Farid ist jetzt Ahauser

Pflegekind aus Kabul

Seit Anfang Oktober lebt Farid in Ahaus. Seine Mutter hat den 14-Jährigen aus seiner Heimat Afghanistan weggeschickt: Denn dort verbreiten die Taliban Angst und Schrecken. Zum ersten Mal wird er in diesem Jahr Weihnachten mit seiner neuen Familie feiern: Raphaela und Klaus Niewerth haben ihn als Pflegekind zu sich genommen. Jetzt beginnt das Familienleben zu sechst.

AHAUS

, 24.12.2016, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Etwas schüchtern sitzt Farid am Esstisch bei Familie Niewerth. Die  Redaktion ist zu Besuch und möchte wissen, wie es sich anfühlt, mit 14 Jahren plötzlich in einem fremden Land, einer fremden Kultur und bei einer neuen Familie zu wohnen. Wie es ist, plötzlich Weihnachten zu feiern. Farid lächelt. "Hier ist zuhause", sagt er.

Elias hatte die Idee und ließ nicht locker

Seit Anfang Oktober lebt Farid in Ahaus. Der älteste Sohn der Familie sei auf die Idee gekommen, einen Flüchtling aufzunehmen: "Ich hab mich mit meiner Oma über Flüchtlinge unterhalten. Die hat dann gesagt, dass es im Krieg ganz normal war, Flüchtlinge aufzunehmen", sagt der 16-jährige Elias. Danach ließ er nicht mehr locker. Das war vor über einem Jahr. Ab November haben sich seine Eltern ernsthaft mit der Frage befasst, wie sie helfen können: "Wir haben Infoveranstaltungen und einen Kurs besucht", sagt Raphaela Niewerth. Ein halbes Jahr später kam dann Farid als Pflegekind zu ihnen.

Wenig Schule, viel Arbeit

Farid stammt aus Kabul. Dort lebt er mit drei Brüdern, einer Schwester und seiner Mutter. Als sein Vater vor einigen Jahren stirbt, muss sich der Junge mit um den Unterhalt der Familie kümmern. Mit ungefähr neun oder zehn Jahren muss er anfangen, zu arbeiten. Erst in einer Autowerkstatt, dann bei einem Bäcker, schließlich bei einem Fernsehtechniker. Schule spielt nur eine untergeordnete Rolle: Drei Stunden Schule hat er pro Tag. Zwölf Stunden muss er arbeiten. Zeit für Hobbys, Freunde oder Spiele bleibt da nicht. In Ahaus ist das anders. Farid besucht die internationale Klasse am Alexander-Hegius-Gymnasium.

Zwei Wochen Kennenlernen

Wie lassen sich im Alltag die unterschiedlichen Kulturen und Ansichten unter einen Hut bringen? Wie gewöhnt man sich aneinander? "Wir haben es uns schwerer vorgestellt, als es ist", sagt Klaus Niewerth. Ein, zwei Wochen habe das Kennenlernen gedauert. Doch diese Phase ist längst vorbei. "Wir sind jetzt eben zu sechst", sagt Raphaela Niewerth und lacht. Auch Farid lächelt wieder. "Hier ist alles anders", sagt er ganz leise. Er erzählt von Selbstmordattentätern, von Explosionen, von Menschen, die aus einer Laune heraus einen Mord begehen und nicht verfolgt werden. "In Kabul sind die Taliban", sagt der 14-Jährige. Will er zurück? "Nein. Da ist Krieg", sagt er, "da kann ich nicht bleiben." Seine Mutter war es, die ihn schließlich weggeschickt hat. "Damit ich in Sicherheit bin", sagt Farid. Seine Geschwister sind noch bei der Mutter in Kabul. Auch sie sollen Afghanistan verlassen. Das hat zumindest seine Mutter gesagt. Via Internet steht er regelmäßig mit seiner Familie in Kontakt. "Klar vermisse ich sie", sagt er und wird für einen Augenblick ganz still. "Aber mein Zuhause ist jetzt hier", fügt er dann hinzu.

Noch nie einen Baum geschmückt

Zum ersten Mal wird er in diesem Jahr Weihnachten mit seiner neuen Familie feiern. Das Fest kennt er schon. Vor einem Jahr war er mit anderen Flüchtlingen in einem Hotel in Frankfurt untergebracht. Mit denen hat er gemeinsam gefeiert. Einen Baum hat er jedoch noch nie geschmückt. Dass er eigentlich Muslim ist, stört ihn nicht. Er will sowohl muslimische Feste als auch die christlichen feiern. Elias und seine beiden Schwestern Helene (12) und Louise (10) freuen sich über ihren neuen Bruder. Sie finden es spannend, was Farid ihnen aus seinem Leben erzählt. "Am Anfang waren wir natürlich sehr vorsichtig, was wir fragen konnten und was nicht", erzählt Elias. Inzwischen löchern sie ihn mit Fragen. Auch ihre Mitschüler sind neugierig: "Die wollen alle Farid kennenlernen", sagt Helene.

In Sicherheit leben und zur Schule gehen

Bei aller Spannung und Neugier: Raphaela und Klaus Niewerth sehen die Situation eben auch aus Elternsicht: "Was bewegt mich, mein Kind wegzuschicken?", fragt Klaus Niewerth. Er lässt die Frage unbeantwortet: "Erst durch solche Fragen merkt man, wie gut es uns hier geht." Beide wollen nicht bewerten, was Farids Mutter entschieden hat. "Das können wir mit unseren europäischen Werten auch gar nicht", sagt Raphaela Niewerth. Sie will ihrem Pflegesohn zuhören und für ihn da sein. "Mehr kann ich nicht tun", sagt sie. Farids Wünsche für das Weihnachtsfest oder seine Zukunft? Der 14-jährige blickt etwas hilflos in die Runde am Esstisch. Er kann keine nennen. Er möchte nur in Sicherheit leben und zur Schule gehen.

 

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