37 Jahre Jahre lang praktizierte Dr. Elisabeth Leewe als Hausärztin in Alstätte. Warum sie von Düsseldorf aufs Land wechselte, erzählt die Neu-Ruheständlerin jetzt im Interview.

von Alex Piccin

Ahaus

, 11.08.2019 / Lesedauer: 4 min

Gut gelaunt sitzt Dr. Elisabeth Leewe mit ihrem Mann Martin im Garten und genießt die nachmittägliche Ruhe. Seit gut fünf Wochen ist die Ärztin im Ruhestand, ihr Gatte als ehemaliger Notar seit Jahresbeginn.

Die Zeit in der Praxis vermisst Elisabeth Leewe nicht, obwohl – oder gerade weil – diese direkt am eigenen Wohndomizil angrenzt. Aus den über vier Jahrzehnten als Medizinerin nimmt sie vieles mit in den neuen Lebensabschnitt und gibt der jungen Generation Tipps mit auf den Weg.

Frau Leewe, nach über 40 Jahren als Medizinerin war Ende Juni für Sie offiziell Schluss. Wie geht es Ihnen im neuen Lebensabschnitt? Was war ihre erste Amtshandlung am 1. Juli?

Mehr als gut. Ich genieße die Freizeit. Mein Mann und ich sind direkt in den Urlaub gefahren.

Ist Ihnen der Abschied schwer gefallen?

Es war so gesehen kein harter Einschnitt. Seit Anfang 2019 habe ich nur alle zwei Wochen freitags und montags gearbeitet. Vorher waren es vier Tage die Woche.
So richtig weg aus der Praxis sind Sie zumindest räumlich nicht.
Das stimmt, allerdings bekommen wir in der Regel nichts vom Praxisbetrieb mit.
Katharina Bertels und Dr. Dr. Heinz Giesen führen diese jetzt weiter.

Haben Ihre Nachfolger und Sie eine Absprache getroffen, dass Sie notfalls auch mal aushelfen könnten?

Es stand auch die Option im Raum, dass die Praxis geschlossen wird, denn sie alleine zu leiten ist zu aufwendig. Unsere Tochter ist auch Ärztin und galt als potenzielle Nachfolgerin. Doch sie hat ihr Lebensglück in der Schweiz gefunden. Jetzt ist die Praxis doppelt besetzt und, soweit ich es beurteilen kann, wurde mit Dr. Dr. Giesen ein ganz guter Arzt gefunden. Alstätte ist außerdem, was die ärztliche Versorgung angeht, mit vier Medizinern gut aufgestellt. Daher gehe ich nicht davon aus, irgendwann mal einzuspringen. Das muss ich nicht haben. Wenn bei mir allerdings der Eindruck entstehen sollte, dass in der Praxis nichts los sein und sie den Bach runtergehen würde, müsste ich ein halbes Jahr hier weg. Es steckt sehr viel Herzblut drin.

Sie sprechen die schwere Suche nach einem Nachfolger an. Seit Jahren wird versucht, jungen Medizinern eine Praxis auf dem Land schmackhaft zu machen. Was geben Sie dem Ärztenachwuchs diesbezüglich mit auf den Weg?

Arzt auf dem Land zu sein ist spannend. Man kennt jeden Bauernhof, alle Familienverhältnisse, hat einen kurzen Draht zu den Patienten. Die vermehrt auftretenden psychosomatischen Ursachen sind einfacher zu behandeln, wenn man das Umfeld des Patienten kennt. Ich glaube auch, dass die jungen Mediziner sich vorstellen, in der Stadt oder in einem großen Krankenhaus sei die Arbeit viel einfacher. Das kann ich so nicht bestätigen. Geld darf außerdem nicht ausschlaggebend sein.

Nach Ihrer Approbation 1977 waren Sie Ärztin in der Düsseldorfer Klinik und kamen im Dezember 1982 nach Alstätte. Warum der Sprung von der Stadt aufs Land?

Ich habe 1981 geheiratet, ein Jahr später kam unser Erstgeborener auf die Welt. Da habe ich gemerkt, die Arbeit in der Klinik verträgt sich mit der Familie nicht. Meine Tante hatte in Alstätte eine Praxis als Landärztin und ich bin im Dezember 1982 dort eingestiegen.

Wie lief es, nachdem Sie die Praxis übernommen haben?

Einfach war es nicht. Jede Nacht hatte ich Bereitschaftsdienst. Einmal wurde ich im Winter, es lag hoch Schnee, gegen drei Uhr morgens zu einem Notfall gerufen. Als ich wieder zurück war, stand der nächste Einsatz an – beim Nachbarn des ersten Falles. Leider gab es damals noch keine Mobiltelefone.

Weitere und unterschiedliche Dienste häuften sich, bis es irgendwann zu viel wurde. Also holte ich Katharina Bertels in die Praxis und erwarb 2007 den Titel als Allgemeinmediziner, um sie auszubilden.
Als 2011 der zentrale Notdienst eingeführt wurde, war das fast wie der Himmel auf Erden. Die Notdienste beschränkten sich auf nur noch drei oder vier Mal im Jahr. Es war eine schöne, aber anstrengende Zeit.

Gibt es Situationen oder Fälle, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Da gibt es einige. Eine ist die erste Hausgeburt in Alstätte nach vielen Jahren – zumindest inoffiziell. Es war Mitte der Neunzigerjahre, unsere jüngsten Kinder waren im Grundschulalter. Sie machten sich morgens auf den Weg, kamen aber kurz darauf wieder zurück und sagten: „Hier steht eine Oma vor der Tür die ruft: ‚Wir kriegen ein Kind!‘“ Ich habe mich gleich auf die Socken gemacht. Es dauerte nicht lang und das Kind war auf der Welt. Die Mutter kam anschließend nach Gronau ins Krankenhaus, wo die letzte Geburtsphase abgeschlossen wurde. Somit galt das Kind offiziell als in Gronau geboren.

Sie sind zu Beginn ihrer Rentenzeit gleich in den Urlaub durchgestartet. Haben Sie Wünsche, die sie jetzt verwirklichen können?

Als Nächstes gehen wir vermutlich eine Radtour in Österreich an. Es gibt schon Sachen, die bislang zu kurz gekommen sind. Für die großen Dinge haben wir uns jedoch immer Zeit genommen. Insgesamt stehen keine großen Projekte an. Wir nutzen die Zeit für die Familie.

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