In Enschede in den Niederlanden ist jeden Sonntag verkaufsoffen. In Ahaus gibt es deutlich strengere Vorgaben. Doch dem Einzelhandel bieten sich Alternativen, um die Kaufkraft zu binden.

Ahaus

, 18.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

In Enschede weiß man sonntags schon Bescheid: „Daar zijn ze weer, de Duitsers.“ Da sind sie wieder, die Deutschen. Auch aus Ahaus. All jene, die der Sonntagsruhe entfliehen, um im nahen Enschede in den Niederlanden einzukaufen. Dort ist seit Oktober 2018 jeder Sonntag verkaufsoffen. In ganz Enschede – auch außerhalb des Zentrums – ist es den Ladenbesitzern überlassen, ihre Läden sonntags von 12 bis 17 Uhr zu öffnen. Dann ist Enschede „die deutscheste Stadt Hollands“.

Anders als in Deutschland, wo die Länder über die Ladenöffnungszeiten bestimmen, dürfen das in den Niederlanden die Kommunen selber regeln. Die Ahauser Geschäftsleute können da nur neidisch über die Grenze schauen. Enschede sei nur einen Katzensprung entfernt. Es gebe eine infrastrukturell gute Innenstadt und jeder Verkäufer spreche perfekt Deutsch, sagt Petra Steingrube-Rittmann, die Vorsitzende des Gewerbevereins Ahaus und Geschäftsführerin des Modehauses Steingrube. „Wir wissen, dass viele Bürger unserer Stadt des Öfteren dorthin fahren, um sonntags ein schönes Erlebnis zu haben und dabei ihr Geld dort auszugeben.“

Auseinandersetzung mit Verdi

Was in Enschede so einfach ist, ist in Nordrhein-Westfalen ziemlich kompliziert. Hier wird um jeden verkaufsoffenen Sonntag gefeilscht. Vor allem mit der Gewerkschaft Verdi. Zuletzt ging es um den Ahauser „Winterzauber“ und die Ladenöffnung am 9. Dezember. „Für uns sind die verkaufsoffenen Sonntage enorm wichtig“, sagt Petra Steingrube-Rittmann. „Wir bekommen durch sie auch Auswärtige und andere Kunden in die Stadt.“

Kaufkraftabfluss

Natürlich würden die Ahauser den Ahauser Geschäftsleuten nicht erzählen: „Wir waren am Sonntag in Enschede und kaufen jetzt nicht bei euch.“ Aber die Gewerbevereinsvorsitzende und ihre Kollegen merken schon, dass sich die Sonntagsöffnung in Enschede auf Ahaus auswirkt. Den Kaufkraftabfluss – die negativen Auswirkungen auf den Umsatz der Ahauser Händler – schätzt der Gewerbeverein auf rund zehn Prozent.

„Während hierzulande die Läden geschlossen bleiben, fahren viele Besucher über die Grenze ins Nachbarland“, hat auch Claudia Platte festgestellt. Sie ist seit Anfang 2018 Geschäftsführerin von Ahaus Marketing und Touristik (AMT). Auch der Ahauser Einzelhandel verliere Kundschaft wegen der liberalen Öffnungszeiten an die Nachbarn. „Die Argumente für ein generelles Verbot sind völlig aus der Zeit gefallen. Viele Menschen finden sonntags entspannter Zeit zum Einkaufen“, sagt sie.

„Einzelhandel von zentraler Bedeutung“

Ähnlich sieht es die Stadtverwaltung Ahaus. „Angesichts des wachsenden Online-Handels sind verkaufsoffene Sonntage ein wichtiges Instrument des Stadtmarketings, um die Vitalität der Innenstädte aufrecht zu erhalten. Eine liebenswerte Stadt lebt von ihren Akteuren. Der Einzelhandel ist von zentraler Bedeutung für das Ziel, lebendige und attraktive Innenstädte zu erhalten“, erklärt Stadtsprecherin Anna Reehuis.

Verdi-Resolution

„Lasst den Sonntag in Ruhe!“ ist hingegen eine Resolution der Bezirkskonferenz des Verdi-Bezirkes Münsterland überschrieben, die sich an die Städte und Gemeinden in NRW richtet. Statt ihre Freizeit mit der Familie und Freunden zu verbringen, sollen die Beschäftigten des Einzelhandels auch am Sonntag in den Geschäften stehen. Ein Ansinnen, das Verdi strikt ablehnt.

Hintergrund ist das vom Landtag NRW mit den Stimmen von CDU, FDP und AfD verabschiedete neue Ladenöffnungsgesetz. Diesen „Angriff“ auf die Freizeit der Beschäftigten im Einzelhandel weist Verdi zurück. Die Ausweitung der Sonntagsarbeit im Einzelhandel sei ein Angriff auf die Rechte der Beschäftigten im Einzelhandel. Ohne gemeinsamen freien Sonntag kein gemeinsamer Familienausflug, keine gemeinsamen Unternehmungen, keine Teilhabe an kulturellen, politischen und gewerkschaftlichen Angeboten.

Petra Steingrube-Rittmann vom Gewerbeverein Ahaus hält dagegen. Von den Ahauser Händlern, nach Kenntnis des Gewerbevereins, werde kein Mitarbeiter gezwungen, an einem verkaufsoffenen Sonntag zu arbeiten. Damit der Erholungsaspekt dennoch nicht zu kurz komme, würden die Mitarbeiter Zuschläge von bis zu 100 Prozent der geleisteten Stunden erhalten, die sie wieder in Freizeit oder in mehr Gehalt ummünzen können.

Nachteil gegenüber Onlinehandel

„Dem stationären Einzelhandel sollte die Möglichkeit gegeben werden, rechtssicher eine begrenzte Anzahl von Sonntagen öffnen zu dürfen“, sagt AMT-Chefin Claudia Platte. Für den Einzelhandel seien verkaufsoffene Sonntage angesichts des Strukturwandels und des geänderten Einkaufsverhaltens sehr wichtig. „Gegenüber dem Onlinehandel ist der stationäre Handel ohnehin schon im Nachteil, was die Öffnungszeiten angeht“, sagt Claudia Platte. „Letztlich geht es hier auch um Arbeitsplätze im stationären Handel unserer Region.“

Claudia Platte spricht sich dafür aus, die Rahmenbedingungen und den Anlassbezug von verkaufsoffenen Sonntagen zu lockern. „Die aktuell geltende zwingende Bindung von verkaufsoffenen Sonntagen an den Anlass von Festen und Märkten ist hinderlich und missverständlich und sollte dringend aufgehoben werden.“ Darum geht es: Nach der aktuellen Rechtsprechung ist es so, dass die Stadt den Anlass für den verkaufsoffenen Sonntag begründen muss. „Sie muss eine Prognose abgeben, aus der deutlich wird, dass der Anlass den Besucherstrom auslöst und nicht die Öffnung der Geschäfte“, erklärt Verdi-Gewerkschaftssekretärin Gaby Beuing.

Viel Aufwand

Zudem muss vom Rat der Stadt Ahaus für die kommenden geplanten verkaufsoffenen Sonntage gemäß Ladenöffnungsgesetz NRW jeweils eine neue ordnungsbehördliche Verordnung beschlossen werden. Das bedeutet viel Aufwand, bevor auch nur ein Geschäft in Ahaus am Sonntag öffnet. „In Holland ist den Geschäften ganz einfach freigestellt, ob sie sonntags öffnen wollen oder nicht“, sagt die Gewerbevereinsvorsitzende Petra Steingrube-Rittmann. „Bei uns in Deutschland ist das viel zu kompliziert. Das müsste vereinfacht werden. Dazu gehört auch Rechtssicherheit, wann geöffnet werden darf und wann nicht.“

„Event-Shopping“ unter der Woche

Einfacher sei es derzeit, Aktionen zu planen, die unter der Woche stattfinden, erläutert die Geschäftsführerin. Die Geschäfte in der Ahauser Innenstadt könnten zum Beispiel einmal im Monat an einem Abend länger öffnen, „beispielsweise bis 22 Uhr“, sagt Petra Steingrube-Rittmann. Eine „Ladies Night“ oder ein Mitternachts-Shopping, bei dem man den Kunden den roten Teppich ausrollt und sie bei einem Glas Sekt begrüßt, wären weitere solcher Veranstaltungen. „Die Ahauser freuen sich doch, wenn es einen Anlass gibt, dass sie auch unter der Woche in der Innenstadt zusammenkommen können“, sagt die Vorsitzende des Gewerbevereins.

Einkaufen in Ahaus soll Freude machen – nicht nur unter der Woche

Eine gut besuchte Innenstadt, auch am Sonntag: beim Winterzauber 2018. © Stefan Hubbeling

Die AMT-Geschäftsführerin hat sie dabei an ihrer Seite. Claudia Platte: „Neue Konzepte, wie zum Beispiel die Ausweitung der Öffnungszeiten oder zusätzliche Events innerhalb der Woche, können nur gemeinsam mit dem Einzelhandel erarbeitet werden.“ Dabei könne der Ahauser Einzelhandel mit vielen Pfunden wuchern. „Freundlichkeit, Wertschätzung, Kompetenz, Vertrauen. Die Beratung vor Ort ist der entscheidende Vorteil des Einzelhandels.“

Bindung an die Stadt

Wobei wir wieder bei den verkaufsoffenen Sonntagen sind. „Natürlich sollte der Sonntag grundsätzlich kein Arbeitstag und überwiegend für die Familie reserviert sein“, erläutert Claudia Platte. „Allerdings reden wir auch nicht von einer grundsätzlichen Sonntagsöffnung, sondern in Ahaus von einer überschaubaren Anzahl an verkaufsoffenen Sonntagen.“ Im Jahr 2018 waren das für Ahaus und die Ortsteile insgesamt elf. Es gelte: „Wer an den verkaufsoffenen Sonntagen seine Besorgungen in der Stadt erledigt, lernt auch die Vorzüge des stationären Handels neu kennen. Und das stärkt die Bindung an die Stadt und die Geschäfte. Nach wie vor ist Einkaufen eine überwiegend emotionale Angelegenheit.“

Stärken unter Beweis stellen

Dass die verkaufsoffenen Sonntage ein wichtiger Standortfaktor sind, dessen ist sich auch die Stadt Ahaus bewusst. Die verkaufsoffenen Sonntage würden den Einzelhändlern in Ahaus die Möglichkeit bieten, ihre Stärken, wie zum Beispiel zusätzliche Einkaufserlebnisse oder gute Beratung unter Beweis zu stellen.

Bei der Gewerkschaft Verdi weiß man um die Begehrlichkeiten der Kaufleute, die sich zusätzlichen Umsatz durch die Sonntagsöffnung versprechen.

„Aber schon der wirtschaftsliberale Volkswirt Prof. Wolfgang Stützel wusste es besser“, heißt es in der Verdi-Resolution. „Der Gesamtabsatz der Einzelhändler wird durch eine Änderung der Ladenöffnungszeiten nicht verändert. Eine Verlängerung der Öffnungszeit bringt nur Mehrbelastung, keine Absatzsteigerung.“ Das Verdi-Fazit: „Am Ende arbeiten also alle mehr, alle verlieren den gemeinsamen freien Sonntag und niemand hat etwas davon.“

Euregio vertritt keine Position

Doch was sagt eigentlich die Euregio zur unterschiedlichen Handhabe der verkaufsoffenen Sonntage diesseits und jenseits der Grenze? Die Euregio ist ein deutsch-niederländischer Zweckverband, dem 129 Städte, Gemeinden und Kreise angehören. Auf niederländischer Seite erstreckt sich das Gebiet unter anderem über die Regione Twente, auf deutscher Seite zählen unter anderem das Münsterland und Teile des südlichen Emslands dazu.

Die Euregio fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Unternehmen und Organisationen. Doch bei der Thematik der verkaufsoffenen Sonntage hält sich der Zweckverband mit Äußerungen zurück. „Die Euregio vertritt zur Frage der unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen zu den Öffnungszeiten keine Position“, ist die knappe Antwort von Marie-Lou Perou, bei der Euregio zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation.

Vergleichbare Herausforderungen

Die Frage, ob die Euregio durch die Vielzahl an verkaufsoffenen Sonntagen in den Niederlanden Benachteiligungen für Einzelhändler auf deutscher Seite sieht, beantwortet Marie-Lou Perou folgendermaßen: „Nach unserer Einschätzung ist die Frage der Öffnungszeiten allein noch kein Maßstab, um Vorteile oder Nachteile zu identifizieren. Inwiefern die unterschiedlichen Regelungen also tatsächlich eine Benachteiligung für deutsche Einzelhändler mit sich bringen, können wir nicht einschätzen.

Wir wissen aber: Gerade im Einzelhandel spielen heute auf beiden Seiten der Grenze andere Kriterien eine ebenso bedeutende Rolle. Die Herausforderungen sind dabei durchaus vergleichbar.“ Die Euregio suche gemeinsam mit der Bezirksregierung Münster und der Provinz Overijssel in einem aktuellen Projekt nach Lösungen für eine erfolgreiche Innenstadt-Gestaltung der Zukunft. Dazu tausche man sich grenzüberschreitend aus.

Unsere Redaktion hätte sich auch gerne mit der Stadt Enschede über ihre Erfahrungen mit den verkaufsoffenen Sonntagen ausgetauscht. Mehrere Anfragen ließ die Stadt unbeantwortet.

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