Einblicke in den Corona-Alltag: Attila und der Große Kürbis

Coronavirus

In diesen Corona-Krisenzeiten schießen Verschwörungstheorien wie Unkraut aus dem Boden. Mal ist Bill Gates Schuld an der Misere, mal ein neuer Mobilfunkstandard.

Ahaus

, 13.05.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Attila Hildmann wird bei einer Demonstration vor dem Reichstagsgebäude von Polizisten abgeführt.

Attila Hildmann wird bei einer Demonstration vor dem Reichstagsgebäude von Polizisten abgeführt. © picture alliance/dpa

Mit zunehmender Corona-Krisendauer muss ich feststellen, dass die Weltanschauung mancher Zeitgenossen nicht über den eigenen Tellerrand reicht. Mir selbst reicht dazu ein Blick auf Facebook.

Diesen einigermaßen doppeldeutigen Einstieg in meinen Text haben Sie meinen Kollegen zu verdanken. Meine Homeoffice-Kolumnen aus dem Corona-Alltag seien doch ein bisschen zu negativ, hieß es jüngst.

„Schreib doch mal was Fröhliches!“

„Das Homeoffice bekommt ihm nicht“, vermutete zu Wochenbeginn schon ein Kollege in einer Telefonkonferenz. „Schreib doch mal was Fröhliches!“ wurde mir geraten.

Ach, wenn es in diesen Krisenzeiten doch nur so einfach wäre. Natürlich ist Licht am Ende des Tunnels, geht es nach einem tiefen Tal wieder bergauf, muss es erst schlechter werden, bevor es wieder besser wird. Aber das sind Floskeln, nichts als Floskeln. Darum kann ich auch heute Ihnen und mir nicht ersparen, den Finger wieder ein wenig in die Wunde zu legen.

Lässiger Spültuchträger

Seit Tagen lese und höre ich von irgendeinem veganen Starkoch mit dem Namen Attila Hildmann. Auf seiner Internetseite sieht er noch ganz angenehm aus. Da zupft er mit den Fingern irgendein Kraut und trägt lässig ein Spültuch über der Schulter.

Bundesweit bekannt wurde Hildmann am Wochenende bei einer Demo gegen die Corona-Beschränkungen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Der Vegankoch hatte im Internet zu einer Teilnahme aufgerufen.

„Spahnferkel“

Attila Klaus Peter Hildmann, so sein vollständiger Name, spricht auf Facebook von Hochverrat am Deutschen Volk, bezeichnet den Gesundheitsminister schon mal als „Spahnferkel“ und die Corona-Krise als eine ausgedachte Krise von Geheimbündlern.

Hildmann befürchtet eine Zwangsimpfung und einen Überwachungsstaat. Er ist nicht der einzige. In der Corona-Krise blühen die Verschwörungstheorien. Hier meine Hitliste. Auf Platz Nummer drei: Das Coronavirus wird über den 5G Mobilfunk verbreitet. Auf Platz Nummer zwei: Multimilliardär Bill Gates will mit dem Coronavirus über die nationalen Regierungen eine globale Gesundheitsdiktatur errichten. Auf Platz Nummer eins: Das Coronavirus ist harmlos.

Peanuts-Zeichentrickfilm

Die meiner Meinung nach schönste Verschwörungstheorie ist 54 Jahre alt und hat überhaupt nichts mit dem Coronavirus zu tun. Es geht um einen wunderbaren Peanuts-Zeichentrickfilm von 1966 und den Großen Kürbis.

Linus glaubt an den Großen Kürbis. Der erscheint zu Halloween und bringt den Kindern Geschenke. Linus wartet und wartet – vergeblich. Der Große Kürbis kommt nicht. Linus ist das egal. Er will auch nächstes Jahr an Halloween wieder auf den Großen Kürbis warten.

Verschwörungstheoretiker Linus kann ich seit Jahrzehnten bei seiner Warterei zusehen, ohne dass mir langweilig wird. Attila Hildmann schaffe ich nicht mal eine Minute. Ob sich in 54 Jahren noch jemand an den Verschwörungstheoretiker Hildmann erinnert? Vielleicht wird ja ein veganes Kochrezept von ihm die Zeiten überdauern. Wobei... dann doch lieber die Verschwörungstheorie.