Der OP-Saal 3 im Krankenhaus Maria-Hilf Stadtlohn. Das Krankenhaus wird bald geschlossen, die Abteilungen werden nach Ahaus verlegt. © Markus Gehring
Klinikum Westmünsterland

Experte erklärt Krankenhaus-Schließungen: „Qualität wichtiger als Nähe“

Fachkräftemangel, demografischer Wandel, neue Behandlungsmethoden. Ein Gesundheitsexperte erklärt, warum die Krankenhaus-Schließungen in Vreden und Stadtlohn nötig sind.

Nicht die Nähe eines Krankenhauses entscheidet, sondern die Qualität.“ Das sagt Prof. Dr. Norbert Roeder. Er arbeitet als Berater im Gesundheitswesen, und hat das Klinikum Westmünsterland bei der Planung der Neustrukturierung begleitet. Bei den Infoveranstaltungen in Vreden und Stadtlohn hat er den Besuchern erklärt, warum diese notwendig sei.

Dazu führte er Zahlen aus dem aktuellen Deutschen Herzbericht an. Demnach starben 2019 in Schleswig-Holstein 28,5 Menschen pro 100.000 Einwohnern an einem Herzinfarkt. In Berlin ist die Zahl mit 39 von 100.000 Einwohnern deutlich höher.

Dabei gebe es dort mehr Krankenhäuser. Aber nicht jede Klinik könne einen Herzinfarkt gut behandeln. Deswegen landen die Patienten oft nicht im richtigen Krankenhaus und verlieren durch die Verlegung wertvolle Zeit.

In Schleswig-Holstein hingegen gibt es recht wenige Krankenhäuser und die Fahrzeit zwischen den einzelnen Standorten beträgt 30 bis 50 Minuten. „Aber es hat nie jemand gesagt, dass es zu wenige sind, weil alle Krankenhäuser top ausgestattet sind“, sagte Norbert Roeder.

Krankenhäuser in Notfallstufen eingeteilt

Genau das soll nun auch im Kreis Borken passieren. Alle wichtigen Abteilungen werden in Ahaus platziert, dafür sind zahlreiche Erweiterungsbauten und große Investitionen geplant.

Vorgaben, in welchem Zeitraum bestimmte Leistungen erreichbar sein müssen, gibt es kaum. 90 Prozent der Bevölkerung müssen innerhalb von 20 Minuten eine Notfallversorgung erreichen können, innerhalb von 40 Minuten eine Kinder- und Jugendklinik. Diese Voraussetzungen werden auch nach der Umstrukturierung im Kreis Borken eingehalten. Für alle anderen Bereiche gibt es keine Vorgaben.

Die Krankenhäuser werden seit einiger Zeit in sogenannte Notfallstufen eingeteilt. Die Einrichtungen in Stadtlohn und Ahaus haben zurzeit die Notfallstufe eins, Ahaus wird nach dem Umbau in Stufe zwei rutschen. Vreden hat gar keine Notfallstufe, weil es dort keine Chirurgie gibt.

Fachkräftemangel und neue Behandlungen

Aber warum können nicht einfach alle Standorte gut ausgestattet werden? Das liegt zum einen an politischen Vorgaben. Zum anderen am Fachkräftemangel. „Kein Krankenhaus schafft es, so viele Pflegekräfte zu haben, wie es braucht, um alle Stellen zu besetzen“, sagte Norbert Roeder.

Er machte in diesem Zusammenhang auch auf den demografischen Wandel aufmerksam. 1,2 Millionen Menschen in Deutschland werden jedes Jahr 65 Jahre alt, nur 750.000 feiern ihren 20. Geburtstag. „Um diese jungen Menschen konkurrieren alle Branchen“, sagte Norbert Roeder.

Hinzu kommt, dass sich die Art der Behandlung in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Früher habe man zum Beispiel einen Herzinfarkt zunächst symptomatisch behandelt. „Dann hat man geschaut, ob der Patient überlebt. Erst danach wurde die Ursache behoben“, sagte Norbert Roeder. Heute passiere das direkt.

Krankenhäuser nur zu 60 Prozent ausgelastet

Gleichzeitig werden mehr Behandlungen ambulant durchgeführt, die früher stationäre Leistungen waren. „Die Krankenhäuser sind im Schnitt nur zu 60 Prozent ausgelastet“, sagte Norbert Roeder.

All diese Problematiken führen zu dem Schluss, dass Kliniken ihre Ressourcen besser bündeln müssen, um die Qualität aufrecht erhalten zu können. Die Hoffnung, dass das durch die Neustrukturierung klappt, ist bei den Verantwortlichen groß.

Einen ersten Effekt sehe man schon jetzt, berichtete Holger Winter, Geschäftsführer beim Klinikum Westmünsterland. Seit Bekanntwerden der Pläne habe es schon eine Initiativbewerbung eines Arztes gegeben. Zwei weitere hätten nach langen Verhandlungen wegen der Umstrukturierungen jetzt zugesagt.

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Victoria Garwer

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