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Frühes Karriereende hilft Bernd ter Huurne (26) bei seiner Arbeit als Physiotherapeut

mlzAbi-Serie

Bernd ter Huurne (26) musste seine Fußballkarriere frühzeitig beenden. In Teil drei unserer Serie „Erst das Abi, und was dann...?“ berichtet er, warum er deshalb Physiotherapeut wurde.

Ahaus

, 08.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Bereits mit 21 Jahren trägt Bernd ter Huurne die Kapitänsbinde des Fußball-A-Ligisten VfB Alstätte. Er ist Denker und Lenker der Mannschaft; verfügt über ein Spielverständnis, das in der Kreisliga A nichts verloren hat. Doch sein Körper spielt nicht mit, seine Fußballschuhe hängen mit 22 am Nagel. Bernd ter Huurne wird zum Dauerpatienten, die Reha sein zweites Zuhause. Heute arbeitet er selbst als Physiotherapeut. Die eigene Leidensgeschichte helfe, die Sorgen seiner Patienten zu verstehen, sagt er.

Berufsweg klar vor Augen

Anders als viele seiner Stufenkollegen weiß der gebürtige Alstätter schon in jungen Jahren, wo sein Berufsweg hingehen soll. Zu Beginn der Oberstufe bewirbt er sich bei der Polizei. Seine Bewerbung überzeugt durchgehend – doch die ärztliche Untersuchung wird zu seinem Verhängnis. „Mir wurde gesagt, dass meine Kreuzbänder für den Polizeiberuf ein zu großes Risiko darstellen“, erklärt ter Huurne. Die Entscheidung sorgt bei ihm damals für Unverständnis.

Erst recht, als er kurz darauf den sagenumwobenen Eignungstest an der Sporthochschule Köln besteht. Kniebeschwerden sind ihm da noch fremd. „Es war sehr frustrierend, weil die Bewerbung bei der Polizei nicht an der persönlichen Leistung, sondern am Körper scheiterte.“ Doch die Ärzte, deren Urteil er damals verfluchte, sollten Recht behalten. Kurze Zeit später – im Jahr 2009 – liegt Bernd ter Huurne das erste Mal auf dem OP-Tisch. Seine Krankenakte nach heutigem Stand: drei Korbhenkelrisse am Innenmeniskus, ein Kreuzbandriss.

Über ein Praktikum zum Physiotherapeut

Die Option Sporthochschule zerschlägt sich ebenfalls. Stattdessen beginnt er ein Praktikum im Gesundheitszentrum Vreden. Hier kam er mit Sportwissenschaftlern, Ergo- und Physiotherapeuten in Kontakt. „Während dieser Zeit habe ich von dem Modellstudiengang Therapie- und Gesundheitsmanagement mit Schwerpunkt Physiotherapie in Münster erfahren“, so der heute 26-Jährige. Seine Kommilitonen und er beschreiten damit einen neuen Weg, denn in der Regel durchlaufen Physiotherapeuten eine schulische Ausbildung, für die ein monatliches Schulgeld in Höhe von mehreren Hundert Euro fällig wird.

Frühes Karriereende hilft Bernd ter Huurne (26) bei seiner Arbeit als Physiotherapeut

Bei diesem handelsüblichen Zweikampf gegen den FC Epe zog sich Bernd ter Huurne 2013 seine zweite schwere Knieverletzung zu. © Angelika Hoof

2016 hat er seine Ausbildung und den Bachelor in der Tasche. Er tritt eine Vollzeitstelle in einer Essener Praxis an, weil seine Frau in der Ruhrmetropole als Realschullehrerin arbeitet. Seitdem behandelt er täglich zwischen 10 und 20 Patienten mit orthopädischen Leiden oder nach chirurgischen Eingriffen. „Direkt nach der Ausbildung ist man allein für die Krankengymnastik zuständig. Damit es sich für die Praxis überhaupt rentiert, erinnert es leider ein bisschen an Fließbandarbeit.“ Deshalb bildet er sich trotz seiner zwei Abschlüsse weiter: „In den vergangenen Jahren habe ich viel Zeit und Geld in Fortbildungen investiert, um für das weitere Berufsleben gut aufgestellt zu sein“, erklärt ter Huurne.

Akuter Fachkräftemangel als Vor- und Nachteil

Dass in der Branche akuter Fachkräftemangel herrscht, ist für den Alstätter Fluch und Segen zugleich. „Für junge Menschen wirkt der Beruf oft unattraktiv. In den ersten Berufsjahren steht der Verdienst in keinem Verhältnis zu den Kosten, die durch Schule und Weiterbildungen anfallen. Da braucht es vor allem Leidenschaft.“ Er sieht die Politik, allen voran Gesundheitsminister Jens Spahn, in der Pflicht, dass sich in der Branche etwas tut. „Unser Beruf hat in den Niederlanden oder Skandinavien einen ganz anderen Stellenwert. Auch aufgrund der höheren Bezahlung. Da müssen wir auch hinkommen“, sagt der Alstätter.

Für ihn hat die Medaille aber auch eine andere Seite: „Von fünf Bewerbungen hatte ich fünf Zusagen. Überall wird um Physiotherapeuten gebuhlt.“ Die Zukunftsaussichten seien auch aufgrund des demografischen Wandels blendend. Der 26-Jährige sieht in der Physiotherapie große Chancen für das Gesundheitssystem: „Es braucht nicht immer sofort Medikamente oder eine OP. Wenn wir uns in der Prävention verbessern, wird weniger krankgefeiert.“

Die eigene Leidensgeschichte hilft im Alltag

Die Ursache für den Fachkräftemangel sieht Bernd ter Huurne auch in den kursierenden Vorurteilen begründet. „Viele Menschen denken, dass wir im Prinzip nur gute Masseure seien und den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt sind. Wenn man sich aber unsere Ausbildung anschaut, gab es nur zwei oder drei Unterrichtseinheiten, in denen wir Massagetechniken gelernt haben“, so ter Huurne. Anders als bei einem KfZ-Mechaniker sei es aber nicht damit getan, ein Teil zu wechseln. „Der Kopf spielt eine sehr wichtige Rolle in der Therapie. Da sind wir manchmal auch als Psychologen gefragt“, sagt der Alstätter.

Dass er selbst in jungen Jahren als Sportler gleich mehrere Schicksalsschläge zu verarbeiten hatte, hilft in diesen Situationen. „Ich hatte Jugendspieler von Fortuna Düsseldorf oder Schalke 04 als Patienten und für sie war die Ungewissheit nach der Verletzung das Schlimmste. Wenn sie sofort wissen, dass der Weg zur vollständigen Genesung nicht immer linear verläuft, dann geraten sie nicht beim kleinsten Rückschlag in Panik.“

Herz schlägt für die Heimat

Obwohl Bernd ter Huurne sich in der Essener Praxis gut aufgehoben fühlt, könnten schon bald Veränderungen anstehen. Zwei Optionen hat der 26-Jährige im Hinterkopf: „Ich könnte mir vorstellen, den Master im betrieblichen Gesundheitsmanagement dranzuhängen oder mich auf eine Führungsposition zu bewerben.“ Auf Dauer ist auch der Schritt in die Selbstständigkeit eine Option. Im Ruhrgebiet oder im Münsterland? „Meine Frau und ich kommen aus Alstätte und wir sprechen oft darüber, wo es langfristig hingeht. Unser Herz hängt an der Heimat. Aber als Lehrerin hat man auf den Standort seines Arbeitsplatzes nur bedingt Einfluss.“

Die Fußballschuhe darf Bernd ter Huurne auch heute nicht schnüren. Das Risiko eines Rückschlags ist zu hoch. Als Ersatzsport fährt er seit Jahren Rennrad und hält sich auf der praxiseigenen Trainingsfläche fit. Als Nebenjob betreut er außerdem am Olympiastützpunkt in Essen die Kanuten. „Ich arbeite aber daran, wieder in die Belastung zu gehen. Vielleicht reicht es dann wenigstens für den Bolzplatz“, sagt der Alstätter. Die fußballerischen Ziele sind kleiner geworden. Bernd ter Huurnes Ehrgeiz nicht.

Info:

In der Serie „Erst das Abi, und was dann?“ stellt unser Redakteur Johannes Schmittmann anhand von exemplarischer Biografien verschiedene Optionen nach dem Abitur vor.
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