisch an der Realschule, aber das brauchte ich während meines Studiums fast gar nicht. Die Kurse waren auf Englisch. Und da stieß ich tatsächlich an meine Grenzen, weil ich in der Oberstufe nur einen Grundkurs hatte. Irgendwann hat es sprachlich aber Klick gemacht. Danach war es deutlich leichter.

Haben Sie im Gespräch mit Freunden Unterschiede zu deutschen Unis festgestellt?

Ja, von den Studenten wird viel mehr Eigenarbeit verlangt. Zu jedem Kurs muss zum Beispiel ein circa 700 Seiten langes Buch durchgearbeitet werden. Vorlesungen wie sie an deutschen Universitäten üblich sind, gibt es kaum. In manchen Dingen sind die Niederländer aber auch einfach relaxter. Zum Beispiel, was Abgabefristen betrifft.

Wie ticken die Dozenten?

Insgesamt war das Verhältnis zu den Dozenten sehr angenehm. Aber es war teilweise schwierig, gute Noten zu erhalten. Gerade am Anfang war das Pensum extrem – vor allem, um in einem großen Studiegang wie den Wirtschaftswissenschaften auszusortieren. Von 300 Studienanfängern kamen am Ende 100 durch.

Sie studierten bereits im Ausland. Warum zog es sie dennoch für ein Semester nach Schweden?
(lacht) Das Studium in Enschede zählt als Auslandsstudium, aber für mich gab es irgendwann den Zeitpunkt, an dem es mich gereizt hat, einmal wo ganz anders zu wohnen. Nach Enschede pendelte ich ja aus Ottenstein. Und es war genau die richtige Entscheidung. Rückblickend kann ich sagen, dass ich durch diese Erfahrung viel weltoffener geworden bin. Außerdem war für mich von da an klar, dass ich nicht zwingend ins Münsterland zurückkehren muss.

Wie fanden Sie nach Ihrem Abschluss in die Berufswelt?

Der Studiengang sieht ein dreimontatiges Pflichtpraktikum vor. Das habe ich bei dem Unternehmen Dräger in Lübeck absolviert. Sie produzieren unter anderem Beatmungsgeräte, Alokoholtester und Feuerwehrhelme. Hier habe ich mir meine ersten Sporen verdient. Offenbar stellte ich mich nicht allzu schlecht an, denn sie nahmen mich in ein Förderprogramm auf.

Welche Vorteile hatten Sie dadurch?

Sie luden mich zum Beispiel zu Schulungen ein, zahlten Anreise und Hotel. Außerdem hielten sie mich mit Stellenausschreibungen auf dem Laufenden. Irgendwann klappte es dann. Zweieinhalb Jahre hab ich für Dräger gearbeitet und war für den strategischen Einkauf zuständig.

Den Master haben Sie quasi nebenbei gemacht...

(lacht) Für die Kurse, bei denen Anwesenheitspflicht herrschte, habe ich mir extra Urlaub genommen. Sagen wir mal so: Während der Masterarbeit blieb nicht wirklich viel Zeit für Freizeit.

Es klingt so, als fühlten Sie sich bei Dräger sehr wohl. Warum wechselten Sie nach dem Master zu Volkswagen?
Ich hatte zunächst tatsächlich vor, meinen Doktor bei Dräger zu machen, aber das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Volkswagen war dann eine sehr, sehr reizvolle Adresse und ich war froh, als sie nach meiner Bewerbung Interesse zeigten. Nach dem Vorstellungsgespräch entschieden sie, mich in ihr Doktorandenprogramm aufzunehmen. Seitdem lebe ich in Wolfsburg.

In welchem Bereich promovieren Sie?

In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit der Fragestellung, wie genau Organisationen – zum Beispiel Volkswagen – ihre Kunden mithilfe digitaler Services begeistern können. Im Tagesgeschäft arbeite ich in der technischen Entwicklung bei Volkswagen im Bereich der mobilen Online-Dienste. Wir sorgen dafür, dass die Services – wie zum Beispeil das Infotainment-Paket – stabil laufen. Falles mal irgendwo Probleme geben sollte, erarbeiten wir technische Lösungen.

Wie ist aktuell der Draht zur Uni Twente und Ihrem Doktorvater?

Wir stehen in regelmäßigem Kontakt und haben ein gutes Verhältnis. In meinem dreijährigen Arbeitsvertrag bei VW ist es so geregelt, dass ich 51 Prozent meiner Arbeitszeit in die Doktorarbeit investiere und 49 Prozent in das Alltagsgeschäft. Es ist eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis, die ich mir auch in meiner beruflichen Zukunft vorstellen kann.

Inwiefern?
Wenn ich meinen Doktortitel irgendwann in der Tasche haben sollte, möchte ich dennoch weiter mit der Universität Twente zusammenarbeiten. Ich könnten mir vorstellen, 70 Prozent für ein Unternehmen und zu 30 Prozent für die Uni zu arbeiten. Die Arbeit mit jungen Menschen reizt mich sehr. Aber das sind bisher nur Überlegungen.

Könnte dieses Unternehmen auch nach Ihrem Doktor VW heißen?

Ich erlebe den Wandel der Automobil-Branche hautnah. Ein spannenderes Aufgabenfeld kann ich mir aktuell nicht vorstellen. Ich sehe die Automobilbranche nicht vor dem Ende!

Sie haben sich aber auch schon ein zweites Standbein aufgebaut...
Mit meinem Betreuer bei VW habe ich mich selbstständig gemacht. Wir interessieren uns beide für Aktien und Finanzen und finden es beide schade, dass sich in Deutschland so wenige für diese Themen interessieren. Wir haben uns einen eigenen Lehrauftrag gegeben und auf www.kreativ-investieren.de einen Finanzblog gestartet. Wir versuchen, die Themen so verständlich wie möglich aufzubereiten und uns mit der Community zu vernetzen. Jeden Sonntag erscheint ein Blog-Beitrag. Es ist ein Hobby, weil wir einfach Spaß daran haben.

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