Eltern im Perfektionswahn hindern Kinder in ihrer Entwicklung

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Achtung Perfektionsfalle. „Viele Eltern streben nach dem Bild der perfekten Familie aus der Nutella-Werbung“, weiß Psychologin Heike Bernat. „Und genau da liegt das Problem.“

von Christin Lesker

Ahaus

, 25.11.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Perfektionswahn von Eltern. Ein Problem, das viele Experten sehen. Studien belegen: Durch den Einfluss von sozialen Netzwerken und Optimierungstrends streben viele Menschen nach unrealistischen Zielen. Unzufriedenheit ist das Resultat, denn diese Ziele sind meist unerreichbar.

Ein Problem, mit dem sich auch die Ahauser Psychologin Heike Bernat intensiv beschäftigt. Sie sagt: „Darunter leiden oft die Kinder.“ Das Thema brennt vielen Eltern unter den Nägeln. Deshalb hält Heike Bernat immer wieder mal Vorträge zum Thema „Raus aus der Perfektionismusfalle – Kinder brauchen Eltern, die auch mal Fehler machen“. Auch das Jugend- und Familienbildungswerk hat die Psychologin schon öfter engagiert. Wir haben uns mit der Ahauserin unterhalten.

Heike Bernat sieht die Rolle der Eltern im starken Wandel. „Viele haben das Gefühl, den vielseitigen Anforderungen der Gesellschaft nicht zu genügen. Sie haben das Gefühl, alles muss perfekt sein.“ Das für die Entwicklung so wichtige Fehlermachen der Kinder werde dann als persönliches Versagen wahrgenommen. Aber was macht es mit einem Kind, wenn es das Gefühl hat, den Eltern nicht genug zu sein?

Leben wie in der Nutella-Werbung

Eine Fitnesstracker-Uhr am Arm, ein Mini-Computer in der Hosentasche. Es gibt Technologien, die uns verraten, wie wir immer besser werden. Man kann die Schrittzahl, die Kalorien und sogar den Schlaf überwachen. „Vieles ist auf Optimierung getrimmt“, erklärt Heike Bernat.

Eltern im Perfektionswahn hindern Kinder in ihrer Entwicklung

Heike Bernat © privat

Zudem findet ein großer Teil unseres Lebens online statt. „Statt wie früher nur mit Freunden, vergleichen wir uns heute mit Menschen auf der ganzen Welt. Im Netz sehen wir Familien ohne Stress, Mütter, deren Haushalt immer blitzblank ist, die nie müde und immer gut gelaunt sind. Alles scheint so perfekt wie in einer Nutella-Werbung“ , stellt die Psychologin fest.

Diese Bilder sind nur Momentaufnahmen, sie spiegeln nicht das wahre Leben wider. Und doch können sie ein Gefühl in uns auslösen, das eigene Leben sei nicht gut genug. Die Folgen: Man ist unzufrieden, setzt sich noch höhere Ziele – es ist eine Abwärtsspirale.

Heike Bernat erklärt: „Diesen Perfektionismus übertragen Eltern schnell auf ihre Kinder, denn auch sie gehören ins angestrebte Bild des perfekten Lebens. Das bedeutet Unsicherheit und Druck fürs Kind.“

Mut zu Fehlern

Mama und Papa sind einfach die Größten! Jeder kennt es, in den ersten Lebensjahren möchte man so sein wie die Eltern und sie nicht enttäuschen.

„Wenn Eltern durch ihr Verhalten vermitteln, dass Fehler zu machen eine Katastrophe ist, dann haben Kinder Angst, Fehler zu machen. Dabei sind Fehler so wichtig, um Neues zu lernen“, erklärt Heike Bernat „Ein Profi hat immer mehr Fehler gemacht als ein Anfänger.“

Reflektion statt Perfektion

Eigentlich wissen wir, dass die Supermamis und -papis keine realistischen Vorbilder sind, denen es lohnt hinterherzueifern. Deshalb hilft es, das eigene Verhalten und Streben, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen. In welchen Lebensbereichen will ich perfekt sein und warum? Wie realistisch ist das, was ich im Internet oder in der Werbung sehe? Tue ich etwas für mich oder weil ich denke, anderen Ansprüchen genügen zu müssen?

„Wir müssen anfangen, lösungsorientiert statt problemorientiert zu denken“, findet Heike Bernat. Schlechten Noten könne man besser mit der Überlegung begegnen, wie es besser wird, statt sich über die Note an sich aufzuregen.

Außerdem tut es gut, sich klar zu machen, was schon gut läuft. „Eltern brauchen Selbstwertgefühl, um mit den Fehlern der Kinder umzugehen“, macht die Ahauserin klar.

Heike Bernat hilft

In ihren Gesprächen hört Heike Bernat, dass viele wissen, dass übermäßiger Perfektionismus dem Zusammenleben und vor allem dem Kind nicht gut tut. Aber selbst Wege aus der Perfektionsfalle zu finden, fällt trotzdem oft schwer. Es fehle Anleitung zu konkreten Veränderungen. „Ich erlaube mir, nicht perfekt zu sein“, das könnte ein Spruch für die Pinwand sein. Wohlwollend zu sein, wie man es mit der besten Freundin ist, auch das kann helfen.

„Vielen Eltern rate ich, ihrem Kind einfach mal beim Spielen zuzusehen. Damit meine ich nicht, sie wie ein Animateur zu bespaßen. Am besten setzen sie sich zu dem Kind auf den Boden, stecken die Hände unter die Beine und folgen nur den Spielideen des Kindes. Da können zehn Minuten am Tag anfangs ausreichen.“ Das Handy sollte natürlich in dieser Zeit nicht griffbereit sein.

Und noch ein Leitsatz ist für Heike Bernat wichtig: „Wir dürfen uns nicht fragen, was kann mein Kind, sondern wer ist mein Kind?“

Zur Person

  • Heike Bernat ist ursprünglich ehemalige Erzieherin mit zehn Jahren Berufserfahrung.
  • Mit 30 Jahren hat sie ihr Psychologie-Studium begonnen und als Master of Science beendet.
  • Seit zweieinhalb Jahren führt sie eine Praxis in Ahaus. Dort bietet sie Konzentrations- und Entspannungstraining für Kinder und Erwachsene an, hilft beim Stressmanagement und erarbeitet in Einzelgesprächen mit Familien Wege zur Verbesserung des Zusammenlebens.
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