Ein Unwort macht die Runde

"Gutmensch"

Gutmensch? In Enver Gürbüz' Wörterbuch, das er sich zugelegt hat, als er 1982 nach Deutschland kam, taucht das Wort "Gutmensch" gar nicht auf. Auch zum eigenen Wortschatz zählt es der Vorsitzende des türkisch-islamischen Kulturvereins in Ahaus nicht. Gestern wurde diese Vokabel von einer Jury zum Unwort des Jahres 2015 erklärt. Einige Stimmen aus Ahaus:

AHAUS

, 12.01.2016, 19:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Auf einem Smartphone ist die Definition des Wortes „Gutmensch“ zu sehen. „Gutmensch“ wurde zum „Unwort des Jahres 2015“ gewählt.

Auf einem Smartphone ist die Definition des Wortes „Gutmensch“ zu sehen. „Gutmensch“ wurde zum „Unwort des Jahres 2015“ gewählt.

Für Gürbüz bedeutet "Gutmensch" eigentlich nur etwas Positives: "Ein guter Mensch ist einer, der sich zum Wohle der Allgemeinheit einsetzt."

Es wird mit Worten und Gefühlen gespielt

Und sofort fällt ihm die Hilfsbereitschaft der Nachbarin und anderer Menschen ein, die ihm und seiner Familie in den Anfangsjahren in Deutschland geholfen haben. "Ohne diese Freunde der ersten Stunde hätte es mit dem Einstieg in die neue Heimat nicht geklappt." Erst durch die Anfrage unserer Zeitung erfährt er von der anderen, von der negativen Bedeutung des Wortes vor allem im vergangenen Jahr und hat darauf spontan eine Erklärung: "So wie mit Worten gespielt wird, so passiert das auch mit den Gefühlen und letztlich mit der Menschenwürde."

Pfarrer Heinrich Plaßmann (St. Mariä Himmelfahrt) hält die Entscheidung der Jury für richtig: "Es handelt sich um ein zeitgeschichtliches Wort, das etwas bezeichnet, was aktuell diskutiert wird - zwischen Pegida und Willkommenskultur." Wer jemanden als "Gutmenschen" tituliere, meine damit keinen "guten Menschen", sondern wolle eigentlich sagen "du hast ja keine Ahnung, bedenkst nicht die Folgen deines Handelns". Und genau daran sehe man, auf welcher Ebene, mit welcher Schärfe die Auseinandersetzung geführt werde.

Ehrenamtliche werden als naiv abgetan

Ähnlich argumentiert Angelika Litmeier (Freiwilligen Agentur Handfest) und begrüßt den Jury-Entscheid: "Da werden Ehrenamtliche als naiv und ohne Weitblick abgetan, das ist einfach nicht angemessen, eine falsche, pauschale Verurteilung." Trotz aller unterschiedlicher Motive der Helfer verschließe man nicht die Augen vor Problemen: "Es geht nicht darum ‚nur' zu helfen, sondern immer auch um weiterführendes Mitwirken."

Ulrike Perusic, Mitglied der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Ahaus, wurde für ihr Engagement selbst schon von Menschen aus der Region als Gutmensch bezeichnet. Ihr sei natürlich klar, dass das Wort abwertend gemeint sei. Dennoch sagt sie auch: "Ich verstehe den Begriff eigentlich gar nicht." Die Bezeichnung für einen guten Menschen werde als Schimpfwort verwendet? Perusic fragt, welche Philosophie hinter der abwertenden Nutzung des Wortes stecken mag. "Soll ich mich für Freundlichkeit entschuldigen?", fragt sie. Als Helferin will sie sich auch in Zukunft für die Belange der Flüchtlinge und Asylbewerber in der Stadt stark machen. Ganz unabhängig davon, wie ihr Engagement bewertet werde. "Ich bin Christ und als solcher versuche ich, zu handeln", sagt sie klipp und klar.

Menschen nicht verunglimpfen

Pfarrer Olaf Goos von der Evangelischen Christusgemeinde Ahaus kennt den Begriff nur aus den Medien. Vor Ort habe er ihn so noch nicht wahrgenommen. "Ich weiß gar nicht, wann sich der Begriff so ins Negative verkehrt hat", so Goos. Denn eigentlich handele es sich ja um ein gutes Wort. "Menschen, die sich bemühen, gut zu handeln, sollte man nicht verunglimpfen", sagt er.

Dieter Homann, UWG-Lokalpolitiker und Vorsitzender des Sozialausschusses der Stadt Ahaus, hätte lieber noch ein anderes Unwort gekürt, sagt er: "Pegida." Auch er bedauert, dass Menschen, die aus eigenem Interesse und Antrieb helfen, so verächtlich behandelt werden. Diese Reaktion habe er aber bisher in erster Linie aus dem Überregionalen erfahren. In Ahaus und Umgebung überwiege die Hilfsbereitschaft die Kritik bei Weitem.

 

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt